." Dann lächelt er gewöhnlich still vor sich hin und ruft sehr bestimmt: "Das sollen Sie schon erfahren." – "Jene Worte des Alten," nahm Robert das Wort, "mahnen mich an einen finstern, eiskalten Traum, den einst meine junge Seele träumte. Es war mir, als erwachte ich in dem Stübchen, wo ich mit meinem Vater zusammen schlief. Es war ein kalter Wintermorgen, und ich bemerkte, wie der lange, etwas dürre Mann gebückt am Schreibtische sass, und, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, einzelne Notizen in ein grosses Buch eintrug. jetzt schlug er dieses zu, und der dumpfe Ton, der dabei durchs Zimmer ging, füllte mich mit einem tiefen Grausen. Mein Vater trat zur Wanduhr, und ich sah, wie er die Gewichte vorsichtig abnahm, und hörte die Worte: 'jetzt ist endlich das Ende da! alle Erscheinungen haben sich schon zu Millionenmalen wiederholt, die Welt ist reif zum Untergang, die jüngste Stunde ist vor der Tür.' Ich kann es nicht beschreiben, wie diese, ruhig hingesprochenen, fast tonlosen Worte mein Innerstes erschütterten; ich krümmte mich auf meinem Lager zusammen, meine Glieder bebten, Frost durchrieselte mein Gebein. Also jetzt – jetzt, rief ich bei mir – jetzt ist die letzte Stunde da! Als ich mich aufrichten wollte, bemerkte ich den Kirchendiener, welcher die Schlüssel des Gotteshauses abgab, die mein Vater, sammt den abgelösten Gewichten, tönend in eine Ecke des Gemachs hinwarf. Die Leute aus dem dorf kamen mit Laternen, um in der Finsterniss des Morgens den Weg zur Kirche zu finden; als die verschlossene tür sie nicht einliess, schüttelten sie die Häupter, und ich sah mit Entsetzen in ihre blassen Gesichter. Man brachte eine Leiche, und mein Vater trat an's Fenster und rief: 'Stellt, guten Leute, Euren toten nur hierher, in mein Vorzimmer, es lohnt nicht, ihn zu beerdigen, denn bald werden doch alle toten auferstehn.' Die Knechte gingen, und ich hörte, wie der Sarg mit dumpfem Geräusch im Vorzimmer hingestellt wurde. jetzt lehnte sich mein Vater weit zum Fenster hinaus, und schnitt mit einem langen, blitzenden Messer die Sonne und den Mond, die blassrot am Horizont standen, vom Himmel ab, und zog sie, wie alberne, bunte Bilder, ins Zimmer hinein. Ich erschrack bis zum tod; jetzt war das kleine Licht, welches in unsrer stube brannte, das einzige der weiten, kalten, dunkeln Schöpfung; ein mitternächtlicher Sturm wehte ins Zimmer, und drohte, es zu verlöschen; ich sah, wie mein Vater heftig zitterte. Er blickte mich starr an, und schien in Erwartung eines mächtigen Ereignisses dazustehn. jetzt verlöschte ein Windstoss das Licht, und in dem Augenblick hörte ich, wie die Leiche im Nebenzimmer in ihrem Sarge sich aufrichtete. Der Schreck, der mich befiel, war so mächtig, dass ich erwachte, und lange nicht zur Besinnung kommen konnte. Wie gross war mein Entzücken, als ich die Sonne am Himmel stehen sah, wie sie ihre freundlichsten Strahlen zu mir auf's Lager sandte: nie hat mich ihr Anblick so erwärmt und beseligt."
Die Freunde hörten diese Erzählung ruhig an, und nur Eduard erwiderte: "Was mich betrifft, so stelle ich mir einen Weltuntergang weit grossartiger vor; viel lieber will ich mit einem zerplatzenden Feuerball in die Ewigkeit hineinfliegen, als an einem kalten Wintermorgen verkümmern." – "Sie haben Recht," nahm der Abt das Wort, "auch mir geht es so; ist nun einmal unser armer Leib dazu ersehen, an jenem merkwürdigen Tage zu erfrieren oder zu verbrennen, so will ich doch das leztere gewählt haben. Das Feuer ist an und für sich schon Leben und Poesie, aus einer tüchtigen Winterkälte kann ich aber, trotz alles Grübelns und Deutens, keine nur einigermassen dichterische Bedeutung herausfinden." – "Jeder muss auf seine Weise untergehn können," rief Robert, "so wie Jeder auf seine Weise in den Himmel steigt; ich will nun einmal auf keine andre Art abhanden kommen. Mir ist jenes Erstarren das finsterste Bild der Vernichtung; alles, alles schwindet – jeder die Seele wärmende Gedanke flieht – das Meer des Lebens erstarrt langsam, bis es endlich in seinen Grundtiefen bezwungen da liegt. Ich kann mir denken, dass in diesem fürchterlichen Zustande der Gedanke an eine durch Feuer erzeugte Pein noch ein Labsal ist, dass die Seele dürstet nach Verzweiflung, ja, dass die kälteste Resignation für sie noch zu warm ist, um sie zu fassen." – "Abscheulich," rief der Herzog, "und doch wahr! Ist denn unsre Zeit mit ihren Wirkungen etwas anders, als ein langsames, bis zum Herzen vorrückendes Erstarren?" Er warf sich auf einen Sessel und stützte sein Haupt auf die Rechte. Jokonde ging unruhig hin und her; es war ihr unlieb, dass das Gespräch eine Wendung genommen hatte, welche die heitre Stimmung des Geliebten, mit welcher er heute Abend erschienen war, zu vernichten drohte. Sie wurde noch unzufriedener, als Robert sich jetzt erhob um Abschied zu nehmen, da eine kleine Reise, die er vorhabe, sich nicht länger aufschieben lasse; der Abt begleitete ihn. "So verlässt mich denn alles," rief der verstimmte Fürst; "ich soll es lernen, wie elend und traurig es ist, allein im Leben dazustehn.