1836_Ungern_Sternberg_133_44.txt

sich erhebend, warf seinen blick auf das ruhig daliegende Schloss und die friedliche Gegend.

Als Eduard hinunter zur Familie kam, erfuhr er den

Grund des gestrigen Aufruhrs, – Sophie war mit dem Journalisten entsprungen, und man musste glauben, dass die Flüchtlinge ihren Weg nach der Residenz genommen; doch war es eben so wahrscheinlich, der Zeitungsschreiber habe seine Beute mit in sein Vaterland, in die Schweiz, entführen wollen, wo, wie man wusste, seine Familie einige Besitzungen inne hatte. August war beauftragt worden, mit einigen Knechten den Flüchtlingen nachzusetzen, denn es liess sich erwarten, dass das ungewöhnlich starke Gewitter in der Nacht ihre beschleunigte Reise bedeutend aufgehalten haben musste. – Der Baron hatte anfangs lebhaft gezürnt, doch jetzt schien ihm die Hoffnung gewiss, die Entflohenen wieder einzuhaschen; er sass in seinem Armstuhl am Fenster, und begrüsste unsern Freund mit einem trüben Lächeln. "Das ist," rief er, "ein Stückchen vom neuen Regime, so äussert sich diese interessante Wut: wahrlich, ich werde noch müssen für meine alten Tage eine bezahlte Pflegerin annehmen, um nicht elend zu verkümmern, denn meine eigene Tochter läuft als Marketenderin in die Reihen der Unsinnigen." Der Geistliche ging ebenfalls mit bekümmerter Miene im Gemach auf und ab, indem er von Zeit zu Zeit das Haupt schüttelte; nach einer Pause begann er: "Höchst seltsam! das Uebel fing so gering an, sie zupfte Charpie für die armen unterdrückten Freiheitler; zwar bemerkte ich, dass allemal die Woche ein Pfund mehr von diesen heilsamen Fäden durch ihre artigen Finger zerzaust wurde, allein welcher prophetische Geist hätte dergleichen Dinge vorher sagen mögen!" – "trösten Sie sich," rief der Baron seinem alten Freunde zu; "besser, dass sie jetzt entlief, als dass sie als ihre Gattin sich in die weite Welt flüchtete, wo sie dann vielleicht noch gar ihre Perücke mitgenommen hätte, die sie nie hat leiden mögen." Der Pastor sah seinen Freund und gönner mit grossen Augen an, erwiderte aber nichts, sondern sah wiederum mit bekümmerten Blicken hinaus auf die vorbeiführende Landstrasse. Eduard liess die beiden Alten bald allein, seine glühende Seele vernahm nur halb, was um ihn vorging, es trieb ihn die sehnsucht in's Schloss. Die Fürstin liess ihn vor sich und teilte ihm mit, dass Magdalena seit gestern sich unpässlich fühle, und daher die heutige Malerstunde aufgegeben werden müsse. Eduard stand wie vernichtet, er entfernte sich mit einer stummen Verbeugung; auf dem Zimmer angelangt, vertraute er seines Herzens geheimnis einem Papier, welches Magdalenens Zofe zur heimlichen und sicheren Bestellung erhielt. Jetzt waren die Pforten des Tempels gesprengt, und Glanz und Segen überströmte den Glücklichen; eine neue Sonne stieg am Horizonte empor, und verklärte sein verarmtes Leben. Am Abend erschien die treue Zofe, und leitete unsern Freund auf einem verborgenen Pfade in das Zimmer ihrer Gebieterin. Da sass sie, auf den Polstern des Divans hingegossen, das goldene Haar aufgelöst, in ein fast klösterliches weisses Gewand eingehüllt, dessen reiche Falten auf den Boden niederflossen, eine Träne blinkte in ihrem Auge, als sie den Glücklichen hereintreten sah. Auf einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tische stand ein Kruzifix, von zwei hohen Wachskerzen eingefasst, deren Flammen im Abendwinde spielten. "Magdalena," rief Eduard und stürzte zu ihren Füssen, "wunderbares, heiliges Mädchen, warum hast Du mich nicht früher in deinen Himmel schauen lassen, warum gegen mich diese Kälte, diese Verachtung? – Doch, ich Wahnsinniger, verdiente ich etwas Anderes? War ich es nicht, der verblendet und verführt, dieses überreiche Herz von mir stiess, war ich es nicht, der den nichtswürdigsten Verläumdungen mein Ohr lieh?" – "Eduard!" flüsterte Magdalena und neigte sich zu dem Verzweifelnden herab, "keine Selbstanklage! es ist genug, die Prüfungszeit ist vorüber, der Himmel wollte, dass ich auch den letzten bittersten Trank bis auf die Hefe leeren sollte; ach, ich Elende, ich vermochte es nicht, meine Kraft brach, und ich zeigte Dir ein schwaches Herz. Ja, mein edler Freund, auch Du solltest mich verkennen, auch von Dir sollte ich verdammt werden, gleich wie die Welt mich verdammt und lästert! Doch es ist vorbei, und meine Seele fliegt im jubelnden Gebete himmelwärts." Sie beugte sich nieder, und der entzückte Jüngling, keines Wortes mächtig, umschloss mit glühenden Armen die jungfräulich Erbebende. Der Nachtwind spielte in den rauschenden Falten der Vorhänge, und drohte die Kerzen auf dem Tische zu verlöschen. Magdalena entzog sich dem Kusse des Freundes, die leidenschaftliche Glut des Moments glitt an der reinen Höhe ihres Wesens nieder. Hoch aufgerichtet, die Hand auf den Tisch gestützt, stand sie da, und staunend sah der Jüngling an ihr hinauf. "Eduard," rief sie nach einer Pause mit einer ernsten feierlichen stimme, "Eduard, folgen Sie nicht dem Erdgeiste, der uns beide umstricken will, der Augenblick ist heilig, er giesst die Weihe über zwei Menschenleben aus! Eduard, bei dem Erkennungskusse, den unsere Seelen sich heute zugehaucht, bei dem Siegesfeste unserer Liebe! – bei den ewigen Gestirnen, die ihre prophetischen Kreise in diesem Moment über unser Haupt beschreiben, und endlich bei diesem Bilde, das hier aufgerichtet zwischen uns stehtgeloben Sie mir einen teuern Eidgeloben Sie mir, hinfort nur für Gott und die Freiheit zu leben! Eduard! Die stimme unterdrückter