1837_Schopenhauer_092_116.txt

, wie dieses zu verstehen sei, bis endlich der Minister seine Absicht, ihn auf unbestimmte Zeit in seinem haus festzuhalten, deutlicher an den Tag legte.

Zürnend fuhr Richard auf; sein Gesicht erglühte, sein Auge flammte.

Gefangen! also doch gefangen! nachdem ich alles erfüllt! nach so vielen schönen Worten! ich Tor! ich erbärmlicher Tor! zischte er vor Ingrimm kaum verständlich zwischen den fest verbissenen Zähnen hindurch.

nennen Sie es nicht so, sprach begütigend der Minister: Sie sind mein Gast, nicht mein Gefangener, nur für wenige Tage mein Gast, dann sind Sie sich selbst ganz überlassen. Doch ist es notwendig, dass bis dahin Ihr Aufentalt bei mir geheim gehalten werde. Bei Ihrem Chef werde ich Ihre kurze Abwesenheit unter dem Vorwande einer, in einem Auftrage von mir übernommenen Reise, zu entschuldigen wissen. Sie bewohnen ein Zimmer nahe an dem meinigen und nur einer, der treueste unter meinen Dienern, auf dessen Verschwiegenheit ich bauen darf, wird Zugang zu Ihnen erhalten, um Sie zu bedienen.

Vortrefflich! Alles auf das beste und bequemste. Nur eine Frage erlaubt Ihre Gnade mir wohl noch; bleibt mein Kerkermeister bei mir im Zimmer? oder darf ich hoffen, dass er sich damit begnügt, die tür meines zierlichen Gefängnisses von aussen zu bewachen? rief Richard in bittrer Ironie.

Die tür Ihres Kerkers, wie Sie das freundliche Zimmer nennen, bleibt von Innen und Aussen unbewacht, und Wladimir wird nur erscheinen, so oft Sie seiner Dienste bedürfen; erwiderte der Minister etwas gereizt. Lassen Sie uns in diesem Tone nicht fortfahren, der uns allen Beiden nicht wohl tut; setzte er milder hinzu: glauben Sie fest, ich hege die besten Gesinnungen gegen Sie, und werde Alles versuchen, um die gezwungene Einsamkeit, die ich während dieser wenigen Tage Ihnen leider nicht ersparen kann, Ihnen so wenig als möglich fühlbar werden zu lassen.

Sehr gnädig, sehr herablassend; doch die einzige Wohltat, die ich jetzt mir noch erbitten kann, wäre allein bleiben zu dürfen, allein, ganz allein! sprach Richard mit dem vollsten Ausdrucke starrer Verachtung, die durch die erzwungene Höflichkeit, welche er beizubehalten sich bemühte, nur noch fühlbarer wurde.

Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit, die seltsame Lage in der Sie sich befinden, und überdem ein gewisses Wohlwollen gegen Sie, dessen ich mich nicht erwehren mag, machen mich geneigt Ihnen mehr nachzusehen, als jedem Andern; sonst würde das Misstrauen, das Sie gegen mich durchblicken lassen, mich tief beleidigen. Doch Niemand kann dafür stehen, dass er immer Herr seiner Empfindungen bleiben werde, am wenigsten in so widerwärtig-unruhiger Zeit wie die, welche jetzt mich erwartet; und ich bitte Sie darauf etwas Rücksicht zu nehmen; sprach der Minister eindringlich ernst, aber nicht bedrohend. Erinnern Sie sich, fuhr er fort, dass ich mein Ehrenwort einsetzte, ich muss und werde es lösen; jede Anwandlung von Zweifel wäre hier die höchste Beleidigung, die als Mensch und Edelmann mir widerfahren könnte, das müssen Sie selbst fühlen. Deshalb ermahne ich Sie sich zu beruhigen, selbst wenn Sie nicht ganz begreifen, warum ich so und nicht anders handle. Erwägen Sie zum Beispiel, ob nicht vielleicht sorge für Ihre eigene Sicherheit mich bewegt, Sie auf kurze Zeit unter meinen Augen fest zu halten.

sorge für meine Sicherheit! wiederholte Richard fast unartig trotzend.

O du seltsames Gemisch von Mut und Verzagteit, von feinem Scharfsinn und eigenwilliger Verblendung! rief halb lachend der Minister, indem er sich anschickte, Richard sich selbst zu überlassen. Können Sie wirklich glauben, dass unsre heutige Unterredung noch lange ohne sehr merkbare Folgen bleiben werde? und sollten nicht einige Ihrer ehemaligen Bundesbrüder sich bewogen fühlen, Ihnen für Ihren Anteil daran, auf ihre eigne Weise, ihren Dank auszudrücken? setzte er noch hinzu, ehe er sich entfernte. Es währte einige Zeit ehe Richard zum deutlichen Bewusstsein der Lage kam, in welche er so ganz unerwartet geraten war. Gefangen! nach allem was zwischen ihm und dem Minister vorgegangen, nach so vielen schmeichelhaften Versicherungen, so vielen schönen Worten, gefangen, wirklich gefangen!

Es schien ihm unglaublich, und doch war es nicht anders; denn wer ohne Bewilligung eines Andern den Ort nicht wechseln darf, ist ein Gefangener, man möge noch so geschickt einen wohlklingenderen Namen dafür aufzufinden suchen.

Voll bittren, sehr verzeihlichen Unmuts, fing Richard jetzt an sein gefängnis genauer zu betrachten. Die Lage desselben, am Ende eines langen Korridors, war eine der abgelegensten in dem sehr grossen Gebäude; die ziemlich hohen Fenster gingen auf einen mit Mauern umgebenen Hausgarten, ein bequemes Schlafkabinet befand sich dicht neben dem eigentlich recht hellen und eleganten Zimmer, beide zusammen hatten nur einen Ausgang auf den Korridor.

Jetzt erst fiel Richard auf, dass er gleich bei seiner Ankunft in dieses Zimmer geführt worden war, wo alles schon im Voraus für seinen längern Aufentalt eingerichtet zu sein schien. Die tür war von innen unverschlossen, aussen war der Schlüssel abgezogen, ohne welchen man sie nicht öffnen konnte.

Er trat hinaus auf den Korridor, lang und öde dehnte dieser in schauriger Abenddämmerung sich vor ihm aus; keine lebende Seele liess sich blicken, Niemand der ihn am Weitergehen hätte hindern wollen. Er ging, stand unschlüssig still, ging wieder; Alles um ihn her schien wie ausgestorben; schon sah er nahe vor sich den weiten Vorplatz der zur Treppe führte. Wie aus den Wolken gefallen stand jetzt