1836_Ungern_Sternberg_133_28.txt

Man stürzte in's Zimmerder Tisch mit dem Zeichengerät lag umgeworfen mitten im GemachJokonde ruhte auf dem Sopha, Hals, arme und Kleid in Blut getaucht. Eva war auf den Teppich hingesunken und rang die hände; in dem Moment trat Eduard hinein, und zerrte das seltsame entsprungene Mädchen am arme nach sich. Als er den Schreck der Freunde sah, rief er: "Nur keine Besorgniss, Ihr Lieben, der Vorfall ist höchst unbedeutend, was Ihr dort seht, ist nicht Blut, sondern bloss roter Wein, mir aber hat der bösartige Knabe eine leichte Verwundung am arme beigebracht." – "Knabe?!" rief Massiello, und aller Blicke richteten sich auf den Gefangenen, der sich jetzt von Eduard's Arm losmachte, in die Ecke eilte, den dort stehenden Degen ergriff, und, mit der andern Hand in Geschwindigkeit den Frauenrock abstreifend, nun in seinen Pagenbeinkleidern dastand. Mit einem vor Zorn leichenblassen Gesicht und zitternden Lippen stammelte er, indem er sich trotzig in die Mitte des Gemachs hinstellte: "Nun ja, was seht Ihr mich an? – ich gehöre nicht zum lumpigen Weibsgesindel! ich bin ein Mann und Kavalier, wie der da, und habe meinen Degen, wie jeder ehrliche Junge, dem man zu nahe tritt." Halbentkleidet, wie er da stand, den vollen Lockenkopf schüttelnd, im blassen Antlitz die rollenden schwarzen Augen, die brennend roten Lippen und blitzenden Zähne; er sah einem jungen zürnenden Apoll ähnlich. Massiello eilte auf ihn zu und schloss; ihn in seine arme, Enzio aber riss sich los und kniete vor der noch immer leblos daliegenden Jokonde; indem er sein Haupt an ihre Knie drückte, schluchzte er so heftig, dass die Betäubte erwachte, und mit einem Angstruf vom Ruhebette sprang und Eduarden zueilte. "Bringt den Wahnsinnigen fort," kreischte sie, "er wird ihn und mich morden!" – "Ich werde nicht," rief der Knabe, "Ihr seid vor mir ganz sicher, Mademoiselle Jokonde; liebt immerhin wen und wie Ihr wollt, für Euch mag ich wohl noch zu jung und unbedeutend sein, da will ich warten bis ich das Offizierspatent in der tasche habe." Er entfernte sich mit diesen Worten, ohne die Gesellschaft eines Grusses zu würdigen; im Vorzimmer fand er seine Jacke, die er anzog, den Mantel überwarf, und so hörte man ihn den gang entlang in der Finsterniss kappen. Eduards Wunde brannte ziemlich heftig, Jokonde lag weinend im arme der Gräfin, die Männer trennten sich und ein jeder schlich verstimmt und unangenehm berührt nach haus.

Eduard kam, innerlich auf das heftigste zerrüttet, in sein Zimmer; er erriet nur zu schnell den Zusammenhang des ganzen Vorfalls und den Grund von Enzio's Zorn. Er verabscheute Jokonde und Eva, dass sie sich einem Knaben hingeben konnten, seine eigene leidenschaft erschien ihm im schwärzesten Lichte, das Gewissen presste ihn von neuem wegen des Treubruchs an Emilien. Er nahm sich vor, nie mehr die Schwelle des Fischerhäuschens zu betreten. Der Diener erschien, um ihn zu entkleiden, als der Rock behutsam abgezogen wurde, fiel ein Blättchen zur Erde, welches Eduard sogleich für das vom Herzoge ihm eingehändigte Schreiben Roberts erkannte; er liess es sich geben und las folgende Zeilen: "Ihr deutet an, Prinz, dass unser verhältnis sich lösen könne, ich möchte Euch versichern, dass es nie bestanden; Ihr sucht bei mir jene schwächlichen Tugenden, die charakterlose Menschen aneinanderknüpfen, die besitze ich nicht und meine grossen Eigenschaften fangen an in Euren Augen als Laster zu erscheinen! immerhin, ich forme mein Inneres nicht nach dem Urteil der Menschen. Ihr fabelt von Verführung und stellt mir das Bild des jungen Eduards vorwas soll ich damit? der Mensch ist mir immer gleichgültig gewesen, er war eine kurze Zeit meine Puppe, mit der ich spielte; macht er Ansprüche auf mich, so lasse ich ihn fallen, denn meine Freiheit soll Niemand beeinträchtigen."

Eduards Wunde brannte heftig, als er diese Worte las; er fühlte in diesem Moment die Bande losgerissen, so heftig tobte das unruhige Blut, dann legte sich eine beängstigende Kälte auf Stirn und Brust, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und stützte sich an's Bette, indess die Wunde neu umbunden wurde. jetzt tönten Schritte im Vorzimmer, die tür flog auf und Robert stand vor dem tief Beleidigten. Die Stimmung beider Jünglinge drängte zu einem furchtbaren, entscheidenden Moment. Eduard zeigte den Brief vor, Robert entschuldigte sich nur halb, antwortete kalt und verächtlichEduards Fieberhitze ward zur Flamme, er griff mit dem rechten gesunden Arm zum Degen, Robert stellte sich ihm ruhig gegenüber und der Kampf begann. Robert, empfing eine Verwundung an der Seite, Eduard, kaum dies gewahrend, warf sich ihm mit Tränen an die Brust; doch in demselben Moment schwanden seine Sinne und Finsterniss umhüllte das Auge. – Als er wieder erwachte, fand er sich allein im Zimmer; im Nebengemach lag der Diener eingeschlummert im Sessel, die Lichter waren tief herabgebrannt, und der aufdämmernde Morgen lag mit farblosem Grau hinter den niedergelassenen Fenstervorhängen.

So war durch eine rasche Handlung, durch Blut,

Entsetzen, tiefe Erniedrigung der trügerische Himmel, in dem unser Freund so lange herumgeirrt war, plötzlich geschlossen; Massiello's Fastenpredigt tönte in seinen Ohren, Jokondens Küsse drückten noch seine Lippen, Roberts Herzblut klebte an seiner Weste,