dachte es mit Schaudern.
Er ist nicht aufgelöst, der fürchterliche Bund! rief er, von wilder Angst ergriffen, der ihn rings umgebenden Einsamkeit, der einzigen Vertrauten seiner inneren Qual entgegen. Er selbst, Andreas selbst ist tiefer als jemals in denselben verflochten; um ihn gefahrlos zu gestalten, behauptet er! Kann seine, kann irgend eine menschliche Kraft jetzt, in diesem Augenblicke noch dazu ausreichen?
Eugens fortwährende, geheimnissvolle Entfernung! dachte er ferner, des Sergius nicht minder geheimnissreiche Reise, wohin? zu welchem Zwecke? zu wem? Wenn nicht zu ihm, zu dem geliebten Freunde meines Herzens, zu Eugen. O Eugen! auch Du wirst das Opfer eines ungeheuren Irrwahnes Deines Vaters werden, der uns Alle dem Untergange zutreibt: rief er laut!
Der Bund wäre ganz gefahrlos, bis zur Ohnmacht entwaffnet! behauptet der Fürst; wodurch wäre er es? fuhr Richard in seinen Überlegungen fort, wodurch wäre er es? Und wenn nun Sergius nicht im entscheidenden Augenblicke gekommen wäre; der tollkühne, wütende Matias das furchtbare Signal zum Ausbruch der beschlossenen Gräuel wirklich gegeben hätte? Wo ist die irdische Gewalt, welche alle die vielen Tausende mordlustiger Verschworenen zu bändigen vermocht hätte, welche nicht nur in Petersburg, welche durch das ganze Reich, durch alle Stände in demselben verstreut sind, bereit zum Werke der Zerstörung?
Ich soll nicht glauben, nicht sehen, nicht hören! soll die Gräuel nicht achten, die jetzt ohne Schleier in jenen schändlichen, Mord und Verbrechen predigenden Zusammenkünften der Verbündeten vorgetragen werden; ich soll ihre Reden für sinnlose Erzeugnisse einer verdorbenen, ohnmächtigen Phantasie, ohne alle weitere Bedeutung hinnehmen! – Wer kann das Unmögliche von mir fordern!
Zwiespalt, Unzufriedenheit, Wankelmut werden schon jetzt unter ihnen laut; eidbrüchige Verräter gibt es überall, in allen Verhältnissen; und wenn nun geschieht, was bis jetzt nur durch ein Wunder verhindert worden sein kann; wenn Einer, ein Einziger nur von jenen Vielen, von Reue, Eigennutz oder Furcht getrieben, den Weg zum Kaiser findet, den Bund verrät?
Richard ward starr vor Entsetzen über den Gedanken, der jetzt in furchtbarer klarheit vor ihm aufleuchtete!
Verloren! verloren! unrettbar Kaiser und Volk; Alle! Alle! Alle! schrie er laut; Abgrund, unergründlicher Abgrund rings umher! kein Ausweg mehr!
In wilder Verzweiflung zerraufte er sein Haar, warf auf den Boden sich hin.
Keine Rettung, wohin den blick ich wende! nicht einmal die Möglichkeit eines Wunsches, denn die ewige Allmacht selbst kann Geschehenes nicht ungeschehen machen! Wo waren meine Augen, meine Sinne, mein gesunder Verstand, dass ich es nicht früher begriff! Verrat rettet Kaiser und Reich, der Bund geht zu grund, mit ihm Andreas und die Seinen!
Helena! kreischte er auf; ihm vergingen die Gedanken.
Dann suchte er sich wieder zu fassen. Bleibt Alles, steht kein Verräter unter uns auf; – die Möglichkeit davon liegt vor Augen, denn bis jetzt hat noch Keiner sich gefunden; nun dann – dann, dann knirschte er, und lachte wild auf, dann ist ja Alles auf das Herrlichste! dann geht der Tanz los, Volkswut führt den Reigen, und Pestel ist der siegende Held des Tages!
Wie jede Überspannung, sobald sie gehörig ausgetobt hat, so löste auch Richards Zustand sich allmälig in Erschöpfung auf, und machte gelassenerer Überlegung Raum. Er liess Alles, was seit des Fürsten Andreas Heimkehr in der letztvergangenen Zeit sich wirklich begeben, an seiner Erinnerung vorüberziehn, und fand, dass ausser dem Widerrufe des Befehls zu der bei Beleja Tserkoff beabsichtigten Revue und der Erscheinung des Matias Apostol bei ihm in seiner wohnung, sich doch eigentlich gar nichts zugetragen habe, was die Mutlosigkeit rechtfertigen könne, von der er so plötzlich ergriffen worden war.
Seiner jetzigen Ansicht nach konnte des Matias Besuch und Benehmen nur einem plötzlichen, durch übertriebene sorge um seinen Bruder herbeigeführten Ausbruche von Wahnsinn zugeschrieben werden.
Und warum sollte Richard lieber in unbestimmten Zweifeln an seinen Pflegevater sich verlieren wollen, als in Hinsicht auf jene Revue den Andeutungen desselben Glauben schenken?
Richard war gewöhnt sich selbst der strengste Richter zu sein, und konnte in diesem Augenblicke, tief beschämt, den bedeutenden Einfluss sich nicht verhehlen, den sein durch des Fürsten Verschlossenheit verletzter Stolz auf die Beurteilung der Handlungsweise desselben in der letzten Zeit geübt habe.
In solchem Falle ist es edleren Naturen immer schwer das rechte Maass zu halten, aus übertriebener Grossmut nicht gegen sich selbst ungerecht zu werden, und so einen zweiten Fehler zu begehen, indem man den ersten allzu überschwänglich gut machen will. Daher konnte Richard es nicht unterlassen sich selbst auf das allerhärteste zu verdammen, und die edelsten Gründe dem, wenigstens sehr auffallenden Betragen des Fürsten unterzulegen, die man schweigend ehren müsse, selbst wenn sie unbegreiflich erschienen.
Er gelobte sich selbst den Maassregeln und Verheissungen seines edlen Pflegevaters mit ruhigster Zuversicht zu vertrauen; doch diese vortrefflichen Entschlüsse vermochten nicht die Unruhe ganz zu beschwichtigen, die ungeachtet aller Mühe, die er sich deshalb gab, noch immer in seinem inneren tobte, und ihm nicht erlauben wollte, dem Gange der begebenheiten in ruhiger Untätigkeit zuzusehen.
Er konnte die Verrat verkündenden Reden des Matias Apostol nicht vergessen; wie, wenn nun die Behauptungen jenes mordlustigen Frevlers dennoch auf mehr als blosser Einbildung beruhten? dachte er: Wahrscheinlichkeit spricht mehr dafür als dagegen, und wer wird bei gesundem verstand den Fallstrikken eines eidbrüchigen Verräters sich nicht zu entziehen suchen wollen, so lange