Völker tönt an Ihr Ohr! Die edelsten Rechte der Menschheit fordern Ihren Arm zum Verteidiger, die unterdrückte Unschuld fleht zu Ihrem Männerherzen; Sie sind ein Mann, in Ihre Rechte gehört das Schwert; Feigheit wäre es, sich mit taubem Ohr wegzuwenden vom allgemeinen Jammer. Eduard, geloben Sie es mir, hinführo für Gott und die Freiheit zu leben, und wenn ein Dank eines Weibes Sie beglücken kann, so soll es der meinige." Sie schwieg und mit einem seligen Lächeln blickte sie auf den Freund nieder. "Magdalena," rief dieser, "mein früheres Leben sinkt in diesem Augenblick vor mir herab; alles, was ich hoch und schön genannt, es hat seinen trügerischen Glanz verloren, die junge Sonne dieser Stunde gibt mich einem neuen Leben hin, führt mich in die arme der reinsten Liebe, des Glaubens, der Tugend: soll ich da noch anstehen, ihren segensreichen Strahlen zu folgen, wohin sie mich auch immer rufen? Ja, göttliches Mädchen, Dir will ich gehorchen, ein tatenloses armes Dasein möge sich in ein kräftiges reges Wirken umgestalten, an Deiner Hand, durch Deine Leitung. Ich schwöre für Freiheit, Gott und mein Vaterland zu leben." Magdalena war niedergesunken, das weisse, sie umfliessende Gewand breitete sich in weiten Falten um sie herum, sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten hände, eine tiefe Pause herrschte im Gemach; Eduard beugte sich zu ihr herab, sie leise, aber innig umfassend, wandte er das zarte, goldgelockte Oval sanft zu sich über. Mit niedergeschlagenen Augen und noch gefaltenen Händen duldete die schöne Gestalt den glühenden Verlobungskuss, den er ihr aufdrückte.
Unser Freund verlebte jetzt paradiesische Tage; es war ihm ein Bedürfniss, glückliche Menschen um sich zu sehen, und desshalb bekümmerte es ihn, dass im haus des baron noch immer keine befriedigende Nachrichten wegen der Flüchtlinge eingelaufen waren. Es schien, als wenn ihre Spur sich plötzlich unter die Erde verloren hätte, denn im ganzen Umkreis des Schlosses sowohl als auf den Stationen der verschiedenen Strassen hatte man sie weder beherbergt, noch ihnen begegnet. Es neigte sich der dritte Tag schon zu Ende und ein paar abgeschickte Boten kamen ebenfalls unverrichteter Sache zurück, da zeigte sich August, der von seinen gewöhnlichen Streifereien im Forste heimgekehrt war, mit besonders heiterer Miene. Er winkte Eduarden zu sich, und flüsterte ihm in's Ohr, dass er sich jetzt getraue, die Schwester zu finden, er wüsste gar wohl, wo man sie verborgen habe, und wenn Eduard die Entdeckungsreise mitmachen wolle, so stehe er ihm für den besten Erfolg und ausserdem für vielen Spass. Unser Freund entschloss sich, dem jungen Kadetten zu willfahren; es wurden noch an demselben Nachmittag Anstalten ingeheim getroffen, der Pastor, der von der neuen Hoffnung etwas erlauscht hatte, schloss sich den beiden Jünglingen an, und so gingen sie in den benachbarten Forst. Unterwegs tat der lebhafte August sein geheimnis kund, er hatte es nämlich vor dem Vater verbergen müssen, dass er auf seinen Gängen im wald ein hübsches Bauermädchen entdeckt habe, mit welcher es dem bildschönen lustigen Jägerburschen eben nicht schwer geworden war, ein Liebesverständniss anzuknüpfen. "Es war damit," erzählte er, "ganz so, wie es in jenem Liedchen von der schönen Müllerin heisst, sie kam auch, in des Morgens Frische ihr liebes Angesicht zu baden, indess ich hinter dem nächsten Baum auf meine Flinte gelehnt dastand, und ihr zusah. Ich werde es nie vergessen, wie ich damals den ersten Kuss von einem Mädchen erhielt, wie ich mit meinen Lippen ihre vom Bade nassen und kalten Wangen erwärmte, und ihre volle kleine Gestalt mit meinem Arm umschloss; es ist wahrlich schade, dass ich sie euch nicht zeigen kann, doch pflegt sie mit ihrem Vater erst später nach haus zu kommen. Von ihr nun hab' ich es erfahren, dass meine gute Schwester hier im wald sich verbirgt, und der Journalist mit seinen Freunden in der Residenz correspondirt, um einen Wagen herkommen zu lassen, in welchem es ihm dann leicht möglich wird, die nahe Gränze zu erreichen, ohne die Stadt und die bekannten Wege zu passiren. So gut als gewiss ist es, dass heute der Wagen angelangt ist, und wenn er nun aus dem wald eilen will, so muss er hier vorüber und läuft uns dann gerade in die arme. Es gilt also nur, ein Stündchen hier zu warten, wozu der freundliche, schöne, von Sonnenschein und Vogelgesang belebte Waldplatz ohnediess einladet. Aber was geschieht da unserm Pastor?" Der Prediger war während des Gesprächs vorausgeeilt, an einen kleinen Abhang geraten und trotz seiner grossen Vorsicht hingestürzt, jedoch ziemlich glücklich bei nachgleitenden Rockschössen auf dem Sande in die Tiefe niedergefahren; als Eduard und August dem verschwindenden mann nacheilten, fanden sie ihn schon unten angelangt und zwei Bauerburschen beschäftigt, die ehrwürdigen Amtskleider auszuklopfen und auszustäuben. Jetzt war man im Tale, wo die geschwätzige Mühle ihre Räder mit einem heimlichen Rauschen trieb, als erzähle sie den jungen Waldbäumen uralte wundersame Mährchen; das Häuslein selbst lehnte so schmeichelnd zärtlich mit seinen grünen umsponnenen Fenstern an der hellen Felswand, dass den beiden Jünglingen das Herz aufging und sie ihre arme dagegen ausbreiteten. Der Kadet warf sich an die Brust seines älteren Freundes, und zog ihn auf die kleine Bank nieder, auf der er mit seiner Marie so oft gesessen hatte; indess liess sich der Pastor von seinen beiden klopfenden und stäubenden Dienern in ein