Falschheit gränzende Halbheit, mit dem grossen edlen Charakter seines väterlichen Beschützers zu vereinen. Daher steigerte die Angst um ihn und die Seinen sich oft bis zur Verzweiflung, wenn die Möglichkeit ihm vorschwebte, dass etwas dem Ähnliches ohne Vorwissen desselben im Werke sein könne.
So fuhr er denn in seinem unruhigen ängstlichen Treiben fort, suchte, was zu finden er weder wünschte noch hoffte, während alle seine Freunde und näheren Bekannten die Veränderung höchst auffallend fanden, die mit ihm und seiner Art zu leben vorgegangen war. Sogar Andreas bemerkte sie und spielte zuweilen scherzend zwischen Lob und Tadel darauf an; wusste aber dennoch jeder Erklärung, die Richard ihm geben wollte, mit gewohnter Gewandteit auszuweichen. Nur Helena, mochten auch noch so seltsame Gerüchte über ihn ihr zu Ohren kommen, nur sie allein liess auf keine Weise von dem Glauben an ihren Freund, an seine Liebe, an seine Treue, an seine reine Sittlichkeit sich abwendig machen. Aber auch sie wollte nie ihn anhören, wenn er über manches sich zu erklären suchte, das seiner Meinung nach in ihren Augen ihn herabsetzen konnte.
Ich glaube gar Du willst von Deinem Tun und Lassen mir Rechenschaft ablegen? rief sie lächelnd; wissen wir etwa die uns spärlich zugemessene Zeit des ungestörten Beisammenseins nicht besser zu benutzen? oder glaubst Du, ich wäre so ungerecht nicht begreifen zu wollen, dass Du während der Abwesenheit Eugens zuweilen anderer Erholung bedarfst, als unsre doch immer etwas formelle Societät Dir gewähren kann? Ich selbst, setzte sie scherzend hinzu, möchte zuweilen die Fürstin gern ein wenig bei Seite schieben und mich, wäre es auch nur der Abwechselung wegen, mitten in ein einfach ländliches oder stillbürgerliches verhältnis versetzen, wie NovellenDichter, besonders deutsche, es so anlockend beschreiben.
Richard wollte dessenungeachtet noch etwas über sein jetziges Benehmen einzuschieben suchen, doch Helene drückte ihm die Hand auf die Lippen.
Qui s'excuse s'accuse, weisst Du wohl: sprach sie freundlich. Hast Du es wirklich einmal so weit gebracht, dass Du bei mir einer Entschuldigung bedarfst, dann erst ist eine jede recht überflüssig; denn entweder alles ist zwischen uns niedergerissen, ohne Möglichkeit der Wiederherstellung, oder ich bleibe bei meinem Glauben an Dich, ohne dass eines von uns beiden ein Wort darüber verliert. Was sollen Worte zwischen uns, wenn man sich ohne sie versteht? Was gibt es Neues? fragte Mitchell, nachdem er eine Weile mit inhaltschwerem Gesicht sich in seinem Sessel hin und her gewiegt.
Nichts Besonderes, das ich eben wüsste: antwortete Richard, der des langweiligen Besuches schon von Herzen müde war, obschon dieser jetzt selten ihn belästigte.
Hm! brummte Mitchell, besann sich wieder ein Weilchen, bemühte sich ungemein gescheit auszusehn, und rückte vertraulich mit seinem Sessel dicht neben Richard hin.
Es laufen doch mitunter sonderbare Gerüchte in der Welt umher, fing er an, man darf nur nicht immer trauen, noch weniger alles glauben. Aber die Sache wäre doch zu erwägen und eigentlich bin ich hier, um mir in einer wichtigen Angelegenheit bei Euch als meinem Landsmanne Rat zu erholen. Aber sagt mir vor allen Dingen, Mr. Wood, wisst ihr wirklich nichts Neues? Fällt denn in diesem grossen land gar nichts in der Politik vor? Freilich, hier ist kein Parlament, aber gewiss doch Opposition, denn die findet sich überall, in jedem Haushalte, und bestünde er nur aus zwei Personen. Aus Mann und Frau, meine ich. He he he he! setzte er, seinen eignen Witz belachend, hinzu.
Der Kaiser ist in Taganrog glücklich eingetroffen, höre ich; das ist die neueste Neuigkeit so viel ich weiss: erwiderte Richard.
Aha! nun gebt Ihr es schon näher! sprach Mitchell und sah ausserordentlich pfiffig dazu aus: und weiter wüsstet Ihr wirklich nichts? gar nichts? habt nichts vernommen? nichts von einem dem Ausbruche nahen Revolutiönchen? flüsterte er plötzlich sehr leise ihm in's Ohr.
Richard fuhr zusammen, und blickte ihm starr in's Gesicht. Ihr erschreckt? Ihr wisst also noch von nichts, wie ich merke, am Ende was geht es Euch auch viel an? Ihr bekümmert Euch um Eure Pferde und um Eure Liebesaffairen, damit gut. Ich kann Euch das nicht verdenken, ein junger Officier hat bei dergleichen weder viel zu gewinnen noch zu verlieren: in meiner Lage muss man schon vorsichtiger sein, und die Augen hinten und vorne haben. Im Vertrauen, grosse Dinge sind im Werke, und da will ich, wie gesagt, als Euer Landsmann, um Eure Meinung bitten, wie ich mich zu verhalten habe, wenn das Ding zum Ausbruch kommen sollte, setzte er mit leiser stimme hinzu. Wie werden bei Euch die Revolutionen gemacht? sind sie sehr gefährlich? ich meine für's Eigentum, für Hab' und Gut, denn mit dem Leben hat es so viel nicht zu sagen, ein kluger Kopf weiss sich schon zu salviren.
Erklärt Euch deutlicher, und seid von meiner Discretion wie von meinem guten Willen fest überzeugt, erwiderte Richard so ruhig als es ihm möglich war.
Nun so hört, fing Mitchell sehr leise flüsternd an. In Petersburg selbst hat eine weit ausgebreitete Gesellschaft sich heimlich organisirt, deren Hauptzweck darauf hinaus geht, in Handel und Wandel allerhand Verbesserungen einzuführen, besonders in Hinsicht auf das Zollwesen; denn eben damit tut es vor allem not. Der ehrlichste Kaufmann muss ja zum Schmuggler – doch das gehört nicht hierher. Genug