" Jokonde schmiegte sich an feine Brust; sie hatte den jungen Eduard gebeten, die Harfe zu ergreifen und ein erheiterndes Liedchen vorzutragen. Massiello war auch fortgeschlichen, unter dem Vorwand, er wäre zu einer Leichenbestattung gebeten, von der er unmöglich ausbleiben könne. So blieb der Herzog mit Jokonde und Eduard allein. Eine lange Pause herrschte, der Fürst hatte sich am Kamin hingeworfen, sein blick verfolgte die züngelnden Flammen, Eduard lehnte an der Harfe, auf welcher er, wie im Traume, einzelne Akkorde anschlug; auf einer Fussbank beim Herzog, das Köpfchen an seine Kniee gelehnt, lag Jokonde. Am Himmel stand der Mond und glänzte im Fluge hinter flatternden Fetzen des zerrissenen Mantels der Nacht hervor, der Herbstwind warf die nackten Zweige des Baumes am Fenster an einander und zog in hohlen Tönen im Kamine auf und ab. "Das Leben ist so arm," rief der Herzog, "und doch vermag eine liebliche Schwärmerei es reich zu machen!" – Eduard sang das Lied vom König von Tule. – "Ja, ja," seufzte der Fürst, "so möchte' ich enden! Jokonde, prüfe Dich, Du gutes Mädchen, könntest Du wohl eben so handeln, wie jene Buhle?" – "Noch mehr, noch mehr für Dich!" rief sie, und ihr Lockenkopf hob sich, die Züge ihres engelschönen Angesichts im Ausdruck der reinsten Zärtlichkeit zu entüllen. Es lag auf ihrem Antlitz die sinnliche Andacht eines Raphaelischen Engels, der vor einer Heiligen kniet; der Herzog zog sie entzückt an sich, sein Auge flammte, und Eduards Lied jubelte in hellen Tönen auf. "Du mein Geliebter, Du mein angebetener König," lächelte das liebliche Kind weiter, "Du schönster unter den Männern, nicht wahr, Du bezahlst doch morgen meine Schulden? Neun hundert Gulden, mein Geliebter!" Der Herzog nickte ihr zu, wand sich aber aus ihrer Umarmung plötzlich los, schlug die Falten seines Mantels schnell über's Gesicht, stand auf und warf einen zornigen blick Eduarden zu, der sein begeistertes Lied eben mit einigen schreiend albernen Noten abspringen lies. Beide verliessen das Gemach und Jokonde blieb ohne Antwort, verstimmt und verwundert am Kamine stehen.
Draussen war eben der erste Schnee gefallen, der Himmel hatte sich umzogen und lag wie ein kaltes, enges gefängnis-Gewölbe über der Erde, nur von dem matten, trüben Mond, wie von der zurückgelassenen Laterne des Gefangnen-Wärters, erleuchtet. Der Sturm hatte sich gelegt. Die Strasse, wo die lezten Häuser aufhörten und das weite, öde Meer sich ausdehnte, lag in Schnee und Nebel gehüllt, kein Luftzug rührte sich, alles war tot und stille. Da kam die Strasse daher ein einsamer Wagen, mühsam von einem alten Gaul geschleppt, der von den dumpfen Tönen des Fuhrmanns von Zeit zu Zeit angespornt wurde, hinten drein gingen zwei Männer, hängenden Hauptes, in weite Mäntel geschlagen. Auf dem Wagen, als er näher kam, bemerkte man, etwas erhöht, einen kleinen Sarg mit einer Kinderleiche. Der Herzog und Eduard standen bei diesem Anblicke tief ergriffen stille, und bemühten sich, den wunderlichen Zug aufzuhalten; endlich gelang es ihnen, einem der schwarzen Begleiter Antwort abzugewinnen, er schlug den Mantel vom Antlitz, und der Herzog erkannte den alten Fleackwout, neben ihm stand Massiello. "He, was treibt Ihr hier, Leute?" fragte der Fürst, "was ist es mit dem kind; ist es etwa eines von deinen vielen, Massiello, die Du jetzt mit dem ersten Schnee abzuschütteln gedenkst?" Der Alte sah den Herzog mit einem schmerzlichen, fast weinerlichen Ernst an und sagte hohl: "O, ich bitte Euch – nur jetzt keine Scherze, nur jetzt nicht; haltet mich auch nicht auf, denn ich trage jetzt meine Jugend zu grab, und dieser treffliche Mann hier folgt mit mir der schönen Leiche." – "Ja, ja," rief Massiello, "so ist's, lasst uns gehen, damit wir anlangen, ehe der Kirchhofwächter die Tore seiner Stadt schliesst, und wir keinen anständigen Gastof zur Verwesung mehr offen finden." Der Herzog sah den Alten starr an, ein Schauer schien ihn zu durchfrösteln, er sah in die neblichte Nacht hinaus, dann auf den stillen, gespenstigen Zug und auf die blasse Kinderleiche, und stöhnte: "Seine Jugend begräbt er! Ja wohl, ja wohl ist es dann erst Zeit, dass das ganze alberne Fastnachtsspiel des Lebens zu Ende gehe?" Eduard hatte sich indess an die Leiche gemacht und rief: "O, seht Prinz, ein Kinderkopf aus Wachs geformt, mit weissen Tüchern sauber umwikkelt, und diese Puppe lässt der Alte wahrhaftig als Leiche vor sich hin tragen!" – "Lasst ihn, lasst ihn!" gebot der Herzog leise und kurz. Der Zug sezte sich wieder in Bewegung, und Massiello sang mit lauter, kreischender stimme ein Lied aus einer Kinderfibel nach einer frommen Melodie, so dass die Töne aus dem fallenden Schneegestöber hervortönten, als der Zug schon längst den Blicken entschwunden war. "So," rief der Herzog, indem er, in seinen Mantel geschlagen, von einer trüb leuchtenden Laterne beschienen, einsam dastand, "so trägt jeder am Ende seine Jugend heim; einmal im Leben muss dies trübselige Leichenfest vor sich gehen! Ach, die süsse, göttliche Jugend! Da hatte der seltsame Alte nun