Tante noch einige Tage zurückbleiben.
Die endlich erfolgende Abreise war ein allgemeines Trauerfest; obgleich die Anstalten so getroffen worden, dass man in der Stille den Pallast verlassen konnte, so hatte sich trotz dessen eine grosse Menge Landvolks eingefunden, welches mit Gewalt darauf bestand, des Anblicks der hohen Frau teilhaftig zu werden. Einige Männer vom Amt aus dem nächsten Städtchen, die ehrwürdigsten Greise des Dorfes umstanden den Reisewagen, den Schlosshof; und als nach Verlauf einer Stunde die Prinzessin erschien, begrüsste sie allgemeiner froher Zuruf; man ging so weit, sie daran verhindern zu wollen, den Wagen zu besteigen; Greise, Männer, Kinder und Frauen drängten sich um die hohe Gestalt, ihr Gewand zu küssen und sie mit den rührendsten Bitten zu beschwören, das Schloss nicht zu verlassen, denn es hätte sich das Gerücht verbreitet, sie wolle auf immer scheiden. Die Fürstin zeigte sich innig bewegt bei den Beweisen so herzlicher anhänglichkeit, sie liess Geschenke austeilen, nahm auf das Huldvollste Abschied, und konnte nur so zu ihrem Zwecke gelangen, indem sie laut erklärte, dass sie bald wieder zu kommen hoffe. Der alte Freiherr stand mit entblösstem haupt zur Seite des Wagens, und sie hineinhebend, benutzte er die gelegenheit, die ihm gereichte Hand mit dankbaren Küssen zu bedecken. Ottfried, Sophie und der Journalist erhielten ebenfalls freundliche Zeichen der Huld und Gnade; August hatte es sich nicht nehmen lassen, in seiner glänzenden Forstuniform auf einem schönen Rosse die edle Fürstin bis aus dem Dorf hinaus zu begleiten, und so ging endlich der Zug der Wägen, von einem Schwarm der Landbewohner gefolgt, durch das Dorf der nahen Gränze zu. Eduard, dem die Abreisende sich besonders freundlich bezeigt, empfand es schmerzlich, dass seine geliebte Magdalena sich im Augenblick der Trennung nicht blicken liess; der Schmerz, die Unruhe dieser Tage hatte sie jedoch so angegriffen, dass sie das Zimmer nicht verlassen zu dürfen behauptete. Der Baron, Ottfried, Sophie und der Journalist gingen in tiefster Niedergeschlagenheit ihrer wohnung wieder zu, die ihnen jetzt so verwaiset und verödet vorkam. – "Muss denn jede schöne Hoffnung auf Glück und Frieden heutzutage zu grund gehen!" rief der alte Freiherr, indem er sich eine Träne aus dem Auge drückte; "ich glaubte nun in meiner Einfalt, im Dienste dieser über Alles teuren und verehrten Frau meine Tage zu beschliessen, und nun wird sie uns so plötzlich und auf eine so dunkle, seltsame Weise geraubt. Wer bürgt uns dafür, dass sie wiederkommt; sie selbst schien daran nicht zu glauben, als ihr Mund mit schmerzlichem Lächeln es uns versicherte. Ach, wer zählt die Leiden, die sie in ihrem Leben schon erfahren, und die sie mit vieler Fassung, mit so edler Geduld trägt; ich habe das Recht, über sie ein Wort zu sprechen, denn mir war es vergönnt, schon an ihrer Wiege zu stehen, der Zeuge ihrer aufkeimenden Tugenden zu sein; freilich, die Gabe irdischer Schönheit war ihr nicht gegeben, auch nicht jener gefällige Glanz, der den Sinnen schmeichelt, aber die himmlischen Schätze der Demut und Liebe lagen wie reines Gold in ihrer Brust." – "Zum Glück," rief der Journalist, "bleibt uns das Edelfräulein, die wohl würdig ist, ihre Stelle zu vertreten!" – "Auch sie dauert nicht lange bei uns aus," seufzte der Baron, "auch sie geht!" Ottfried schwieg, er wollte seine Ansicht über des Fräuleins Charakter nicht laut werden lassen, obgleich ihr Nichterscheinen bei'm Abschied ihm ein Beweis mehr schien, dass diese Abreise und die Trennung des schon angeknüpften Bundes ihr Werk war. "Wer weiss es uns zu sagen," nahm der Journalist wieder das Wort, "wen diese Mauern jetzt wieder in ihrer Mitte empfangen werden? Beim Alten bleibt es nun einmal gewiss nicht, möchte nur das Neuere auch das Bessere sein; wir gehen einer ungewissen Zeit entgegen."
Eduards einsame Stunden füllten jetzt die reizendsten Pläne, die entzückendsten Aussichten; er dachte daran, wie er sein Leben gestalten wolle, um es würdig zu führen an der Seite seiner Magdalena. An Emilien, an Gottold waren Briefe geschrieben worden, die das schon längst als aufgelöst betrachtete. verhältnis vollends zernichteten. Er war willens, in Civil- oder Militärdienste zu treten, je nachdem die Lage der Dinge ihn überzeugt haben würde, an welchem platz er schicklicher die Ideen, die ihn jetzt beseelten, in Wirksamkeit übertragen könnte. Magdalena sah mit gerührter Teilnahme den Eifer, den der Geliebte zeigte, ihren Anforderungen Genüge zu leisten, doch zeigte sich stets in den Stunden, die Eduard seine glücklichsten nannte, eine seltsame Befangenheit bei ihr. Der Jüngling glaubte das Beben dieser schönen Seele zu erraten, wenn er bedachte, dass sie seinetwillen einen verhüllenden Schleier dulde, dessen die Tadellose stets in ihrem Leben für ihre reinen Handlungen nie bedurft hatte.
In diese Träume versenkt, störte ihn eines Abends der junge Forsikadet, der in sein Zimmer stürzte: "Eine Neuigkeit!" rief er, "eine saubre Neuigkeit – es spukt oben im schloss! ja, ja, Sie können es nur glauben, Eduard, es spukt, und schon heisst es allgemein, dass des Gespenstes wegen die Fürstin so schleunig fortgegangen sei." Der muntre Jüngling liess sich jetzt in einen umständlichen Bericht ein, dessen Schluss war, dass er den Geist in Gestalt eines, in ein graues Wamms gekleideten Mannes selbst erschaut