1836_Ungern_Sternberg_133_31.txt

der andern, aus dem Kästchen hervorholte, riess sich sein Finger von ungefähr an ein hervorragendes Nägelchen, das Blut tropfte heftig, und befleckte die zarten Gestalten. Wie er im Schmerze nun die Puppen von sich warf, bemerkte er, wie jedes Figürchen auf dem Boden sich krampfhaft herumwand, wie sie immer grösser wuchsen, und endlich ihn und seinen Stuhl umringten, indem sie die bleichen, verzerrten Gesichter über seine Schulter senkten. Es waren Robert, Massiello, der Herzog, der Abt, Jokonde und Eva, auch Enzio und der alte Fleackwout fehlten nicht, doch allen klebte ein schwarzer, riesiger Blutstropfe im Gesicht und an der Kleidung. Ein ungeheures Entsetzen erfasste den Armen; er fühlte, wie er zum Spotte dasitze am Kindertischchen als siebenundzwanzigjähriger Jüngling, er schrie laut auf, und rief den Namen seiner Mutter; da – o, es war schrecklichzitterte das Bild am Fenster, wie ein wankender Schatten, den die Laterne eines Vorübergehenden auf die Wand eines gegenüberstehenden Hauses wirft, das Antlitz wandte sich langsam um und Eduard erkannte ein seltsames fremdes Gesicht. Die Haube war verschwunden, statt ihrer zog sich ein weisses Tuch halb über die Stirne, und eine Seitenlocke, die sich gelöst, hing auf den Hals herab. Die Gestalt hob die arme, als wollte sie den Jüngling zu sich winken, ein ernstes Lächeln lag wie ein schwindender Glanz auf den stolzen Zügen. Mit Gewalt wollte er zu ihr, da fühlte er seine Hand gefasst von einer kalten Berührung, zugleich schob ein voller Mädchenarm über die Schulter ihn ein Billet in den Busen. Ein stechender Schmerz stieg wie ein Misston in die feinsten Nervengänge seines Gehirns hinauf, er fühlte, wie die Mädchengestalt sich über ihn beugte und ihre Lippen seine offene Brust glühend berührten. Er erwachte, die Wunde auf der Brust war aufgesprungen, der Graf sass an seinem Lager und hielt die Rechte des Kranken gefasst. "Wo ist meine Mutter!" schrie dieser und warf den irren blick in das dämmernde Gemach – "wo ist sie! sie hat mir etwas sagen wollen." Der Graf beugte sich über ihn, er hatte den Zustand der Wunde bemerkt, und indem er die Tücher neu ordnete, fiel ein zusammengefaltetes Papier ihm in die hände, Eduard griff darnach; "ich weiss," rief er, "eine Gestalt, die mir bekannt schien, hat es mir eben in den Busen gesteckt." Der Graf sah ihn mit grossen Augen an – "Sie träumen noch," rief er, "es ist Niemand im Zimmer gewesen als ich, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich nichts von diesem Papier weiss." Eduard hatte es entfaltet und las die Worte mit einer zierlichen Hand geschrieben: "Ueberdruss, Kälte und Verachtung umklammern ein Herz, das für Liebe, Freiheit und Tugend geschaffen ward! O wenn Du mir folgtest, Jüngling!" – In Eduards kopf vermischte sich Traum und Wirklichkeit, mit dumpfer Beharrlichkeit dachte er den rätselhaften Gestalten nach, ohne zu einem Resultat kommen zu können, bis er endlich erschöpft in die Polster seines Lagers zurücksank; der Graf ergriff jene Zeilen, die der Hand des Erschöpften entglitten, und rief, nachdem er sie flüchtig durchlaufen: "Nun wahrlich, hasste ich nicht ohnedies alles Geheimnissvolle, so würde ich mich dennoch schämen, der Beförderer solcher Gemeinplätze und abgeschmackter Phrasen zu sein. Wo dergleichen Torheiten beginnen, hört sogleich alle gesunde Vernunft auf. Lassen wir den Spuck, junger Freund, wahrscheinlich hat ein verschmitzter Bote, von irgend einem schönen kind gesandt, Mittel gefunden, das läppische geheimnis Euch unvermerkt aufs Lager zu schleudern." Eduard antwortete nicht, sein inneres Auge war auf die Gebilde des Traums geheftet, besonders auf die Gestalt, die seine Mutter vorstellte und dennoch nicht war. Er hätte weinen mögen, als er leise jenes alte Jugendlied vor sich hinsang, und nur die Gegenwart des Grasen drängte Tränen wie Worte in seine Brust zurück. Als jener fortging, verfiel er in einen langen, wohltätigen Schlummer.

Mehrere Wochen waren auf diese Weise dahingegangen; die Nachricht war eingelaufen, dass die fürstliche Braut bedeutend krank liege und sich auf ein nahe gelegenes Lustschloss zurückgezogen habe; der Herzog war verreist, man wusste nicht wohin; es herrschte in der Residenz Trübsal und Verwirrung, im Geheim erzählte man sich von der Ankunft eines Mannes, welcher als Haupt einer weitumfassenden Verbindung politische Reformen zur Absicht habe. Es hatte sich ein Kreis von Missvergnügten um ihn gebildet, und die Gestalt der Dinge war durch die mannigfaltigsten Umstände schon wesentlich verändert worden. In diesen Tagen erhielt unser Eduard ein Schreiben von der Oberhofmeisterin, in dem sie ihn aufforderte, das Bild des Fräuleins Magdalena, welches er einmal dem Fürsten versprochen hatte, zu malen. Als er eben diese Zeilen las, traten der Abt und Massiello herein. Sie freuten sich, ihren Freund so gesund zu sehen, und es wurde von nichts als von Reiseplänen gesprochen. Eduard konnte sein Missbehagen nur schlecht verbergen; er hatte sich vorgenommen, den Fürsten, das fräulein, den ganzen Hof nicht wieder zu sehen und nun wurde er durch jenen Brief wieder in den verhassten Kreis hineingezogen. "Auch wir reisen," rief Massiello in einer exaltirten Laune; "ich will doch wirklich sehen, ob alles so gut und trefflich ist, wie Gott seine Schöpfung rühmt im ersten Buch Mose; heutzutage muss man durchaus keiner gegebenen Versicherung glauben beimessen; übrigens will ich diesen