1836_Ungern_Sternberg_133_35.txt

sich die junge Freiheit aus den verfolgenden Armen der alten Koquette, welche in welker Ohnmacht zurückbleibt; gerne opfert er den Mantel, alles irdische Gut, wenn er nur das himmlische seines Busens rettet."

Ein Schweigen trat ein nach diesen lebendigen Worten, Sophie schmiegte sich an den Sprecher und sah ihm in die funkelnden Augen. Der Baron nahm das Wort und sagte: "Ihr habt vollkommen recht, Doktor, unter den grauen mittelalterlichen Schutt von zerbröckelten Kirchtürmen, den altmodischen Porzellanmöpschen und Perücken gehören auch jene albernen gotischen Irrtümer von Andacht, Liebe, Begeisterung, und Ihr tut wohl daran, wenn Ihr drauf besteht, dass alles miteinander ausgekehrt werde, damit aus der alten wunderlichen Kinderstube des Menschengeschlechts, voll summender Mährchen und Kindergebete, ein feiner offener Salon werde, wo politische Zeitschriften gelesen werden können, und man über den neuesten Wechselcours verständige Betrachtungen austauschen kann." – "Wir werden uns nimmermehr verstehen," fuhr der Journalist auf, "und es wäre besser, es käme nie zu einem so unfruchtbaren Austausch; desto besser hat mich hier meine junge Freundin verstanden, nicht wahr?" – Sophie errötete und neigte ihr Antlitz tief herab, dann hob sie es langsam, und ein blick auf den Vater zeigte, dass ihre Zunge es nicht wagen dürfe, offen den Beifall zu äussern, den sie im Geheimen den Worten des Redners gab. – "Ich erlebe es noch," fuhr der Baron fort, "Sie, Herr Doktor, im offenen Kampf mit Fürst und Tron zu sehen; vielleicht treffen wir uns noch in einem engen Gewahrsam wieder, wo wir beide Zeit genug behalten, einer an dem andern Proselyten zu machen." – "Ich stehe überall meinem Mann," erwiderte der Angegriffene, "und gehe, wie Jeder heutzutage, gewappnet umher; doch möchte mir gerade das tätliche Eingreifen nicht als Beruf gegeben worden sein, es gibt im feld der Ideen noch zahllose rühmliche Kämpfe zu bestehen. Hier, wie in jeder kräftigen Weltsache, gehen der falschen Apostel in Menge herum, und es fehlt am Judas nicht, der die Freiheit um dreissig Silberlinge verläugnet. Zahllose Meinungen schweifen in der Irre umher und bekämpfen im Irrtum und in der Finsterniss sich selber, der Taumel wächst hier zum frechen Uebermut, indess der Eifer für die gute Sache dort im trägen Indifferentismus unterzusinken droht, dort ist also Zaum, hier sind Sporen nötig, und so gibt's für einen Kopf, dem Ernst und klarheit geworden, genug zu tun, Einheit und Richtung in die wogende, drängende Masse zu bringen. Gab es einmal eine Zeit, wo es lieblich, erlaubt und schön war, den Geist in eine poetische Ferne zu tauchen, am verklärten Schmerz und Entzücken sich zu berauschen, im Reiche der Phantasie zu leben, so muss das jetzige Geschlecht diesen Genuss aufgeben und dafür die Ehre haben, Taten auszustreuen, die den kommenden Geschlechtern Stoff zu Liedern und Hymnen geben. Es genügt nicht, in Ruhe die kunstreichen Gebilde auf dem Schilde der Minerva zu betrachten, sondern es gilt, ihn zu führen im Streite."

Der Baron erhob sich und auch die Andern brachen auf, man trennte sich, um zu Bette zu gehen. Ottfried kam auf unsern Freund zu, und indem er ihm die Hand drückte, bat er ihn, sich in das Profil zu stellen. Eduard tat es, und der freundliche Mann sagte nach einer Pause, während deren er ihn aufmerksam beobachtet hatte: "Nicht wahr, Sie sind ein Dichter? gestehen Sie es nur, ich trüge mich nicht." Eduard gestand, dass er Verse niedergeschrieben. "Ja, ja," rief Ottfried, "o mein Freund, ich habe Ihnen viel zu vertrauen, doch das zur gelegenern Stunde."

Als Eduard sein Zimmer erreicht hatte, löschte er schnell die Kerzen aus, und liess den vollen silbernen Strom des Mondlichts über den Schreibtisch und Armstuhl auf den Boden fallen, er trat an's Fenster und es öffnend, blickte er auf das gegen die finstere Wolkenwand weisslich hervortretende Schlossgemäuer. Die Fenster schillerten im Mondglanz und es sah aus, als gäbe es drinnen ein prächtiges fest. Alles umher war Ruhe und Stille; noch eben hatten leidenschaftliche Worte einer Menschenrede an sein Ohr getönt, sie waren verhallt, und durch das Schweigen des Grabes tönte das leise Geflüster der Blätter der unter seinem Fenster aufstrebenden Baumgipfel. Jetzt strich ein Luftzug durch's Gemach, und die Papiere auf dem Tische flogen auf, er sah im schloss ein einsam wandelndes Licht die lange Fensterreihe durchstreifen, und die Uhr im nahen dorf schlug die zwölfte Stunde. Er suchte das Bett und sank bald in einen tiefen Schlaf.

Als er am Morgen sich zum Frühstücke einfand, sass Sophie allein da, und beschäftigte sich mit den Tassen. Sie stand sogleich auf, und nach einigen gleichgültigen Reden sagte sie: "Die Augenblicke sind selten, wo es einem gestattet wird, Blicke in das Innere eines Menschen zu tun. Sie, mein Herr, haben zufällig gestern den wunden Fleck offen gesehen, der, nach Innen zehrend, das Unglück unserer sonst so zufriedenen Gesellschaft macht. Ich kann es nicht läugnen, ich hege den tiefsten Hass gegen die alten Formen und den Dünkel einer Kaste, die dem Uebermut und der Tyrannei keine grenzen zu setzen weiss; offen bekenne ich, dass mir die höhere philosophische Entwikkelung der Ideen, um die es sich handelt, gänzlich fremd ist, und