er hatte noch acht Tage Zeit vor sich, um den Entschluss, den er doch notwendig ergreifen musste, zu überdenken. Acht Tage! eine kurze Frist, wie das Gesetz zuweilen dem Verurteilten sie zugesteht, um Abänderung des wider ihn gesprochenen Todesurteils zu erflehen, und während welcher dieser zwischen Furcht und Hoffen tausendfältig Todesangst in Qualen der Ungewissheit erduldet.
Zwischen Mayboroda und Rostowzoff herrschte in jeder Hinsicht die vollkommenste Übereinstimmung ihrer Ansichten und Pläne. Der einzige Punkt, über welchen sie sich nicht gleich vereinigen konnten, betraf die Absendung des Briefes, der die wichtige Entdeckung entielt, welche sie als den einzigen Weg zu ihrer eigenen Rettung betrachteten.
Richard hörte wie sie, in vollster Überzeugung unbelauschter Sicherheit, den Entwurf jenes Briefes mit einander lasen und Punkt für Punkt durchgingen. Das Schreiben entielt nicht nur die Statuten des Bundes, von dessen erster Entstehung an bis zu der jetzigen Ausartung desselben, auch die Liste der bedeutendsten Mitglieder war sehr umständlich ihm beigefügt. Fürst Andreas, Eugen, Alex, waren an der Spitze als Häupter desselben neben Pestel genannt, neben Sergius, neben Matias Apostol, neben Bestuscheff Romin!
Ob dieses Schreiben mit der Post geradezu an des Kaisers Majestät abgehen solle, den ein unverbürgtes Gerücht so eben in Tangarog hatte anlangen lassen, oder dem Minister Fürst ***** der in Petersburg selbst anwesend war, übergeben werden, das war die grosse Frage, über die sie sich nicht gleich vereinigen konnten.
Mayboroda, als der ältere und vorsichtigere, war für den ersteren, der jüngere heftigere Rostowzoff für den zweiten, schneller zum Ziele führenden Weg. Er fand es unendlich schwierig, ein so wichtiges Papier in so weiter Entfernung schnell, sicher, unverletzt, in die hände des Monarchen zu bringen, der, im Andrange der Geschäfte, es vielleicht lange ungelesen und unbeachtet liegen lassen würde, indem er die Wichtigkeit desselben unmöglich ahnen könne.
Nach langem für und wider Streiten, kamen beide mit einander überein nichts zu übereilen, sondern über diesen Punkt noch acht Tage Bedenkzeit sich zu gönnen.
Und wenn nun diese Frist verstrichen ist, wenn jene acht Tage vorüber sind, was dann? fragte Richard sich. Gott wird helfen! seufzte er; doch die Hoffnung, welche in jenen frommen Worten liegt, an denen er so gern fest gehalten, fand in seinem angsterfüllten Herzen keinen Raum. In Kämpfen mit immer steigender, immer qualvoller sich aussprechender Unentschlossenheit, in Überlegungen, welche nur zu beklemmender Geistesdumpfheit, aber zu keinem bestimmt festzuhaltenden Resultate führten, verlor Richard viel von der ihm spärlich zugemessenen Zeit, und wäre vielleicht auf gutem Wege gewesen auch den Verstand darüber zu verlieren, hätte er nicht, ehe es damit zu spät war, sich gewaltsam zusammen genommen.
Kein Ausweg! keiner! keiner! rief er: so geschehe denn was geschehen muss! Andreas, mein Vater und mein Gebieter, ich kann Deinem Verbote nicht länger gehorsamen, ich kann nicht länger Dich schonen! Mir bleibt keine Wahl, ich breche jede Scheidewand nieder, die Du zwischen uns beide gestellt hast; gegen Deinen Willen dringe ich zu Dir durch, und lege die Last, die ich nicht zu lüften vermag, in Deine starke Hand. Es war mein erster Vorsatz, wie es der natürlichste ist. Was ich damit aufs Spiel setze? Ich weiss es wohl! Ach wäre es nur bloss mein Leben, und mit diesem Opfer alles beendet!
Richard traf den Fürsten Andreas nicht daheim; er kehrte am nämlichen Tage in dessen Hôtel zurück, zwei, dreimal, zuletzt sogar zu später Nachtzeit; immer vergebens, er fand ihn nicht. Er überzeugte sich, dass Andreas sich nicht verleugnen lasse, wie es wohl zuweilen geschehen sein mochte, und wie Richard auch jetzt es befürchtete; aber der Fürst war wirklich seit dem Morgen dieses Tages nicht wieder nach haus gekommen.
Auch bei den Damen war keine Nachricht von ihm zu erhalten; den Tag über fand Richard sie von Besuchen umringt, Abends war Kartenassemblée bei der Fürstin Eudoxia, wodurch die Abwesenheit ihres Gemahls, der solchen Festen gern aus dem Wege ging, freilich einigermassen motivirt wurde. Eine alte, sehr vornehme und sehr verdriessliche Dame, deren Partie die Tochter des Hauses gewöhnlich machen musste, weil dergleichen keinem andern zuzumuten war, hielt die arme Helena am Whisttische fest; und nur durch ein kleines, unmerkliches Achselzucken, von einem tragikomischen Lächeln begleitet, konnte sie diesmal ihren Freund aus weiter Ferne begrüssen.
Nach in peinlichster sorge durchwachter Nacht wandte Richard alles an, die Fassung zu erringen, deren er bedurfte, um heute gewiss, selbst gegen den ausgesprochensten Willen des Fürsten, bis zu ihm durchzudringen. Fünf Tage, nur noch fünf Tage! rief es unaufhörlich in seinem inneren; in unaussprechlicher Seelenangst, mit dem Gefühle des Verurteilten, dem der Richter das Ziel seines Lebens, zu Stunden und Minuten berechnet, vor Augen gestellt hat, sah er den Zeiger seiner Uhr vorwärts rücken. Da wurde ein Billet des Fürsten ihm gebracht; schon von weitem erkannte er die Handschrift: in zitternder Hast brach er es auf.
"Sehr leid tut es mir, lieber Sohn, dass Du mich gestern wiederholentlich verfehlen musstest: schrieb der Fürst: um so mehr, da vielleicht zehn bis vierzehn Tage vergehen werden, ehe ich und Du – –
Der Boden wankte unter Richards Füssen, er vermochte nicht weiter zu lesen, riss die tür auf: mein Pferd, rief er überlaut, eilt, eilt als gälte es auf Leben und Tod