sich auf's lebhafteste und wünschte ihn und seine gespräche zurück; so arbeitete er an sich, bis wieder die alte Kälte an die Stelle der aufkeimenden Wärme getreten war.
Zu dieser Zeit kam Sophien's Bestimmter auf's Schloss; es war ein langer, ziemlich wohl aussehender Mann in einem schwarzen Ueberrock, der ihm bis auf die Fersen reichte, und den er, als er den Schlossberg hinausschritt, hoch aufgeschürzt und um den Leib festgebunden hatte, so dass er auf den ersten blick fast wie ein Jägerbursche aussah. Der Journalist nahm ihn sogleich bei Seite und examinirte den Ermüdeten scharf über seine politische Ansicht. "Lassen Sie mich;" rief der Pastor, indem er atemlos auf einem der breiten Lehnsessel Platz nahm, "das Bündniss, das ein redlicher Mann mit dem staat schliesst, ist eben so zart wie eine Herzenssache, und wer spricht gern von seiner Braut mit Leuten, die über ihren Wert anders denken könnten; übrigens bin ich ja da, Friede und Eintracht zu predigen allezeit, und schon deswegen würden Sie nichts aus meinem mund erfahren, was zu Ihrem Kram passt." –
"Himmel," rief der Journalist, "wie kann man sich nur so ganz simpel ausdrücken! von welchem Kram reden Sie? Mann, Mann, wissen Sie nicht, dass Ihre Kirche selbst auf blutgedüngtem Boden aufspross und sich festigte." – "Wohl," entgegnete der Geistliche, "das Aergerniss muss kommen, doch wehe dem, durch welchen es kommt; es wäre besser, ihm hinge ein Mühlstein am Halse und läge im Meere, da wo es am tiefsten ist." Der Baron warf einige Bemerkungen dazwischen, die einen ernsten Streit verhinderten, und wirklich gelang es ihm, den Pastor zu einem gutmütigen Lächeln zu bringen. "Uns Landprediger," sagte er, "sieht man gewöhnlich im Leben als die beschränkte, leidlich-gesunde Mittelmässigkeit an, und als solche treten wir auch in Büchern, Romanen und Novellen auf, wenn es sich um Glauben, Philosophie und Lebensgenuss handelt. Eben so weit entfernt von den herrschenden Zepterträgern der hohen Aufklärung, wie sie zur Verzierung grosser Residenzen hie und da gefordert und verschickt werden, als von den überirdischen Schwärmern und Wundertätern, geht unsre Einsicht und Lehre Hand in Hand mit den niedern, immer wiederkehrenden Bedürfnissen des einfachen Menschen. Der liebe Gott auf dem land, der Pfarrer im schwarzen Rock und der Bauer in der roten Sonntagsweste sind drei Personen, die nicht zu trennen sind, und die sich gegenseitig ehrlich lieb haben, und zusammen bedenken, was zum Bau des Ackers, zur Saat und Erndte nötig. Wenn einer von ihnen stirbt, so muss notwendig der andere seine Stelle ersetzen; ja mir sagte einmal ein Bauerbursch in aller gutmütigen Einfalt: 'Herr Pfarrer, wenn der liebe Herr Gott krank wird und stirbt, so wird man gewiss im Himmel Euch zum lieben Gott machen.' Der Baron lachte herzlich über diese Worte, und jener fuhr fort: 'Doch möchte ich die hohe Stelle dort oben heutzutage am wenigsten einnehmen, wo es so bunt in der Welt zugeht und Niemand weiss, was er will. Wie leicht könnte es sein, dass ich meinen lieben französischen Kindern ein Schicksal gebe, worüber sie in allen Journalen lästerten, und indess ich eilte, es ihnen recht zu machen, verdürbe ich es mit einer andern Partei. Aus Furcht nun, ja keinen dummen Streich zu machen, würde ich recht viele begehen, denn ich muss bedenken, dass Leute wie der König Salomo, der alte Plato und der Imperator August im Himmel hinter mir stehen und mir auf die Finger sehen. O ganz verdammt böse Sache! Da könnte ich wohl in der Uebereilung, wenn das Ding nicht gleich ginge, wiederum das alte Meer über den ganzen Wirwarr hinspülen lassen, wo dann freilich geholfen wäre. Nein, nein, es bleibe beim Alten, und es herrsche der, vor dem alle Kreatur fleucht und dessen Fussschemel die Erde ist. – Als ich noch studirte, und die erste Kunde von den fürchterlichen, ewig denkwürdigen Revolutionstagen aus Frankreich an unser Ohr scholl, da war keine Seele, die sich nicht empört auflehnte gegen die frechen Satzungen, mit denen der bandenlose Uebermut gegen die bestehenden Formen ankämpfte. Der Deutsche war in Liebe und Einigkeit mit seinem land verwachsen, in Verehrung für sein Fürstenhaus; die gränzenlose Albernheit und die frivolen Formen, die aus jenem land der Unnatur und des Leichtsinns kamen, hatten nur eine höchst geringe Anzahl Bekenner für sich, und unter diesen traten nur solche als Sprecher auf, die entweder den deutschen Charakter nie begriffen hatten, oder die Ehrgeiz und leidenschaft zu Verrätern stempelten; wir Uebrigen liessen es geduldig geschehen, dass man unsere Köpfe puderte und frisirte, unsere Röcke nach französischen Mustern verschnitt, doch Herz und Hirn blieben unverrückt und unverfälscht dem land, das wir liebten und das unsere Liebe verdiente, getreu. Es mochte wohl schwerlich damals in allen deutschen Gauen ein Deutscher gefunden werden, der an einem so antideutschen Charakter, wie der jenes grossen Mannes war, Gefallen gefunden, geschweige denn, zu dieser perfiden Abgötterei sich herabgelassen hatte, in der jetzt ein sich selbst und alles Wahre und Edle verkennender haus wahrhaft wütet. Schlimm, sehr schlimm steht es, wenn ein Mann der Held einer Nation werden kann, dessen Charakter eine kalte, folgerechte Verknüpfung von Lüge und Selbstsucht war, und dieser Missgriff konnte von einem volk getan