dass zur Bildung meiner Ansichten gekränkte Eitelkeit einen grossen, wenn auch nicht den grössten teil beiträgt. Ist es Ihnen recht, so benutze ich das halbe Stündchen, wo mein guter Vater noch zu erscheinen zögert, um Ihnen eine Begebenheit zu erzählen, die die plötzliche Aenderung meiner Ideen bewirkt hat, und an die ich nie ohne Bewegung zurückdenken kann." Eduard setzte sich zu ihr, und sie fuhr fort: "Meine gute Mutter war nicht von adeliger Abkunft, sie hatte durch Tugenden, die eines leeren Schimmers nicht bedürfen, das Herz meines Vaters an sich zu fesseln verstanden; ihr früher Tod liess ihn ihren Wert auf das schmerzhafteste empfinden. Man veranstaltete ein ehrenvolles Leichenbegängniss; und die gewöhnlichen Festlichkeiten gingen vor sich, die, noch ein Erbteil einer steifen, törichten Zeit, eben so drückend als belästigend für die armen Hinterbliebenen sind. Meine Mutter besass ein kleines Ordenskreuz, welches sie von einer teuren Freundin, die Stiftsdame gewesen, als ein Andenken erhalten hatte, und welches immer auf ihrer Brust zu ruhen pflegte; auch jetzt befand es sich dort, obgleich das Herz, welches in diesem Busen schlug, schon erkaltet war. Wer hätte es wagen können, dieses Zeichen einer zärtlichen Erinnerung zu entreissen? Und dennoch geschah es. Eine Dame von Adel, die sich mit unter den Trauergästen befand und noch zu jenem Fräuleinstift gehörte, bemerkte nicht sobald das Kreuz, als sie an den Sarg trat, um es abzulösen. Fast mit kindischer Hast sprang ich hinzu, umklammerte ihren Arm, indem ich sie bat und beschwor, von diesem Vorhaben nachzulassen, ja, ich besinne mich, dass ich in ohnmächtiger Wut nahe daran war, ihr in den Arm zu beissen, allein sie drängte mich von sich, indem sie leise und mit schneidender Kälte sagte: 'Mademoiselle, soll ich Ihre Bonne rufen, um Sie zu züchtigen?' Dann wandte sie sich zu einer nebenstehenden Dame und sagte spottend: 'Das ist nun eine Erziehung, wie sie eine Bürgerliche geben kann.' Mein ganzes Wesen war Erbitterung, ich verstand jene Worte sehr wohl, und ein grelles Licht drang in mein Inneres. O Himmel, ich glaubte die arme Mutter jetzt jedes Schmuckes beraubt zu sehen, mein einziges Verlangen war, mich nur gleich zu ihr in's kalte einsame Grab zu legen. In der Folge gab es Kränkungen der Art eine Menge. So besinne ich mich, dass ich die schmerzlichsten Tränen vergoss an einem Abende, wo alle meine Gespielinnen tanzten und jubelten; man hatte meine vertrauteste Freundin, ein Mädchen von bürgerlicher Abkunft, auf das Empfindlichste gekränkt, und da ich mich lebhaft ihrer annahm, musste auch ich erfahren, dass man mir den Stand meiner Mutter vorwarf. Dies empörte mich, es kam auf's Aeusserste, und als mir, die Gescholtene zu rechtfertigen, im Eifer der Rede die hellen Tränen über die Wangen liefen, musste ich ein schadenfrohes tückisches lachen hören, welches mir das Herz vollends zerschnitt. Mein guter Vater verliess mit mir den Saal, und als ich zu haus anlangte, musste der Arzt an meinem Bette erscheinen, denn die Symptome eines bösartigen Fiebers zeigten sich, welches mich auch später drei volle Monate am Krankenlager fesselte. Als ich genas, blieb ein Stachel in meiner Brust zurück, und zum erstenmale empfand ich eine Art von Genugtuung, als es in meine Hand gegeben ward, einem jungen Mann von adeliger Geburt, der um meinen Besitz sich bewarb, eine abschlägige Antwort mit aller Bitterkeit meines gekränkten Herzens zu erteilen. Bald suchten nun Spötter auszubreiten, meine liberalen Ideen brächten den Tron in Gefahr und was des Geschwätzes mehr war; indess fühlte ich nur zu deutlich, dass mein Geist zur Selbstständigkeit gereift war, meine natürliche Offenheit trat zurück, und während des Kampfes in mir beobachtete ich die strengste Kälte nach aussen. In jener Zeit ward der Doktor, den Sie gestern kennen gelernt, in unserm haus bekannt, und ich kann wohl sagen, dass er mich über mich selbst völlig in's Klare setzte. Ich gelangte immer weiter, bis zuletzt die Nähe eines so hohen und schönen Wesens, deren Erscheinung der Doktor wie eine göttliche Sendung betrachtet, mir eine Festigkeit, ja einen Trotz verliehen hat, mit dem ich gegen eine ganze Welt mit den Waffen meiner überzeugung anzukämpfen im stand sein könnte. Dies, mein Herr, sind in der Kürze die Beweggründe meiner veränderten Sinnesart, welche ich Ihnen gestern, glaube ich, nicht undeutlich an den Tag gelegt habe."
Eduard hatte dem geläufigen Fluss der Rede, so wie den sonderbaren Erfahrungen des kleinen Wesens ruhig zugehört, und dabei seine Morgentasse geleert. Auf der einen Seite konnte er ihr seine achtung nicht versagen, auf der andern musste er herzlich bedauern, dass seine offenherzige Vertraute nur zu gewiss den Schranken entrückt sei, für die sie bestimmt war. Er erkundigte sich nach jener wundervollen Erscheinung, deren sie am Schlusse ihrer Worte erwähnt hatte. "Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen," entgegnete Sophie, "es ist ihr Wille, im Verborgenen zu wirken, gleich einer Priesterin im Allerheiligsten, wie mein Doktor sich ausdrückt." – "Doch nicht fräulein Magdalena," sagte Eduard halb gedankenlos vor sich hin, und wunderte sich nicht wenig, als hohe Röte die Wangen seiner kleinen Freundin übergoss. – "Sie ist's," rief sie mit leiser stimme, "ich kann nun einmal kein geheimnis auf meiner Zunge bewahren