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auf den Gedanken verfallen, dass er darum wisse; es stand in seiner Macht jene Beiden ihr Vorhaben ungehindert ausführen zu lassen, und zu erwarten, was daraus erfolge.

Dieser Erfolger liess im Voraus sich berechnen; das geheiligte Leben des Kaisers blieb erhalten, abgewendet war unsäglicher Jammer, Tod und Verderben von Millionen.

Und Fürst Andreas war verloren, vernichtet! Vernichtet er und sein ganzes Haus, Eugen, Alex, und sie, die edle fürstliche Frau, welche die mit ihrer Existenz am innigsten verzweigten Vorurteile ihrer Kaste überwunden hatte, um ihm eine liebendere Mutter zu werden, als die es war, an welche die natur bei seiner Geburt ihn gewiesen. Ach und Helena!

Kann ich, ohne vor Grauen vor mir selbst zu vergehen, einen solchen Gedanken nur denken, während die Möglichkeit, sie Alle zu retten, in meiner Hand liegt? rief Richard laut.

Eine einzige kurze Unterredung mit Pestel, und Alles bleibt wie es war, fuhr er gelassner fort. Jene Beiden fallen zwar als Opfer ihres Wankelmuts. Doch sie und ihr Geschick wiegen zu leicht, um hier in die Wage zu kommen. Hier Bedenken tragen, hier Rücksicht nehmen zu wollen, wäre schreiendes Unrecht gegen das grosse Ganze, das allein auf diesem Wege erhalten werden kann.

Erhalten! erhalten! schrie er heftig auf: blöder, kurzsichtiger Tor! was bliebe erhalten, wo Pestel und seine Kreaturen freies Spiel haben! Dann erst, dann gewinnen Mord und Gewalt die Oberhand, dann erst geht Alles unter, Kaiser und Ordnung und Gesetz in einem Meere von Blut, in wilder Flamme rasender Anarchie.

Sie wären zwar gerettet. Doch um welchen Preis! Erschöpft schwieg Richard eine Weile; dann sprach er tief bewegt zu sich selbst:

Und bin ich denn wirklich zu dieser grässlichen Wahl berufen? Musste ich auf jener fernen Insel in Dunkel und Niedrigkeit geboren werden, um hier über das Wohl und Wehe, über die Erhaltung und den Untergang eines grossen Reichs, eines mächtigen Monarchen zu entscheiden? Ist dem so? Herr der Himmel! nun so erleuchte du dein armes geschöpf, zeige ihm den Weg, den es gehen soll!

Meine Wohltäter, sie die mir mehr sind, als Vater und Mutter seit meiner Geburt mir gewesen! und Helena!

Alles kann beendet werden ohne mich, muss ich, muss ich Schwacher hier tätig einschreiten? Wenn nun Krankheit mein Gedächtniss verwirrt hätte, oder wenn ich in jener Unglücksstunde jene Beiden nie vernommen hätte? Dann würde ich ruhig dasitzen und sagen: komme was kommen mag, ich kann es nicht ändern. Der Bund wäre vernichtet, alles wäre gerettet.

Nur sie nicht! und die Ihrigen nicht, und es ist dem nicht so! O Gott! Gott! ist denn bei dir kein Erbarmen mehr? Wirst du nicht durch ein Wunder das vollkommenste Bild von dir retten, das jemals aus deiner Schöpferhand hervorging?

Unbeschreibliche Angst verwirrte Richards Gedanken; wieder war es ihm unmöglich sie auf einem Punkte festzuhalten.

Rettung! Rettung für sie! o Herr des himmels, das Wunder! das Wunder! rief er überlaut, rang die hände sich blutig, warf sich nieder zum Gebete, sprang auf, irrte blindlings mit grossen weiten Schritten im Zimmer auf und ab.

Dann rief er wieder, in halbem Wahnsinne seiner selbst nicht mehr bewusst: Rettung! das Wunder! du tust deren täglich, eins mehr eins weniger, gilt dir gleich.

Gott, gnädiger, allgewaltiger Gott! flehte er mit herzdurchdringender Inbrunst, indem er wieder zu einiger Besinnung gelangte: heute, als du deine Sonne aufgehen liessest über Gute und Böse, heute noch stieg das Gebet des reinsten Wesens auf dieser Welt zu dir auf, o verwirf es nicht vor deinem Trone! Sie betete für ihre Eltern, für den Kaiserund auch für mich! Du bist allmächtig und gerecht und allbarmherzig, du musst, du wirst ihr Gebet erhören, das wortarme Gebet, aus kindlich vertrauendem Gemüte. Das Wunder! das Wunder! übe es an mir! erleuchte meinen blöden Sinn, gieb mir ins Herz, was ich tun soll.

So schrie der unselig Verzweifelnde zum Himmel auf, bis zur peinlichsten Erschöpfung.

Regungslos, in sich selbst versunken, lag er da, lange, lange. Ein zitternder, halberstickter Ton, man könnte es beinahe ein Aufschreien nennen, entrang plötzlich sich seiner Brust. Er fuhr auf, rieb mit der flachen Hand sich Stirn und Augen, gleich einem aus tiefem Schlafe Erwachenden, der sich zu besinnen sucht, ob das was ihn eben quälte, Traum oder Wirklichkeit sei.

Allmälig trat jetzt die seltsamste Veränderung seiner Haltung, seines ganzen Wesens ein. Er richtete aus der bisherigen gedrückten Stellung sich auf, die Brust hob sich hoch und frei in raschen Atemzügen; frische Lebensröte färbte das bis dahin aschenbleiche Gesicht, innere Glut lang entfremdet gebliebener Begeisterung flammte in seinen Augen auf.

Sinnend schritt Richard einige Male im Zimmer auf und ab.

Ich erflehte ein Wunder, und siehe es ist mir geworden; es geschehen deren täglich, nur wir erkennen sie nicht. Sie recht benutzen, kostet freilich zuweilen einen etwas hohen Preis; doch hier gilt kein Markten; ein bittres Lächeln umkräuselte, kaum merkbar, seine Lippen, indem er diese Worte halb leise vor sich hinsprach. Dann fuhr er wieder einige Male mit der flachen Hand sich über Stirn und Augen, als wolle er sich ihm aufdrängende unangenehme Gefühle oder Gedanken von sich