1837_Schopenhauer_092_114.txt

es nicht so in einem alten Sprüchlein? – nun dieser, den ich meine, ist wohl einer der wunderlichsten, sprach Richard seltsam lächelnd, doch nahm er bald wieder sich zusammen: was ich schwatze sind Kinderpossen, alte Reminiszenzen, achten Sie nicht darauf, es gehört nicht hierher, und kann sie nur verwirren. Jetzt zur Sache; diese beiden Briefe bleiben heute in ihren Händen, morgen ebenfalls, doch Donnerstag, übermorgen! Nun auch übermorgen bewahren Sie sie sorgfältig, bis zur Mittagsstunde. Mit dem Schlage zwölf Uhr suchen SieSie Selbst, lieber Lange, Sie selbst suchen die person auf, welche die Adresse dieses Billets Ihnen bezeichnet, und geben es zu eignen Händen ihr ab. Wo er auch immer sei, Sie suchen ihn auf; ist er nicht zu finden, so erwarten Sie seine Zuhausekunft in seiner wohnung. Nur dass keine Zeit versäumt werde, nur dass der Brief gewiss übermorgen im Laufe des Tages in seine hände kommt. Ist dieses vollbracht, so entsiegeln Sie sogleich dieses zweite unbeschriebene Couvert; wie Sie mit dem in demselben befindlichen Briefe zu verfahren haben, wird ein demselben beigeschlossner Zettel Ihnen sagen. Dies ist Alles, alles was ich von Ihnen erbitte, anscheinend wenig, und doch so viel.

An Obrist Pestel! rief Karoline sehr erstaunt, indem sie die Adresse des einen der Briefe in's Auge fasste.

Was können Sie mit dem zu verhandeln haben? fragte eben so ihr Mann.

kennen Sie den Obrist Pestel? fragte Richard sehr lebhaft.

Nicht viel mehr als bloss vom Ansehn: war Langes Antwort: ich zweifle ob wir jemals in unserm Leben mehr als ein paar Dutzend Worte mit einander gewechselt haben. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass Obrist Pestel zu Herrn Richard Woods näheren Freunden sich zählen dürfe: setzte er etwas scharf betonend hinzu.

Das ist auch wahrlich nicht der Fall! rief Richard.

Das konnte ich erwarten, und doch freut mich es von Ihnen zu hören: erwiderte der Kapellmeister; die Wahrheit zu gestehen, der Herr Obrist sind mir zuwider, wie eine falsche Quinte; sehe ich ihn nur, so fährt es mir durch Mark und Bein.

Sie blicken so ernst, so wunderbar, was gilts, ich habe es erraten, Sie wollen sich mit ihm schlagen, und mein Alter soll ihm die Ausforderung bringen: rief plötzlich Frau Karoline.

Der Kapellmeister brach in ein überlautes lachen aus, vor dem das Haus erbebte. Die Troddelmütze flog von einem Ohre zum andern, er drehte sich auf einem Beine herum, und krähte vor Wohlbehagen. Nein, das ist Goldes wert! rief er: von mir wäre man am Ende dergleichen wohl gewohnt, aber hier von meiner kleinen Weisheit Salomonis! ein Officier wird einen alten Exkapellmeister zum Secundanten gegen einen andern Officier sich erwählen! Alte, das war ein starkes Stück von Dir! nein, da verstehe' ich den Comment doch noch besser!

Auch Frau Karoline lachte herzlich auf.

O meine Freunde, möge doch bald der Tag erscheinen, an dem ich leichteren Mutes mit Ihnen froh sein darf! seufzte Richard! übrigens hat Frau Karoline in der Hauptsache es doch halb und halb erraten. Dieses Papier entält zwar keine Ausforderung, und dochgehe ich in dieser Stunde noch einem schweren Kampfe entgegen; einem Kampfe derwollte Gott, es ginge nur um Leben oder Tod. Lassen Sie Ihre guten Wünsche mich begleiten!

Mit diesen Worten eilte Richard hastig davon, kehrte an der tür zurück, um seine Anordnung wegen der Billette noch einmal in aller Kürze zu wiederholen, und entfernte sich, ohne dass seine Freunde es wagten ihn aufhalten zu wollen. Dies wäre alles? Weitere Bedingungen hätten Sie nicht? fragte der Minister, Fürst ***** am Ende einer langen Audienz unter vier Augen, die er dem ihm persönlich wohlbekannten Richard auf dessen Anhalten sogleich zugestanden hatte.

Sicherheit des Lebens und der Freiheit, ungestörter Fortbesitz des Vermögens und der Güter jener Familie, vor allem des Oberhauptes derselben, sind alles was ich verlange: erwiderte Richard, ehrerbietig aber fest.

Und wenn ich, im Namen Seiner Majestät des Kaisers, diese Ihnen zugestehe, so sind Sie bereit von der, Ihrer Aussage nach, durch einen grossen teil dieses Reiches ausgebreiteten, höchst gefährlichen Verschwörung mir genauen Bericht abzustatten, und zugleich ein Verzeichniss der Hauptteilnehmer an derselben einzureichen? fragte der Minister weiter.

Gegen das von Ihnen im Namen unsres Monarchen mir ausdrücklich und feierlich geleistete Versprechen der Erfüllung dieser Bedingung, bin ich bereit genauen Bericht von der Verschwörung, nebst der Liste der vornehmsten Teilnehmer an derselben zu überreichen, muss aber darauf bestehen, dass beides sofort, und möglichst schnell, im Original in die hände unsres Monarchen gelange.

Sie scheinen Ihre eigne Stellung aus den Augen zu verlieren, sonst zeigten Sie sich wahrscheinlich weniger kühn: sprach der Fürst.

Ich bin kühn, weil ich furchtlos bin: war Richards Antwort.

Sie selbst sind einer der Verschwornen?

Richard antwortete auf diese Frage nur durch ein stumm bejahendes Zeichen.

Die Verschwörung besteht schon jahrelang, wie ich von Ihnen zu vernehmen glaube. Eidbruch ist ein harter Entschluss. Was konnte nach so langer Zeit Sie vermögen ihn zu fassen?

Richard wurde über diese Frage feuerrot, dann wieder todtenbleich; er bedurfte einige Augenblicke Zeit, um sich zu erholen.

Darüber habe ich nur Gott und meinem Gewissen Rechenschaft abzulegen, erwiderte er endlich ehrerbietig aber bestimmt.

Eine kurze Pause erfolgte.

Doch wie stünde es