während eines heftigen Gewittersturms, in ihr Schutz suchen müssen. Noch hatte der Glockenschlag die zehnte Stunde des folgenden Morgens nicht verkündigt, als schon Kapitain Mayboroda, der älteste jener beiden Offiziere, in der niedrigen, von Myriaden von Fliegen durchschwärmten Gaststube des weissen Kreuzes, leise hastige Worte vor sich hinmurmelnd, mit weiten Schritten auf- und abstürmte, bis sein Freund, der Unterlieutenant Rostowzoff sich zu ihm gesellte. Beide waren in ganz unscheinbarer bürgerlicher Kleidung; sie hatten sich hierher beschieden, um ungestört und unbelauscht, umständlicher als es bis jetzt geschehen konnte, sich zu besprechen und zu beraten.
Wir sind nicht allein! rief Rostowzoff plötzlich, als er an der Seite seines Freundes auf- und abgehend, zufällig einen blick hinter den riesig grossen Ofen warf.
Ein Bauerknecht in seinen Schlafpelz gewickelt, das Gesicht durch die übereinander geschlagenen arme bedeckt, um es gegen das Heer der ihn umsummenden Fliegen zu schützen, lag auf der Ofenbank hingestreckt; die Überreste eines schwarzen Bauerbrotes, einige Gurken, und ein umgestürztes Glas, aus welchem der Branntwein noch tropfenweise auf den Boden fiel, bewiesen, dass ein überreichliches Frühstück, mit dem er nicht einmal hatte fertig werden können, dem Schläfer gar zu wohl geschmeckt habe.
Lass den Klotz liegen: lachte Mayboroda, nachdem er und Rostowzoff sich an ihm müde gerufen und geschüttelt hatten, ohne ihn erwecken oder auch nur aus seiner Lage bringen zu können: der wird uns weder belauschen noch verraten, dafür stehe ich Dir. Ohne sich weiter durch ihn stören zu lassen, setzten sie ruhig ihr Gespräch fort, und begaben sich dann nach ein paar Stunden, jeder auf andrem Wege, nach haus. Richards Gemütszustand, die wilde Aufregung aller herzzerreissenden Gedanken und Empfindungen beschreiben zu wollen, welche nach Überstehung eines weder angenehmen, noch ganz gefahrlosen Abenteuers sich sinnverwirrend seiner bemächtigt hatte, wäre ein gar zu undankbares, schwer gelingendes Unternehmen.
Ich bin fest überzeugt, dass meine alles gleich erratenden Leser in seinem schmutzigen Schaafspelze, und den übrigen noch weniger einladenden Requisiten der Maske eines betrunkenen russischen Bauerknechts, sowohl meinen Helden, als den Zweck, zu welchem er diese Verkleidung anlegte, sogleich erkannten. Denn das ist eben aller Roman- und Novellendichter grosse Verzweiflung, dass es mit Aufbietung aller uns zu Gebote stehenden Phantasie, doch in diesen, an geistiger Kultur überreichen Tagen, fast unmöglich wird, sie durch einen Teatercoup zu überraschen, oder durch Erwartung des ungewissen Ausgangs der geschichte in angenehme Spannung zu versetzen. Ihr Scharfsinn sieht leider nur zu gut und zu genau alles längst vorher! ich möchte sagen: früher, als der Autor selbst damit im Klaren ist, wäre dieses nicht einem irischen Bull gar zu ähnlich.
Gewissheit hatte Richard auf diese Weise zu erhalten gesucht, Gewissheit dessen, was nur als möglich sich zu denken, mit Angst und Grausen ihn erfüllte. Er hatte sie jetzt erhalten, im vollsten Übermaasse erhalten, und war nahe daran, unter der Last der Erfüllung seines Wunsches zu erliegen! Mayboroda und Rostowzoff hatten in der schmutzigen, niedrigen Gaststube zum weissen Kreuz vollkommen deutlich, umständlich, und ohne allen Rückhalt sich gegen einander ausgesprochen; jeder Zweifel an ihrem ernsten Vorsatze, zu erfüllen was sie beschlossen, wäre offenbarer Wahnsinn gewesen; schaudernd sah Richard an seinem dünnen Faden das Schwert über den Verbündeten schweben; was sollte, was konnte er tun, um den Fall desselben aufzuhalten, ohne vielleicht nicht auch zugleich über Millionen Menschen ein weit umgreifenderes Unheil herabzurufen!
Nur einen einzigen kurzen Augenblick war der Gedanke in ihm aufgestiegen, unter möglichst mildernden Umständen Pestel oder Sergius mit der dem Bunde drohenden Gefahr bekannt zu machen, und diesem dann die Abwendung derselben zu überlassen; aber sein edleres Naturell liess eine solche Enteiligung seines eigenen Wesens nicht zur Tat sich gestalten.
Das, das, rief er über sich selbst entrüstet, das ist der Fluch jener halben Verhältnisse, die auf dem engen zwischen Gut und Böse schwankenden Pfade in geheimnissvollem Dunkel hinschleichen, dass jedes feinere Gefühl für Recht und Unrecht durch sie allmälig in uns abgestumpft wird; dass es sich nicht mehr regt, wenn wir strauchelnd nicht unterscheiden, auf welcher Seite unser Fuss von der schmalen Bahn abglitt. Wehe dem, der durch sie gezwungen ward, über sich und seine Taten den Schleier des Geheimnisses zu ziehen! Wer nicht mehr vor Gott und der Welt frei auftreten und laut eingestehen darf: das habe ich getan, das will ich tun, ist schon mehr als halb verloren.
Ach, und wer an Wänden und Türen hinlauschend, die Geheimnisse Anderer zu erspähen suchen muss, was ist der? Und habe ich nicht selbst so tief, und weit tiefer noch, mich herabgewürdigt! Ich musste es! Da war kein Ausweg mehr, ich wich dem Gebote strenger notwendigkeit. Aber dass ich fähig war, wenn auch nur einen kurzen Augenblick, den Gedanken zu fassen, das von mir erlauschte geheimnis jenen Tigern zu verraten, denen das Leben eines einzelnen Menschen wie Spreu vor dem Winde ist! – in den Mittelpunkt der Erde möchte ich vor mir selbst mich verbergen, wenn ich das recht bedenke.
Der niedrige Angeber bedrängter Hausväter werden, die von häuslicher Not schwerer Tat zugetrieben – o mein Gott, mein Gott! ist ihr Vorsatz denn wirklich Verbrechen und das Gegenteil desselben Tugend zu nennen? – und bin ich es, der über die Unglücklichen den Stab brechen darf? Ein einziger armer Trost, an dem er sich einigermassen ermutigen konnte, war ihm noch geblieben;