1837_Schopenhauer_092_103.txt

dieses möglich ist?

Die edle grossartige natur meines hohen Freundes ist freilich leicht zu betrügen, sie kann keine Ahnung der niedrigen Verworfenheit jener im Dunkel hausenden Rotte in sich aufnehmen, sprach er seiner alten Gewohnheit nach laut zu sich selbst. Doch ich will für ihn sehen, ich will sein Auge werden, da er auf andre Weise meine hülfe verschmäht. Ich will statt seiner die Schlupfwinkel des Lasters durchspähen, die ihm unzugänglich sind, und es immer bleiben müssen.

Man sagt ja, die kleine behende Eidechse suche die Klüfte auf, in welchen die giftige Otter hauset, und eile durch Gras und dürres Laub vor ihr her, um durch ihr Rascheln schlafende Menschen warnend zu wekken, setzte er lächelnd hinzu. Von nun an ergriff Richard auf das eifrigste jede gelegenheit, die zu näherer Bekanntschaft mit einzelnen Verbündeten führen konnte. Während er von ihren eigentlichen Zusammenkünften sich etwas zurückzog, liess er um so öfterer bei Trinkgelagen sich finden, selbst bei solchen, wo weder Mässigkeit noch feinere Sitte den Vorsitz zu haben pflegten. Er liess in Klubbs und Spielhäusern, auf Bällen und öffentlichen Tanzböden sich einführen, besuchte Kaffeehäuser, Weinhäuser, Billards, lauter Orte, wo man früher ihn nie gesehen, zeigte als täglicher Gast sich in Gesellschaften, wo bis jetzt man gewohnt gewesen war ihn als eine höchst seltne Erscheinung zu begrüssen, und suchte so die Gesinnungen einzelner Mitglieder des Bundes genau kennen zu lernen, um jeden von fern drohenden Verrat gleich beim Entstehen zu entdekken.

Auf diese Weise konnte er nicht verfehlen eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft unter Leuten sich zu erwerben, mit denen er bis dahin in keiner Art von Verkehr gestanden; er geriet zugleich in den Ruf eines leicht und locker hinlebenden jungen Gesellen, auf dessen Gegenwart seines Gleichen keine besondere Rücksicht zu nehmen nötig hatten, sondern im Gegenteil sich nach Lust und Belieben ganz zwanglos gehen lassen konnten, was Richards Beobachtungen ungemein erleichterte.

Nebenbei lernte er hier eine ihm fast unbekannt gebliebene Seite des Lebens kennen, machte auch die Entdeckung, dass zwischen dieser ihm neuen Welt und der vornehmeren, in welcher er bis dahin sich bewegt hatte, der Unterschied mehr in der Form, der äussern Vergoldung, als in ihrem wahren inneren Gehalte zu finden sei; doch das, wonach sein Forschen eigentlich strebte, vermochte er nicht zu entdecken. Nirgends zeigte sich die kleinste Spur beabsichtigter Verräterei unter all den Verschworenen, die von allen Seiten sich an ihn drängten, weil sie ungeachtet der republikanischen Gesinnungen, die sie zur Schau trugen, durch den Umgang mit ihm sich gehoben glaubten, den sie bis dahin immer nur in den Umgebungen der Vornehmsten des Reiches gesehen.

Die Ausgezeichnetsten unter Richards neuen Freunden suchten Anfangs meistens nur aus Prahlerei und Eitelkeit, seltner durch wirkliches Wohlgefallen an seiner Persönlichkeit, sich den Schein inniger Vertraulichkeit mit dem Allgefeierten zu geben; doch gar bald ging dieser Schein in Wahrheit über, denn Gewohnheit trägt am Ende immer den Sieg davon; sie vergassen der vorsichtigen Schlauheit, die sie im vertraulichen Umgange mit ihm zu üben gemeint, und zeigten sich ohne Hehl wie sie eben waren. Es ging ihnen mit ihm, wie es vor vielen Jahren den Bewohnerinnen einer ehemaligen freien Reichsstadt erging, denen die nahe Ankunft einer Königin angekündigt wurde, welche in ihren Mauern einige Tage zu verweilen gedachte.

Die Damen gerieten über die Beobachtung der an Höfen üblichen Etikette, besonders über die richtige Anbringung des Wortes Majestät, in Todesangst, und behaupteten mit der hohen schönen Frau nimmermehr sprechen zu können. Und als diese nun in ihrer Mitte war, gütig und freundlich gegen Jedermann, nannten die Geängsteten, in der Freude ihrer erleichterten Herzen, sie ohne weitere Umstände "meine liebe." Richard benutzte die sich ihm bietende gelegenheit zur Beobachtung seiner Umgebungen auf das Beste. Unzufriedenheit, Ungeduld über zu langes Verzögern des einmal Beschlossenen, Hass und Misstrauen gegen die Häupter des Bundes, besonders gegen Pestel, entdeckte er in aller Gemüt, doch immer nur als schnell vorübergehende, durch irgend ein neueres Ereigniss hervorgebrachte Erscheinung.

Die heute Unzufriedenen, zeigten sich morgen in ganz entgegengesetzter Stimmung, die Ungeduldigen waren besänftigt, und hofften auf einen, mit nächstem zu fassenden, alles mächtig fördernden Beschluss. Die Einen hatte Pestel freundlich gegrüsst, die Andern Sergius, oder Matias Apostol angeredet, und damit war alles gut gemacht.

Je länger dieses währte, je unsichrer wurde Richard in Zusammenstellung der aus seinen Beobachtungen hervorgehenden Resultate. Einigemal glaubte er dem in der Mitte der Verbündeten lauernden Verräter auf der Spur zu sein, und ehe er sich dessen versah, löste die angebliche Verräterei in einen albernen, frostigen Scherz sich auf.

Es gab Stunden und Tage, wo andre Gedanken ihn beschäftigten; es schien ihm oft, als ob man höheren Ortes dem sogenannten Bunde der ächten Kinder des Vaterlandes von selbst auf der Spur sei, und heimliche Anstalten treffe, ihn gefahrlos und sicher aufzulösen; was Richard allerdings als das Allererwünschteste betrachtete das sich ereignen konnte, sobald Fürst Andreas selbst in dieses Staatsgeheimniss eingeweiht, und mit Lösung des Bundes beauftragt war, den er und seine Freunde einst selbst in der lobenswertesten Absicht gestiftet, und der allein durch dessen weit um sich greifende Vergrösserung ausgeartet, jetzt freilich eine höchst bedrohliche Gestaltung angenommen hatte.

Nur so allein glaubte Richard des Fürsten wiederholte Versicherung der völligen Gefahrlosigkeit des Bundes erklärt, und die Wahrheit derselben bestätigt zu sehen; und doch regte sich etwas in seinem Gemüte, das diesem Glauben widersprach: denn es wurde ihm schwer eine solche künstliche, an