s Kloster der schwarzen Brüder. Schauerlich finster lag dieses Asyl menschlichen Elends; zwischen Felsenwände eingeklemmt ragten die Türme des alten Baues in die Luft, und um dem Strahl des Lichts den lezten Zugang fast zu rauben, warf ein Kranz finstrer Buchen und Tannen von oben herab seinen bläulichen, kalten Schatten in den dämmernden Klosterhof. Hier schlich ich mit ängstlich fragenden Blicken herum, wenn die schwarzen Gestalten der Brüder sich an mir vorbeibewegten, wenn ich ihre wankenden Schritte hörte, mit welchen sie in die Nacht der hohen, von einem spärlichen Lämpchen erhellten Kreuzgänge verschwanden, hier sann ich den trüben Wundern nach, die die Knie meiner Brüder beugen machten. Ein langer, dürrer Mönch, mit einem gesicht, wie eine kalte Steintafel, ging mir nach und hütete die Einsamkeit meiner kleinen Zelle. Oft wenn ich ihn um Mitternacht durch die Kirche aufrecht, wie ein im Sarge erkalteter Körper, schreiten sah, fiel der Schatten seines vorüber wandelnden Leibes wie eine schwarze, stille Gottesläugnung auf die Bilder der göttlichen Helfer. Er war nie aus der dunkeln Kellertiefe des Klosters an den warmen Mittag oben hinaufgestiegen, nie mochte er lächeln, nie eine bunte Blume, einen grünen Baum sehen, ein grauer Vorhang verhüllte auf immer die Aussicht seines kleinen Zellenfensters. Dieser Mann war es, der mir seine nähere Aufmerksamkeit schenkte; er gab mir eines Tages ein Buch, in welchem sich schöne Abbildungen jener frommen Helden der Kirche befanden, deren geschichte meine junge Brust entflammt hatte. Wie selig war ich im Besitz eines solchen Schatzes. Wenn die mitternächtliche Glocke ihre einsamen Laute durch die Nacht tönen liess, wenn alles im Kloster ruhte, dann fand ich Mittel von meinem Lager mich zu erheben, dem Corridor entlang, dem heiligen Muttergottesbilde vorbei, leise schleichend eine kleine, verstekkte Tür zu öffnen, die mich in ein hochgelegenes Turmstübchen leitete, wo sich eine Bank und ein Tisch von Stein befand. Hier hörte ich nun die Bäume auf den Felsen dicht über mir rauschen, hier konnte ich den Himmel mit seinen Sternen sehen, hier fuhr oft der Sturm, der unten schwieg, mit tönendem Brausen durch die Gitterstäbe meines kleinen Fensters und drohte das flackernde Lämpchen zu verlöschen, welches vor mir auf der Steinplatte seine unruhigen Lichter und Schatten warf. Ach, ich kann die Seligkeit, den herzzerreissenden Schmerz, die ahnende Wonne, die träumerische Begeisterung und die trunkene Entzückung nicht beschreiben, die in jenen wunderbaren Nächten mein armes Knabenherz befiel. Ich lag auf beide hände gestützt, das Buch auf meinen Knieen, die blonden Locken meines Hauptes drüber hin fliessend – stundenlang auf den kalten Steinen und hing mit verzehrender Glut an den Bildern meines Buches. Der Gedanke ging endlich in mir auf, dass auch ich ähnliche Wunder wirken könne, dass auch mein schwacher Körper die Glut des Himmlischen durchströmen und weihen könne. Nicht achtend auf die Vermessenheit solcher Gedanken, flog meine jubelnde Phantasie immer höher; bald zweifelte ich nicht mehr an meinem hohen Beruf; konnte wohl Gott ein Herz, das so brünstig sich ihm näherte, verstossen? Ich fasste die ganze Stärke meiner Seele, niederstürzend lag ich im Staube vor ihm, und erbat unter strömenden Tränen ein Wunder. Gleich dem heiligen Faustinus wollte ich die Stäbe meines Fensters schütteln und sie wie Rohrstäbe brechen. Busse und Geisselung huben jetzt an, und sollten jeden Funken der irdischen Begehrlichkeit in mir ersticken. In der Einsamkeit meiner Turmzelle floss mein Blut unter Geisselstreichen und färbte den Steinboden; kein Gebet, keine Fürbitte wurde verabsäumt, Hunger und Nachtwachen hatten meine Glieder der Fülle der Jugend entkleidet; endlich glaubte ich reif zu sein, für das mächtige Werk. In einer Nacht, wo ein fürchterliches Wetter sich über unserem Kloster entladete, fasste ich im Wahnsinn jene Eisenstäbe, raste in Entzükung und wandte alle Kraft an, sie zu brechen, – sie brachen nicht – und ohnmächtig stürzte ich auf die Steine des Bodens. Als mich die Brüder oben fanden, erhielt ich eine strenge Züchtigung und mein geliebter Turm blieb mir auf immer verschlossen. Wenige Tage nach diesem Ereigniss hatte ich den Mut, aus den Klostermauern hinauszuschleichen, um in den nahen Forst mich zu verlieren. Meine Seele, die in Betäubung lag, dürstete nach Einsamkeit. Rastlos forteilend geriet ich bald in viele Waldpartien, und kaum hatte ich ein finsteres Rasenplätzchen mir ausersehen, um mich mit meinem Wunderbuch dort niederzulassen, als ein Geräusch in meiner Nähe mich plötzlich emporschreckte. Wer beschreibt mein Entsetzen, als ich dicht vor mir ein Ungeheuer erblickte, welches den heisshungrigen Rachen schon aufsperrte, um meine zitternden Glieder zu verschlingen. Tränen stürzten aus meinen Augen, in der Angst und Verwirrung stürzte ich auf meine Knie und meine arme hielten, einem dunkeln Triebe folgend, dem Wolfe die Blätter meines aufgeschlagenen Wunderbuches entgegen. Nicht so bald hatten die grünen funkelnden Augen des Scheusals die geweihten Schriftzüge erschaut, als die fürchterliche Gestalt langsam zu weichen begann; ich rutschte auf den Knien ihr nach, immer das Buch gerade vor mich hin haltend und, o dreimal herrliches Wunder, das mörderische Tier heulte laut auf und entfloh furchtsam ins Dickicht. Ich blieb noch, auf meinen Knien liegend, ein heisser Strom der Entzückung überstürzte mein Gebein; meine Besinnung drohte zu schwinden, und mein umherschauender blick glaubte Gesträuch und Bäume, Himmel und Wolken in einem überirdischen Glanze leuchten zu sehen. Grüne züngelnde Flammen lösten sich von den Spitzen der Bäume, rote Lichter entsprangen dem Schosse der Waldrosen, Sonnenflokken träufelten von oben herab und diese bunten Lichter vereinigten