plötzliches erscheinen vor der Geliebten zu entweihen.
Einige Minuten später rief ein leises Geräusch ihn zu hellerem Bewusstsein zurück. Zoë stand, ihm winkend, in der geöffneten tür, durch welche sie ihn früher hinein geführt hatte. Richard warf noch einen blick auf den jetzt verlassenen Platz vor dem Altare, und folgte seiner jungen Führerin, die leicht wie eine Libelle vor ihm hinschwebte, immer noch den Finger auf die rosigen Lippen gedrückt.
Sie atmete schwerer, eine Träne glänzte in dem grossen dunkeln Auge, aber sie blieb stumm wie das Grab, bis sie an die Stelle gelangt waren, wo sie Richard seiner eignen Führung überlassen wollte; hier wandte sie sich plötzlich gegen ihn, und sah lächelnd unter Tränen ihn an.
Hat Zoë es recht gemacht? hat sie Dein Auge nicht erblicken lassen, was jedem Andern verborgen blieb? fragte sie; doch ich sollte Dich schelten, setzte sie mit aufgehobenem Finger drohend hinzu. Du, so gross, so alt! so klug, und so ungeschickt! Hat die Fürstin Dich nicht gehört? und als sie aufgeschreckt an der Glastüre vorübereilte, Dich sogar gesehen? Was Du eben getan weiss ich nicht, aber sie hat darüber geweint, glaube ich; wenigstens sehen ihre Augen so aus. Und ich soll dergleichen mich nicht wieder unterfangen, gebietet sie, sonst – Dir aber sendet sie einen guten Morgen, und dazu den freundlichsten Dank, dafür, dass Du so bescheiden Dich betragen hast. Und das ist ihr für Dich noch nicht einmal genug! Auch dieses soll ich Dir noch geben: zum Andenken an heute, sagt sie.
Mit diesen Worten reichte Zoë ihm ein frisches weisses Lilienblatt aus dem Strausse auf dem Altare, und war verschwunden. Ein Schreiben von Mitchells Hand, welches Richard in seiner wohnung vorfand, entriss ihn leider nur zu bald dem kurzen Vergessen, das nach so vielen peinlich verlebten Tagen einige Rast ihm gewährt hatte. Er versank von Neuem in jene dumpfe Verworrenheit, jene immer und ewig nach einem Auswege vergeblich suchende Unentschlossenheit, mit einem Worte, in jene innere Hölle, die er ohne eigentliches Verschulden mit sich herum tragen musste.
Auch dieser Brief entielt in den ersten Zeilen die Nachricht, dass Mitchell im Begriffe stehe den Fürsten Andreas auf einer Reise nach Riga, vielleicht noch weiter, vielleicht sogar bis Memel zu begleiten. Die Veranlassung zu dieser Reise war persönliche Besorgung sowohl des Ausladens, als des weiteren Transports mehrerer aus England angekommener Modelle, Spinn- und Dampfmaschinen, neu erfundenen Ackergerätes und ähnlicher Gegenstände, welche Mitchell auf des Fürsten Verlangen, mit grossen Kosten und Überwindung bedeutender Schwierigkeiten, aus England hatte kommen lassen. Er bedauerte übrigens sehr, die Zeit seiner Ankunft in einer jener beiden Städte nicht im Voraus bestimmen zu können, da er und sein Reisegefährte Willens wären, unterwegs einige in der Nähe liegende Mühlen und andre Anstalten und Baulichkeiten zu besuchen. Endlich ermahnte er seinen sehr geehrten Landsmann und Freund, sich des Gegenstandes ihres letzten Gesprächs zu erinnern, denselben ja nicht aus den Augen zu verlieren, und dabei der strengsten Verschwiegenheit, wie auch der grössten Vorsicht sich zu befleissigen.
Der treffliche Mann schloss mit der ziemlich selbstsüchtigen Bemerkung, dass das Anerbieten dieser Reise ihm zwiefach willkommen gewesen wäre, weil, selbst wenn etwa während der Dauer derselben jener gefürchtete Sturm losbrechen sollte, er unter dem Schutze seines mächtigen und vornehmen Reisegefährten sich für vollkommen gesichert halten dürfe. So war denn Alles dem Unglücklichen unter den Händen entschwunden, woran er seine letzte Hoffnung zu knüpfen gewagt hatte! Den Fürsten einholen zu können, war reine Unmöglichkeit, jeder Gedanke seine hülfe in Anspruch zu nehmen, wirklicher Wahnsinn. Und ohnedem, durfte, konnte Richard in dieser gefahrvollen Zeit von Helena und ihrer Mutter sich entfernen?
In all seiner überirdischen Glorie trat noch einmal das Bild der betenden Helena ihm vor die Seele; er meinte vor Mitleid mit ihr, und auch mit sich selbst zu vergehen; dennoch trachtete er jedes entnervende Gefühl zu überwinden, denn er fühlte es unläugbar, dass die ganze Last, die er auf Andreas zu übertragen Willens gewesen war, jetzt auf ihn allein zurückgefallen sei; jeder unnütz vergeudete Augenblick Zeit konnte die entsetzlichsten Folgen nach sich ziehen.
Unter Todesqualen hätte er sein Herzblut freudig vergiessen mögen, wenn damit jene Gräuel von ihr hätten abgewendet werden können; von ihr, die er seit jener letzten herzerhebenden Stunde inniger als jemals, gleich einer Heiligen verehrte.
Untergang, Schmach, Schande drohten ihr und ihrem haus, drohten Allem, was nur in irgend einer Beziehung ihr teuer war, und Helena in ihrer kindlichen Arglosigkeit ging, ohne eine Ahnung davon zu haben, dem Unheil lächelnd entgegen, das innerhalb weniger Tage über sie hereinbrechen konnte!
O könnte ich aus einem Leben flüchten, das in so drohender Gestalt sich vor mir ausbreitet! Dürfte ich ins stille Grab mich betten, und nichts von Allem erfahren, was auf der schweren, über mich hingebreiteten Decke sich ereignen mag! seufzte Richard. Doch diesen einzigen Ausweg aus aller Qual zu wählen, war ihm versagt: er durfte nicht zugleich mit dem Leben die schwere Verantwortlichkeit abwerfen, die jetzt auf ihm lastete!
Möglichst ruhig und besonnen bemühte er sich nochmals die ganze Lage der Dinge zu überdenken, zu ordnen, zusammenzustellen, was zusammen gehörte. Noch war nichts geschehen, noch stand es bei ihm das geheimnis, das er im Gastofe zum weissen Kreuz erlauscht hatte, zu verschweigen, zu vergessen, gänzlich zu ignoriren. Niemand konnte