wegscheuchen, und setzte sich an den Schreibtisch.
Jede Spur früherer wilder Aufregung war von ihm gewichen, sein Benehmen war ernst und gefasst, wie das eines Mannes, der Wichtiges, ja selbst sehr Schweres zu vollbringen hat, aber alles bedenkend und überlegend, entschlossen und mutig an das Unvermeidliche geht, ohne sich, von was es immer sei, abschrecken zu lassen.
Die Gelehrten unter uns wissen die Entfernung der hoch über unsern Häuptern wandelnden Gestirne zu ermessen; sie berechnen, viele Jahrhunderte im Voraus, die Bahn des Kometen, sie ergründen die Tiefen der Meeresklüfte; doch wer ergründete jemals die weit furchtbareren Tiefen in einer Menschenbrust?
Dort schlummern Gedanken; gleich den Furien der Alten ruhen sie unter dünner Decke, lauschen unbeweglich, oft so lange als das Herz schlägt, als das Leben in unsern Adern pulsirt, und gehen dann mit uns ins Grab.
Aber ein Hauch ruft zuweilen sie auch wach; wehe dann dem Unseligen, in dessen Brust ein solcher ersteht! Er ergreift ihn mit eiserner Gewalt, und lässt ihn nicht los, bis er ihn fortgerissen hat zu unerhörter Tat, gut oder böse, wie die Umstände es verlangen. Denn der Gedanke ist die höchste Gewalt, der Tyrann, der mächtigste Gebieter des kurzen schwachen Menschenlebens, bei ihm gilt kein Entrinnen. Unerwartet, gleich dem aus dunkler Nacht blendend auftauchenden Meteore, leuchtet er plötzlich in uns auf, und wird der Keim zu begebenheiten, welche die Nachwelt, preisend oder verdammend, gleichviel, oft nach Jahrhunderten noch bewundernd anstaunt!
Ein solcher Gedankenblitz war es, an welchem die Fackel des noch immer als berühmt anerkannten Mordbrenners Herostrat vor Jahrtausenden sich entzündete; aber auch die heilige Glut zu schwerer Tat begeisternder Vaterlandsliebe, in der Brust der im Vaterhause still und einfach auferwachsenen Charlotte Corday, die sie trieb den Dolch zu erfassen, und ihr Kraft gab, dem tod in seiner grauenvollsten Gestalt mutig entgegen zu gehen.
Verloren ist, ich wiederhole es, verloren der, in dessen Brust ein solcher Gedanke erwacht, er kommt nie davon los, bis er ihn ausgeführt. Es ist die alte in tausend Abänderungen sich wiederholende geschichte vom kleinen Vogel und dem Zauber im Blicke der Klapperschlange.
Auch Richard war in diesem Augenblicke jener unsichtbaren Macht verfallen, die oft zum Grossen und Rechten, oft aber auch zum Gegenteile führt. Die peinigende Ungewissheit war plötzlich von ihm gewichen, die gebietende stimme in seiner Brust bezeichnete ihm deutlich den Weg den er einzuschlagen hatte, und für ihn gab es keine Wahl mehr! Gross war die Freude, mit welcher Richard noch im Verlaufe des nämlichen Tages im haus des Kapellmeisters Lange empfangen wurde. Zwar hatte er seit längerer Zeit die Schwelle seiner musikalischen Freunde nicht überschritten, und wir, meine Leser und ich, können gar leicht eine gültige Entschuldigung dafür finden; doch Richard bedurfte hier einer solchen nicht; es lag nicht in ihrer Art, durch Furcht vor verdienten oder unverdienten Vorwürfen ihren, zuweilen etwas flatterhaft sich zeigenden Freunden, die Rückkehr zu ihnen zu erschweren.
Spät kommt Ihr, Doch Ihr kommt, Graf Isolani! rief Frau Karoline sehr freundlich ihm entgegen.
Heute doch nur um mit einem Auftrage Ihnen lästig zu werden, an dessen pünktlicher und sorgsamer Ausführung zu viel gelegen ist, als dass ich sie andern Händen als den Ihrigen anvertrauen möchte.
Der gemessne feierliche Ton, in welchem Richard diese Worte vorbrachte, fiel seinen Freunden auf, beide sahen forschend ihm in's Gesicht.
Sie sind krank gewesen, rief Lange, Sie haben Verdruss gehabt, rief mit ihrem mann zugleich Frau Karoline.
eigentlich beides, eins folgte aus dem andern; doch das ist nun überstanden, bis auf eine ziemlich angreifende Nachkur, von der man freilich im Voraus nicht genau wissen kann, wie sie anschlägt, erwiderte Richard.
Der Kapellmeister drückte recht herzlich besorgt ihm die Hand, Frau Karoline schüttelte sehr bedenklich den Kopf; Richard fuhr indessen halb leise vor sich hinmurmelnd und an den Fingern abzählend fort:
Heute wäre also der vierte Tag. Schon! schon! o wie die Zeit im Galopp geht! Heute Dienstag der vierte, morgen Mittwoch der dritte, Donnerstag – ja Donnerstag, Freitag wäre schon zu spät.
Lieben Freunde, blickt nicht so angstvoll auf mich: sprach er, mit lauter stimme, anscheinend ruhig weiter; die Ausführung dessen was ich von Ihnen verlangen will, ist weder schwer noch gefährlich, doch Vorsicht, Treue, vor allem strenge Pünktlichkeit, sind dabei unerlässlich. Und wo wären diese sicherer zu finden, als bei einem so tactfesten und gerechten mann, der selbst dem kleinsten vierundsechszig Teilchen im schnellsten Tempo sein ihm gebührendes Recht widerfahren lässt, setzte er hinzu, und klopfte lächelnd dem Kapellmeister auf die Achsel.
Doch weder auf diesen noch auf Frau Karolinen schien dieser Versuch heiter zu erscheinen den gewünschten Eindruck zu machen; beide erwiederten ihn nur mit Versicherungen ihrer Bereitwilligkeit jeden seiner Wünsche zu erfüllen.
Richard zog jetzt zwei versiegelte Briefchen hervor: es gilt nur diese beiden Billette an die Adresse abzugeben, und dafür zu sorgen, dass sie zur rechten Zeit in die rechten hände gelangen: sprach er etwas kurz abgebrochen und beklommen. Ich bitte Sie inständigst, merken Sie alle beide recht genau auf meine Worte! Heute Dienstag, morgen Mittwoch – diese beiden Tage bleiben diese Briefe in Ihrer sichern Verwahrung liegen, wenn ich nicht selbst, schriftlich oder persönlich, sie wieder zurück fordere.
Doch übermorgen, übermorgen ist Donnerstag! – der Donnerstag ist wunderlich; heisst