, ehe sie sich fassen konnte. "Wir müssen uns trennen, auf wenige Tage, Freund meiner Seele!" hauchte sie in schmachtenden Tönen, "das erste Wort, welches Sie mit meinem Verwandten, dem General Erlfeld, sprechen werden, wird Sie überzeugen, dass ich ein paar schmerzliche Tage ihre Gegenwart entbehren muss, doch verspreche ich Ihnen, Sie hier zu erwarten." Eduard erfasste ihre Hand, und seine in weiche Stimmung sich ergiessende Seele gab ihm die süssesten, schmeichelndsten Worte des Danks und der Zärtlichkeit ein; Magdalena erwiderte seine Liebkosungen, doch war in ihrem Wesen heute mehr, wie jemals, die Befangenheit zu spüren, die störend auf den Geliebten zurückwirkte; er blickte manchmal wie fragend in's grosse blaue Auge, wie zu einem rätselhaften Stern hinauf. Als die Abschiedstunde schlug, zog er, von wunderlichen Träumen getrieben, die zarte schöne Gestalt mit sich an's offene Fenster, vor dem die ganze Landschaft sich im Mondenglanz verklärend ausbreitete. "Mädchen meiner Liebe," rief er mit Ernst und doch mit schmerzlichem Lächeln, "wisse, dass, wenn Du mich täuschtest, mein Leben ein verlorenes wäre; nur einmal vermag es der Mensch, mit voller, jugendlicher Kraft und Zuversicht den Glauben zu erfassen, irrt ihn da ein Trugbild, so sinkt er auf ewig in Ohnmacht dahin!" – "Eduard!" rief Magdalena, und sah den Jüngling mit befremdetem, fast zürnendem Blicke an; "es ist nichts," rief dieser, und warf sich, wie in Reue vergehend, an ihre Brust, dann stürzte er fort.
Beim Herausgehen traf er in den unrechten Corridor, als er ihn hinabeilte, sah er bei ungewissem Lichte eine Gestalt ihm entgegen kommen, er hielt Stand und liess sie an sich heran, denn er meinte, es sei Ottfried; doch als die wandelnde Figur gerade den Streifen des Mondlichts durchschnitt, sah er eine fremde seltsame Kleidung, die keinem Bewohner der heutigen Welt anzugehören schien. Eduard kannte keine Furcht; er trat beherzt näher, da glitt die Gestalt rasch an der Mauer hin, und dem Bestürzten war es, als blickten aus der Mantelumhüllung die Züge des Herzogs ihn an. Als er sich von seinem Befremden ermannte, war der nächtliche Wandler schon in der Tiefe des Ganges verschwunden.
Von den Furien eines fürchterlichen Argwohns erfasst, konnte der arme Jüngling nicht lange in der dumpfen Stille seines Zimmers ausdauern; Ottfried's Winke, die Erzählungen August's vom Gespenste, die plötzliche Abreise der Fürstin, Magdalenens seltsames Betragen, Alles schien auf eine finstere, entsetzliche Katastrophe hinzuarbeiten; der Unglückliche entschloss sich, die gegenwärtige Stunde zur Entscheidung zu rufen. Mit einem Gefühl, das ihm das Herz zusammenschnürte, stieg er leise den wohlbekannten gang hinauf in's Schloss, und nach wenigen Augenblicken stand er vor der geheimen Tapetentür, durch die er stets in den Tempel seines Glücks eingeschritten war. Noch einen Moment zögerte er, sie zu öffnen, da glaubte er deutlich eine fremde stimme im Gemach zu vernehmen, von einem Tritt seines Fusses flog die Wand zurück, und – der Herzog ward sichtbar, der sich aus den Armen des Fräuleins loswand. –
Der Sommer war dahingegangen, der Herbst streute seine falben Blätter in Garten und Flur, da hielt ein zierlicher Reisewagen vor dem schloss des Freiherrn, und Massiello zeigte sich darin, der gekommen war, den aus einer schweren Krankheit kaum genesenen Eduard zurück in die Residenz, zu seinen Freunden zu bringen. Man traf alle Anstalten, die blasse, zusammengesunkene Gestalt des sonst so blühenden jungen Mannes mit aller ersinnlichen Schonung und Sorgfalt zu hüten. August wollte sich von seinem Freunde durchaus nicht trennen, und bat sich darum einen Sitz im Wagen aus, den der Musiker auch mit Vergnügen ihm einräumte; der alte Baron und Ottfried vergossen Tränen, als sie den liebgewonnenen, unglücklichen Jüngling von ihren Fluren scheiden sahen, die nunmehr gänzlich verwaiset blieben, da einige Zeit vorher der Journalist und seine junge Frau sie auch verlassen hatten, um in die Schweiz zu ziehen. fräulein Magdalena und ihre Tante waren aus der Gegend verschwunden, man wusste nicht wohin.
Massiello's Plan mit seinem leidenden Freunde war, diesen der Residenz und allen jenen Plätzen, die alte schmerzhafte Erinnerungen wecken könnten, vorbeizuführen, und die Waldeinsamkeit aufzusuchen, wohin der Abt sich zurückgezogen hatte. Die Verwirrung in der Residenz, der Umsturz bestehender Verhältnisse, ja sogar der Wechsel der Regierung, indem es nunmehr bestimmt ausgemacht war, dass Fürst Lotar den Tron verliess, hatten den Musiker und seinen Freund von der Ausführung ihres Reiseplans bis jetzt zurückgehalten, dafür sollte er jedoch nun, da sich die Aussicht zeigte, Eduarden zum Reisegesellschafter zu haben, die ernstlichsten Anstalten zum Aufbruch getroffen werden.
Es war Mittag, als das bestimmte Wäldchen erreicht wurde. Massiello gab an, in welcher Richtung man es durchschneiden müsse. – Der Tag war ungewöhnlich heiss, erst als man tiefer in Schatten hineingeriet, wehte eine angenehme Kühlung, vermischt mit dem würzigen Dufte des Waldharzes, den Fahrenden entgegen; hier und da fielen einzelne Sonnenstrahlen durch die grüne Nacht, und spielten im Smaragdlichte auf dem Boden, Vögel flogen mit lachendem Gezwitscher über den Weg, die Rosse zogen den leichten Wagen wie im Spiel die Krümmungen des harten Waldweges fort. Jetzt hielt der Kutscher, und die Freunde stiegen aus, um auf einem Fusswege tiefer in's Dickicht zu dringen. Man vernahm rollende Passagen