1836_Ungern_Sternberg_133_29.txt

doch alle diese Zeichen und Erinnerungen dünkten ihn durch eine weite Kluft von der gegenwärtigen Minute geschieden. Die Stille und Abgeschiedenheit, in der er sich jetzt durch seine Krankheit versetzt sah, lähmte jede Wirksamkeit nach aussen, und er hätte Zeit und gelegenheit genug gehabt, seine frühern Irrtümer zu bereuen, wenn seine Seele noch mit jener frischen jugendlichen Spannkraft begabt gewesen wäre, die einen grossen Entschluss fasst und ausführt; je mehr er strebte, klarheit und Gewissheit zu erlangen, desto gewaltiger bemächtigte sich seiner die innere Verworrenheit. Bald entschloss er sich Emilien aufzusuchen, durch ein offenherziges Bekenntniss seiner Schuld sein los in ihre hände zu legen, bald schreckte ihn wieder der Gedanke ab, dass sie es war, die mit ihrem Vater und dem Fürsten vereint dahin strebte, seine Freiheit zu beeinträchtigen. In diesem Augenblick sah er die Unwürdigkeit derer ein, mit denen er bis jetzt Umgang geflogen, im nächsten Moment erschienen ihm dieselben Personen höchst liebenswürdig, und nur sein eigenes Selbst fand er zu verdammen, indem die Schwäche ihn zu Missbrauch und Verirrung hingezogen. Die Wissenschaft und ihre Schätze erschienen im ebenfalls in einem zweifelhaften Lichte; die rege Lebenskraft, die, wenn sie gesund ist, mir ihrem Atem jedes Verhältnis, alles Wissen mit Wärme und Lust füllt, war in seinem Busen gebrochen, und Zweifel und Kälte waren eingetreten. So lag er oft Nächte lang auf seinem Lager, und sah mit unermüdetem geist eine Fläche vor sich, die, in Nebel gehüllt, sich in eine unbestimmte Ferne zu verlieren schien. In dieser Stimmung traf ihn ein Besuch, den er nicht erwarten konnte. Eines Abends, als er aus einem unruhigen Schlummer erwachte, stand der Graf Eberhard vor ihm, der zur Ursache seines Kommens die Besorgniss um seine Gesundheit anführte. Eduard hatte ihn über die mancherlei begebenheiten fast ganz vergessen; auch in den Zimmern des Herzogs war der Graf, als die Abendgesellschaften anfingen, nicht erschienen, und so war die Meinung natürlich, dass er die Stadt verlassen habe. jetzt, da er so unvermutet erschien, da die lange, dürre, in Schwarz gekleidete Gestalt vor dem Ruhebette des Jünglings stand, erwachte bei diesem plötzlich das Bild jenes Abends im Fischerhäuschen, wo er den wunderbaren Mann zum erstenmal gesehen. Er besann sich, dass Jokonde ihn versichert hatte, dass sie den unüberwindlichsten Abscheu gegen den Seltsamen fühle, ja, dass er ihr oft in seiner starren, gebietenden Grösse, in der Unbeugsamkeit seiner steinernen Gesichtszüge vorkomme, als könne er niemand Anders wie der ewige Jude sein. Ein leiser Schauder überflog ihn, als jetzt der Graf seine Hand fasste und sie eine Zeitlang in der eiskalten Rechte ruhen liess. "Wir haben uns lange nicht gesehen," rief er dann; "Sie haben indess Erfahrungen gemacht, und jede derselben ist schon ein Schritt näher zu mir." – "Zum tod" – entgegnete Eduard in einer sonderbaren Spannung.

"Vielleicht ist das gleichbedeutend," fuhr der Graf fort und lächelte wie über einen besonderen Einfall, dem er selbst mit Vergnügen länger nachdachte – "allein dieser Tod ist das Leben und die Freiheit, obgleich ein verblendeter haus ihn die tiefste Knechtschaft nennt; doch wir werden nicht mit Worten spielen, die Sache bleibt wahr, so sehr sich auch unsere Eitelkeit dagegen sträubt. Nichts Elenderes gibt es, als den Glauben, wir könnten etwas Grosses leisten, etwas Edles und Erhabenes darstellen. Wir wollen Bürger des himmels sein und sind Sklaven des bewegten Nervs, der jede Minute anders erzittert. Eine reichlichere, schmackhaftere Tafel verrückt die Ansicht der Dinge um ein Ungeheures, und der Kuss eines schönen Mädchens hilft den Himmel anders bauen. Wenn es uns der Körper nicht sagte, dass das Verbrennen schmerze, so hätten Millionen Menschen nie eine Hölle gefürchtet, und die Dichters hätten den Gegensatz derselben, den Himmel, nicht erdichten können. Das Grundübel der Welt liegt im Dasein streitender Gegensätze; gelingt es uns, diesen Streit zu lösen, so sind wir geheilt, denn nur da herrscht Ordnung, Ruhe, Gesundheit, wo kein Widerspruch sich zeigt, je höher der Widerspruch wächst, desto kränker ist der Mensch, desto kränker ein ganzes Volk. Tritt der Mensch freiwillig in seine Schranken zurück, ist er im vollen Begriff des Worts gesundsinnlich, so hört augenblicklich der schreiende Misston in ihm auf, und er ist weder Betrüger, noch Betrogener mehr und alle jene Weltverbesserungs-Anstalten fallen von selbst weg."

"Mich schwindelt vor einer solchen Ansicht," rief Eduard.

"Weil Sie noch nicht zur Gesundheit sich durchgerungen haben," versetzte der Graf; "ich habe es und befinde mich ganz wohl. Ehe man von einem Tron herabsteigt, dessen Flitter uns blendeten, kostet es manchen Kampf. Die geschichte aller Religionen ist eine geschichte der Krankheiten des menschlichen Geistes. Besuchen Sie die Lehrsäle der Philosophen, saugen Sie an dem Marke alter und neuer Weisheit, lassen Sie sich in dunkeln gotischen Hallen, in griechischen Tempeln, in jüdischen Sinagogen, in türkischen Moscheen das unverständliche Etwas predigen, das die Menschenköpfe verrückt macht, welches das menschliche Fleisch vergiftet hat von Anbeginn an, das den Wahnsinn auf die Erde gerufen und alle Kammern des Elends und Gräuels geöffnet hat."

Eduards Wunde brannte heftig, der Graf brach das Gespräch kurz ab; bald darauf entfernte er sich. Es vergingen einige Tage, ehe er wieder kam. Er sprach von seiner nahen Reise und gab zu verstehen, dass er es gerne