1837_Schopenhauer_092_109.txt

! mein Pferd, die Droschke, um Gotteswillen eilt, eilt!

Dann nahm er das verhängnissvolle Blatt wieder zur Hand, aber die Zeilen, die Schriftzüge wogten und wirrten vor seinem unstäten Blicke in und durch einander. Glücklicher Weise hatte er schon am vorhergehenden Abend zu früher Morgenzeit anzuspannen befohlen; ohne Zögern konnte er daher in die Droschke sich werfen, und mit verhängtem Zügel dem Hotel des Fürsten zujagen.

Schon lange vor Tagesanbruch war Andreas mit Postpferden abgereist, keiner der Diener wusste genau wohin; Einige wollten Riga, Andre Dorpat, noch Andere Mitau als das Ziel der Reise nennen gehört haben; Bestimmtes wusste Niemand anzugeben; Mitchell und der Kammerdiener waren seine einzigen Begleiter.

Eisige Kälte rann schaudernd bei dieser Nachricht dem unglücklichen Richard durch Mark und Bein; er zog den Zettel des Fürsten wieder hervor, und war jetzt im stand weiter zu lesen.

"- zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du uns wiedersehen: denn ich stehe im Begriff mit Deinem Landsmann eine notwendige Geschäftsreise anzutreten, die mich leicht so lange von Petersburg entfernt halten kann: war der Schluss jener oben abgebrochenen Periode. Bei allen seinen Seltsamkeiten und Langweiligkeiten: hiess es ferner: kann dieser Mensch als treffliches Werkzeug dienen, um mit seiner hülfe ungemein viel Nützliches für das allgemeine Beste zu wirken. Rechne es mir nicht zu, mein Sohn, dass ich in der letzten Zeit von meinen Lieblingsplänen zu erfüllt war, deren Ausführung ich jetzt rasch entgegenschreite, Du kennst mich ja! Ist Mitchell nur erst in voller Tätigkeit, dann kommt auch Deine Zeit. Bis dahin lebe wohl, auf glückliches Wiedersehn."

Glückliches Wiedersehn! Nacht wurde es bei diesen Worten in Richards Seele. Er wusste nicht was er zuerst ergreifen solle. Zu Eudoxia, von ihr den Aufentalt ihres Gemahls erforschen, und dann ihm nach, selbst ohne Urlaub, wenn es sein muss, und kostete es Leben und Ehre. Etwas einem solchen Entschlusse Ähnliches dämmerte in ihm auf. Er vergass dass die Sonne kaum aufgegangen sei, eilte dem von der Fürstin bewohnten Flügel zu, und fand dort noch alles in tiefe Nacht versunken. Ausser einigen mit Reinigen der Zimmer beschäftigten Weibern, regte in diesem Teile des Hotels sich für jetzt noch keine lebende Seele.

Unmutig wandte er sich dem Rückwege zuda brach dicht neben ihm ein feines Stimmchen, hell wie ein Silberglöckchen, in halb ersticktes lachen aus; leichtfüssig huschte wie auf Socken etwas an ihm vorüber. Die kleine Zoë war es, Helenens zierliches Spielwerk; ein armes Griechenkind, dem sie wie einem artigen, buntgefiederten Lieblingsvögelchen, im inneren ihrer Zimmer herum zu flattern erlaubte, und zugleich mit grosser Liebe zu ihrem persönlichen Dienste es sich heranzog.

Ei Herr! so früh am Tage? fragte die Kleine und schlug die langen dunkeln Wimpern auf, um mit den grossen hellen Kinderaugen ihn von oben bis unten zu betrachten. Und sieh'st obendrein wie ein aufsteigendes Gewitter aus. Der fahlgraue Überrock, in welchem ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen habe, schlottert wirklich wie eine Regenwolke um Dich her; da muss man sich ja fürchten Dir nur einen guten Morgen zu bieten! setzte Zoë lachend hinzu.

Schläft Sie noch? fragte Richard, ohne auf die kleine Schwätzerin zu hören.

Sanft und süss; denn nach Deiner Toilette, und nach dem Tone in welchem Du frägst zu schliessen, meinst Du doch wohl unsre Amme, Frau Elisabet, war Zoës neckende Antwort. Meinst Du aber uns etwa: so wisse, dass wir in dieser schönen Sommerzeit immer mit der Lerche auffliegen. Aber unsichtbar bleiben wir darum doch. Bilde Dir nicht etwa ein, dass Du mich wirklich jetzt siehst; Gott bewahre, damit hat es noch einige Stunden Zeit.

Zoë, süsses liebes Kind, bat Richard, der jetzt wieder zu einiger Besinnung gelangt war, ich muss Deine Herrin sehen, sprechen, jetzt gleich; es hängt weit Wichtigeres davon ab, als ich Dir sagen, als Du begreifen kannst. Ich beschwöre Dich bei allem, was Dir lieb und heilig ist, bei dem Andenken Deiner Mutter, bei dem grauen haupt Deines Vaters beschwöre ich Dich, bringe mich zu ihr, nur auf wenige Minuten.

Zoë stand vor ihm, halb erschrocken über den Ernst, mit welchem er in sie drang; doch ihr kindischer Mutwille gewann bald wieder die Oberhand. Sehen? sprechen? und in dieser Regenwolkenhülle? fragte sie: machte ein altkluges Gesichtchen, neigte das Köpfchen nach einer Seite, wendete die Fläche der kleinen in einander gefaltenen hände mit vorgestreckten Armen dem Boden zu, und wiegte sich bedächtig von einem Füsschen auf das Andre.

Nein, es geht doch nicht: fuhr sie plötzlich auf: sprechen? unmöglich! aber sehen? nun es kommt darauf an, setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu, was giebst Du mir wennbist Du dumm! rief sie heftig mit dem fuss aufstampfend, indem sie bemerkte dass Richard nach der Halskette griff, an welcher er seine Uhr trug, und wandte ihm unwillig den rücken.

Doch besann sie sich bald wieder eines Bessern, drückte, durch dies Zeichen Schweigen gebietend, den Finger auf die Lippen, nickte lächelnd aus klugen Augen ihn an, wandte sich, winkte ihm ihr zu folgen, und schritt, leise leise, auf den Sammtpfötchen eines Kätzchens, behende vor ihm her, einen Weg den er nie gekommen war, über schmale Treppen bald auf, bald ab, bis vor eine