1836_Ungern_Sternberg_133_39.txt

, dass ich die Zeit meines Lebens über glücklich gewesen bin! o Freund, lächeln Sie nicht, ich spreche im heiligsten Ernst: ich fühle, ich bin zum Dichter geboren, allein es sollte trotz dessen nicht sein, deswegen ging es mir überall wohl. O, meine Caroline, warum musstest du mich auch gleich mit deinem Jawort beglücken, gab es denn durchaus kein Hinderniss, das uns, wenn auch nicht ganz hemmte, doch wenigstens mit Hemmung bedrohte. Nein, es sollte durchaus glücklich gehen, ich bekam nicht Raum zur kleinsten Beschwerde. Ach, und so ging es überall; ich hatte Hoffnungen, mein Vermögen einzubüssen, arm und elend zu werden, welche Aussicht! da tritt mein Freund auf und rettet mit eigener Ausopferung mein Geld, und es bleibt mir gesicherter als jemals. Ein Jugendgespiele, an dem mein Herz hing, schien plötzlich den Verräter gegen mich spielen zu wollen; schon spitzte ich die Feder, ein poetischer Schmerz über die Unbeständigkeit alles menschlichen, edlen Gefühls erfasste mich: da, in dem Moment, stürzt der Verkannte in meine stube, es tut sich der Irrtum kund, mein Freund ist meiner Liebe doppelt würdig, und mit dem Gedichte war's aus. Ein Kaufmann oder sonstiger praktischer Weltmensch könnte sich nichts Besseres wünschen, als an meiner Stelle zu sein, allein für mich, ich fühle es nur zu deutlich, ist dieses Glück ein Fluch, der den innersten Keim meines Wesens vergiftet. Ich gehe herum wie einer, der an Gespenster glaubt und dem sich wider Willen unter der Hand alles natürlich und prosaisch auflöst. O wie trefflich ist die Antwort, die die Königin Elisabet einem jungen törichten Dichterling gegeben haben soll, als er ihr seine Verse vorgelesen: Sir, ich werde dafür sorgen, dass ihr auf ein paar Monate in den Tower kommt, damit eure Verse Tiefe erlangen! – Und so gibt es der dunkeln Kammern im Leben viele, wo der Dichter zum Bewusstsein erwachtmir nur, nur mir ist keine aufgeschlossen worden."

Man langte jetzt bei der Mühle an und die freundliche Müllerin erschien, ihren Gästen einige ländliche Erfrischungen zu reichen. Ottfried liess sich in seinen Betrachtungen nicht stören. "Erst durch Schmerz," fuhr er fort, "wird jedes Gut unser wahres Eigentum; die erste Träne löst das Siegel vom Herzen, an dem gewöhnliche Behaglichkeit vielleicht Jahrelang vergebens sich abgemüht hat. Lange wandeln wir herum und glauben zu lieben, zu verehren, zu empfindenda, in der lezten Minute vielleicht unseres Lebens, beugt sich unser Herz einem endlosen Jammer, es spaltet sich, die erste Träne stürzt herausund wir lieben! Geht es mit den Wundern der Andacht, des Glaubens anders? So schreitet auch unsere Zeit jetzt einem grossen Schmerze entgegen und dieser wird erst jenen heiligen Ernst gebären, mit dem unsere junge Reformatoren so voreilig schon prahlen. Mir fällt bei derlei Gedanken immer ein kleines Gedicht ein, welches ich einst in Begeisterung für jene Ideen niederschrieb; es lautet folgendermassen:

Der nur lebt das wahre Leben,

Der nur Eines ewig denkt,

Der mit glüh'nden Liebesarmen

Sich an's Eine brünstig hängt.

Der ist nimmer nah' dem Ziele,

Der noch andre Lust vermisst;

Nein, nur der, der alles, alles

Um das einzige vergisst.

Der in dunkeln Kummernächten

Tief gebeugt am Lager weint,

Dem die weite Welt so öde,

Oed sein eigenes herz scheint.

Der sich ganz verwalset achtet,

Der sich ganz verloren gibt,

Der im bittern Leid verschmachtet,

Der bis zum Sterben sich betrübt.

Ja, zu dem neigt es sich nieder,

In dessen Herzen zieht es ein,

Dem will es sich zu eigen geben,

Ja, dessen Tröster will es sein."

Eduard war tief bewegt, und bemühte sich nicht, seine Rührung zu verbergen; Ottfried sah ihn lange an, dann schloss er ihn heftig in seine arme und sagte: "Mögen Sie, teurer Freund, glücklicher sein als ich! Ihr Auge, Ihr ganzes Wesen sagt mir immer, dass Sie schon diesen heilbringenden Schmerz gekostet haben – o seien Sie stark, wenn nun die ganze Fülle des Leids auf Sie einbrechen sollte, um Sie durch Nacht und Dunkel zur Verklärung zu bringen. Ja, ich wusste es wohl, dass Sie mich verstehen würden; so genügen oft wenige Worte, um ein festes Band zu schliessen zwischen zwei Menschen, die sich sonst rücksichtslos vorbeigegangen wären auf dieser weiten Erde." Eduard suchte die Hand des Mannes und drückte sie warm, dann erhob er sich und trat zurück, denn es nahte der Baron mit zwei fremden Gestalten. Er ging auf sein einsames Zimmer, und zeichnete die Verse auf, welche ihn so sehr gefesselt hatten. Als sie auf dem Papier dastanden, wollte er sich wiederum jeden Eindruck ableugnen, sie kamen ihm höchst gewöhnlich vor und das geheimnis, welches sie ihm früher entalten zu haben schienen, war am Ende eine Bemerkung, die ihm äusserst bekannt dünkte. Er schalt sich, dass er von Ottfried's Wesen sich so gleich habe einnehmen lassen, die Worte desselben erschienen ihm jetzt fast lächerlich, besonders das Verlangen nach Missgeschick. In diesem Zwiespalt, der sich seines Wesens gewöhnlich nach jedem stärkern Eindruck zu bemächtigen pflegte, brachte er den übrigen teil des Tages zu; am andern Morgen vermied er Ottfried und suchte geflissentlich Sophien auf, um sich auf ihre Kosten zu ergötzen. Des Grafen erinnerte er