1836_Ungern_Sternberg_133_27.txt

noch heutzutage lasst ihr euch steinigen, aber nur mit ächten, nicht mit böhmischen Steinen. Vigilien und Nachtwachen zu halten, ist euch was Leichtes, nämlich wenn die Gesellschaft gut, der Tanz lebhaft, das Soupé auserlesen, und der Punsch nur einigermassen erträglich ist. Noch heute kleidet ihr die Nackenden, nämlich wenn diese schön gewachsen sind, und wer anklopfet, dem tut ihr auf, wenn es nur nicht der Ehemann ist!"

Der Abt lachte laut und schallend, Jokonde aber ergriff die Rose, die dem gekochten Hechtkopf im mund steckte und warf sie über beide Tische herüber in Massiello's blitzende Augen, indess Eva ihr Haupt andächtig über die gefalteten hände hinabneigte, und unter den überstürzenden schwarzen Locken hervorseufzte: "Pax nobiscum Domine." Der Abt trug eine ganze Schüssel von Zuckerwerk zum Pianoforte, um unter dem Spielen zu naschen und unter dem Naschen zu spielen, indem er behauptete, die kränkliche Süssigkeit der Töne könne nur durch die gesunde der Kuchen aufgehoben werden. Eduard's Seele trieb und blühte in einem fieberischen Ungestümm, er glaubte die Schätze der Jugend und Lust nicht teuer genug von der gegenwärtigen Minute kaufen zu müssen; die beiden Mädchen nahmen ihn in ihrer Mitte auf, und um ihn, über ihn schlangen sich die Blumenketten ihrer Scherze und Küsse, flogen die glänzenden Feuerbälle des Mutwillens, stöberten die kalten, spitzen Flocken der Neckerei, und auf seinen offenen Busen fielen und brannten die langen glühenden Balsamtropfen der sehnsucht. Er fühlte sich durch und durch krank, doch wie ein fallendes Herbstblatt, nur um desto glänzender gefärbt. Jokonde sagte ihm tausend hübsche Dinge über seine Augen, und er ihr seltsam verworrene Ansichten über Weiber und Leben, die sie belachte, weil sie sie nicht verstand. Der Abt spielte die Ouvertüre aus dem Don Juan, zwischendurch tönten die Klagen Elvirens, die Drohungen Don Antonio's, – die ganze antike Schmerzensfülle der Anna, über alle herüber warf ein jäh auffahrender Glanz seine Strahlenkronen, Don Juan tändelte, Leporello machte seine Possen; dann drohten einzelne Laute und zuckten wie mattlaufende Blitze am Horizont nieder, der Donner rollte ihnen nach und es erklang die stimme des ersten Mahners aus der Tiefe; wilde gellend ateistische Töne flatterten ihm entgegen und fielen zerquetscht an der marmornen Brust nieder, ein roter breiter Glanz schloss Himmel und Hölle plötzlich. Eduard und Jokonde verständigten sich über die Göttlichkeit des Gedichts durch einen Kuss. Massiello war beschäftigt, einem jungen Mädchen, das erschienen war und sich stumm in eine Ecke drückte, einige Rede abzugewinnen. Die Gräfin Eva sprang auf und rief: "Ah, da ist meine Aimée; hier, meine Herrn, stelle ich Ihnen meine Nichte vor, nicht wahr, ein nicht ganz übles geschöpf?" Sie fuhr dem Mädchen, das immer stärker errötete, unter's Kinn und hob den Lockenkopf; der Abt und Eduard sagten einige Artigkeiten, Massiello rang nach einem Kuss hinter dem rücken der Gräfin, und versicherte, die vollen weichen Lippen, die frischen Zähne seien unendlich reizend, vor allen aber dieser wilde finstere Unwillen, der aus den Augen spräche, der rote Zorn, der die gewölbte Wange färbe. Man entschloss sich, eine vollständige Musik aufzuführen, die Gräfin liess; sich ihre Harfe geben, Massiello stimmte, Notenblätter wurden hin- und hergeschleppt, der Abt zankte und die Dienerinnen hatten vollauf zu tun, die Reste der Mahlzeit hinwegzuschaffen, und statt deren Blumen und Früchte auf die Tische zu setzen. Unser Freund zog Jokonden sanft bittend nach sich, und die Gefällige entschloss sich, ihm zu einem Bildchen zu sitzen, das er schon lange angefangen, und das das reizende Mädchen als Cleopatra darstellte, mit der Schlange an der Brust. Die idee war vom Herzog ausgegangen, doch hatte dieser sich weiter nicht um die Ausführung bekümmert, und jetzt wäre ihm der ganze Gedanke wahrscheinlich verwerflich vorgekommen. Ein Kabinet wurde ausgewählt, die Lampe zurechtgeschoben, Jokonde hatte mit hülfe von ein paar Tüchern eine graziöse Drapperie hervorgebracht, welche sie mit ihrer gewöhnlichen Anmut und Geschicklichkeit ordnete. Jetzt war sie fertig und warf sich in die Ecke des Sopha's. Als Eduard darauf drang, einen teil des schönen Busens frei zu sehen, gab sie nach, verhüllte sich aber augenblicklich wieder, als Jemand in's Zimmer trat; Eduard sah sich um und entdeckte das junge Mädchen, das schüchtern eingetreten war, und glühende Blicke auf Jokonden richtete. Sie verschwand wieder und die Liebenden blieben allein. Die rauschenden Ströme der Musik ergossen sich indess im Vorgemach, doch bald trat Stille ein; der Abt behauptete, Massiello mit Eva begingen Fehler auf Fehler, die Gräfin lachte, der Musiker gab nichts zu; von Worten ging es auf Töne über, jeder teil griff zu seinem Instrument und führte den Streit fort. Ein wildbrausender Sturm erscholl, zwischendurch gellte ein helles Harfencapriccio, dann lachten alle zu gleicher Zeit auf, und der Abt warf die Noten zusammen. "Es geht heute nicht," rief Massiello, "die Noten behaupten ihre Sinn, wie alle Leute von Kopf." Man wollte sich trennen, als ein fürchterlicher Schrei aus dem Nebenzimmer hervorbrach; alle fuhren entsetzt zusammen, zu gleicher Zeit ward die tür aufgerissen und Aimée sprang heraus. Sie hatte ein Messer in der Hand, ihre Augen funkelten und an dem weissen Gewande brannten Blutspuren. "Alle Götter!" schrie der Abt, "was gibt's da!" –