sehe, wenn Eduard ihn begleitete. Unmittelbar berührte er nie wieder jene zuerst geäusserten Grundsätze, doch blickten sie bei jedem gespräche durch, so mild und anscheinend verträglich es auch geführt wurde. "Wenn ich von Kunst spreche," sagte er eines Tages, "so habe ich immer nur die griechische im Sinn; sie allein ist es, die unverhohlen dem Menschen dient, nicht einem Gespenste. Wenn ich die Reize eines schönen Jünglings, eines vollen Mädchens sehe, so habe ich da etwas Wirkliches; der lachende Faun, der drohende Zeus, wer verstände sie nicht? wer labte sich nicht an der schönen frei ausgesprochenen Form; das Colorit des Titian ist ebenfalls wirklich – gesund, doch ein Bildchen von Fiesole ist eine Krankheit, mit Pinsel und Farbe beschrieben. Poesie und Musik dulden ebenfalls kein anderes Element, als die Sinnlichkeit, wenn sie sich nicht in ein Nichts auflösen sollen. Die meisten Legenden sind unter den Händen ihrer Bearbeiter Liebesgeschichten geworden, wo der Heilige den Liebhaber, die Heilige die Geliebte spielt. Die Rigoristen, die Bilder und Lieder verbannen wollen, fallen in noch gröbere Verirrungen."
Eines Tages holte der Graf ein Buch aus der tasche, es waren Wilhelm Meisters Lehrjahre. "Ein sonderbares Buch," rief er, "da ist nun ein Mensch, der durch das Leben geht, ohne sich um das Schwarz und Weiss zu kümmern, mit welchen wir alle Dinge um uns bemalen." Eduard meinte, dass das Buch geschrieben sei, um die Bühnenkunst auf eine höhere Stufe zu heben; der Graf lächelte und kam mit einer Wendung wieder auf seine eigentümlichen Meinungen und Ansichten zurück. "Dieses und ähnliche Bücher," sagte er, "sind mir lebende Zeugnisse, dass eine gesunde sinnliche Entfaltung das Höchste in der Poesie leistet. Den Tumult der Leidenschaften, das rote Pulsiren eines heissen Herzens, das lechzende Verlangen sinnlicher Glut, und das höhnende Gespött über die Anmassungen des Geistes, das ist der heftige Lebensatem, der die Brust der Göteschen Muse schwillt; nirgends Krankheit, überall Muskelfülle eines Laokoon und süsser Aphroditenreiz."
Eduard wandte kleinlaut ein, dass eine solche Ansicht ihm gefährlich schiene, indem dadurch der Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Sünde sich verdunkle. Der Graf rief dazwischen: "Es gibt keine Sünde, wie es keine Tugend gibt. nennen wir den Orkan, der Bäume entwurzelt und Felsen erschüttert, Sünde? er ist ein und dasselbe, mit dem Frühlingsgesäusel – eine Naturkraft, eine blosse Erscheinung; nur unsere kurzsichtigen Begriffe nennen das Eine verderblich, das Andere beglückend. Ein durch sinnlichen Uebergenuss sich hinrichtender Mensch, ist mir nichts als eine Erscheinung; ich tadle oder lobe ihn eben so wenig, als ich einen Baum lobe oder tadle, der durch Blütenfülle hinwelkt. Sonnenschein, früher Regen, zu fetter Boden waren die Ursache seines Falls, dagegen gibt es Tausende, die anders gestellt, günstigere Strahlen saugen; aber ich bedaure das arme krüppelhafte Gewächs, das ein Ziergärtner frühe in ein trocknes Gerippe einsperrte. Es wird eine Zeit kommen, wo alle Religionen, alle Philosopheme in den Staub sinken und die Menschen, von aller Krankteit, von allem Elend genesen, wieder nackend in die ewigen Quellen des Paradieses tauchen."
Nach einer Weile setzte der Graf hinzu: "Da ist nun der Herzog; anstatt sich gesund auszubilden, wie er Anfangs versprach, nährt er den geheimen Schaden und jetzt ist die Krankheit da. Schade um die schönen Anlagen. Mit einem am Felsen angeschlossenen Prometeus, der mit seinen Ketten gegen Himmel zürnt, kann ich Mittleid haben, nicht aber mit einem Knaben, der aus Furcht vor der Rute auf die Worte seines läppischen Lehrers schwört."
Eduards Krankheit brach immer dergleichen gespräche ab, doch liess der Graf es sich nicht nehmen, täglich am Lager des Jünglings zu erscheinen, ja er wachte sogar Nächte hindurch und horchte den Fieberphantasien. Oefters zog er ein Manuscript aus der tasche und las die geschichte seines Lebens, die sich in finstern Bildern um das Kloster in den Apenninen bewegte. Einst entschlief unser Freund, und ein seltsamer Traum neigte sich auf ihn herab. Wie aus weiter Ferne tönte ein altes vergessenes Wiegenliedchen, das er seine verstorbene. Mutter singen gehört zu haben sich erinnerte. Die Töne rannen wunderbar in ein Bild zusammen und er sah sich selbst in der Kinderstube, wo er aufgewachsen, wieder; eine Gestalt sass abgekehrt von ihm am Fenster: am Band der Haube, am Contour der Wange erkannte er seine Mutter. Ein Schauer der Rührung befiel ihn, es trieb ihn, das Antlitz zu sehen, aus dessen süssen Liebesaugen sich einst der Himmel in seiner Brust entzündet hatte; doch ein inneres Grauen, dessen Grund er sich nicht erklären konnte, bannte ihn fest an seinen Sitz. Er betrachtete einen Tisch vor sich; er lag voll Spielzeug, wohlbekannte Püppchen, doch die Vergoldung an den Soldaten war matt geworden und ein dicker Staub lag auf jedem Dinge. In seinem Herzen brachen die Knospen der ersten Jugend auf, seine Seele trank jene frühe Unschuld und Engelsfreudigkeit, die Töne der Wiegenlieder drangen mit Ungestüm in seine Brust, und weiteten mit kühlendem Flügelschlage sein Inneres aus. Vergnügt schob er jetzt die Sachen zusammen, und sie in eine bunte Reihe ordnend, konnte sein Auge sich nicht satt sehen an dem bunten Schmucke der Puppen. Sie alle waren ihm bekannt, er wusste den Namen einer jeden, doch während er sie, eine nach