ihm herab. Als er unten war, trat er an eine Laterne, zog die Gabe aus dem Busen, und erkannte ein kleines, goldnes Kruzifix. "Wie sie heimlich und beschämt ihren Gott wegschenkt," dachte er mit Lächeln bei sich; "damit er mir folge, wohin ihr Auge nicht folgen kann, gibt sie ihn." –
Zu der bevorstehenden Vermählung des Prinzen war, nebst andern Gästen, auch der Graf Eberhard angelangt, ein Mann, den man fürchtete, weil er im Rufe stand, geheime Verbindungen zu leiten. Eduard sah ihn beim Herzog, und den nächsten Tag erfuhr auch seine Emilie die neue Bekanntschaft. "Er hat die ganze Welt umreist," erzählte der Jüngling, "alles gesehen. Auf den Trümmern von Aten hat er melancholische Nächte einsam durchwacht; vor den Königsgräbern zu Memphis hat er fragend gestanden; an die Cateder unsrer grössten Philosophen hat er zerschmetternde Teses angeschlagen; in Schottlands Gebirgen hat er mit Ossians Schatten verkehrt, und, ein zweiter Manfred, hat er die Gipfel himmelstürmender Alpen bestiegen, um in grässlicher Einsamkeit dem nahen Himmel fragen vorzulegen, die das Blut eines Geschaffenen starren machen." – "Halt ein," rief das erschrockene Mädchen, "was will der wahnsinnige Mensch bei uns? was bei Dir?" – Eduard musste lächeln, aber Emilie sah ihn bittend an: "Sprich von etwas Anderm," sagte sie rasch; "wie erscheint Dir diese Jokonde, wie benimmt sie sich, wenn so viele Herren sie umkreisen? Man sagt mir, sie soll schön und freundlich sein?" – "Das ist sie," erwiderte der Gefragte, "sie kann, wie ein Kind, scherzen und mutwillig lachen; wie ein Kind schuldlos, unbefangen die frischen Lippen öffnet und die leuchtenden weissen Zähnchen entüllt. Ihre Kleidung ist, glaube' ich, immer nach der neuesten Mode, und ein vielfach gewundener Schawl läuft ihr manchmal durch beide arme durch." – "Das ist nicht möglich," rief Emilie, "von einer so sonderbaren Mode steht nichts im Journal." – Eduard entzog sich geschickt einem Examen, dem er so wenig gewachsen war. –
Wieder schimmerten die zauberhaft erleuchteten Fenster des stillen Fischerhäuschens in den Hof hinein, wieder trieb Massiello, gleich einem bunten, abenteuerlichen Kobold die Gruppen der Gäste durch einander mit der geschwungenen Geissel seiner Laune. Vor dem leuchtenden Teetisch aber sass die Graziengestalt in den faltigen, breiten Aermeln, mit dem Köpfchen, dessen Goldgeringel diesesmal, auf modische Weise in einen Apolloknoten geschürzt, in zwei Psycheflügel sich spaltete gegenüber stand der Graf Eberhard in einer eckig halbzusammengebrochenen Stellung und redete in unheimlicher Tiefe mit dem schönen kind über die Kerzen herüber. Eduard konnte sein Auge nicht von der Gestalt fortbewegen, seine Seele war in der grössten Spannung, denn der Graf hatte versprochen, heute ein kleines Manuscript vorzulesen. Als er jetzt die Worte: Italien, Schweiz hörte, riss er sich fast gewaltsam vom sprechenden Abt los und trat an den Teetisch, eben als der Erzähler langsam und mit zuckenden Lippen die Worte sprach: "Es geht mir nichts über die pikante Fäulniss Roms, dieses ewigen Juden unter den Städten, diese Stadt, die nicht sterben kann, so tief sie auch von der Last des menschlichen Elends gebeugt worden. Die geschichte dieser armen Roma ist die geschichte eines Menschen, der an einen Gott geglaubt hat, und dem nun jede Stunde spottend zuruft: du hast geirrt, es gibt keinen!" Diese Worte fielen brennend in Eduards Seele, er fuhr lebhaft auf, um etwas zu erwidern, als Jokonde ihm eine Tasse Tee hinreichte, und zum Grafen sagte: "Hier ist ein junger Mann, der auch in Rom gewesen ist, und dem, so wie mir, die Makaroni's vortrefflich geschmeckt haben." Der Graf warf einen kurzen, matten blick auf den Jüngling, und dieser hätte vor Verdruss weinen mögen, dass das dienstwillige fräulein ihm so täppisch die Makaroni in den Mund schob. Der Herzog trug jetzt Stühle herbei, und der Graf, indem er ein paar Blätter aus dem Busen zog, sagte zu diesem:
"Eure Durchlaucht haben es Ihrer grossen Gnade, mit der Sie mich beehren, zuzuschreiben, wenn diese Mitteilungen Sie etwa belästigen sollten. Es sind Bekenntnisse eines Freundes, von dem ich nicht entscheiden will, ob ich ihn für glücklich oder unglücklich halte. Das Lebensrätsel lässt viele Deutungen zu. Mein Freund war bestimmt, ein Geistlicher zu werden, und in diesem Aufsatz wird sein Eintritt in's Klosterleben geschildert." – Eine Pause herrschte, und der Graf erhob seine stimme indem er folgende Worte las:
"Alle menschliche Grösse ist Lüge, alles Hohe und Heilige ein läppischer Selbstbetrug! Die wilde Naturflamme der Sinnlichkeit bläst üppige farbige Kugeln vor sich hin, die wir Tugend, Glauben, Wahrheit nennen, und die im nächsten Augenblick zerplatzen. Die Seele ist die Krankheit des Leibes, die Lügnerin, die ihm einen Himmel vorspottet, und ihn aus sich und seiner Bestimmung reisst; diese Bestimmung aber ist, zu keimen, zu wachsen, tierisch hinzuträumen und wieder spurlos zu vergehn; jeder Glaube an ein anderes Ziel, an einen andern Zweck ist der lächerlichste Betrug. Ich bin frühe zur Wahrheit hindurchgedrungen, und meine Lippen tranken aus dem Giftbecher als sie noch jung waren. – – Mein Oheim, der die Wünsche der Eltern erfüllte, brachte mich als siebzehnjährigen Knaben in'