1836_Ungern_Sternberg_133_26.txt

er mordete auch rücksichtslos die Ehre von Männern, die die Welt achtet und die meine Liebe besessen haben. Er ist so tief gesunken, dass ich ihn einer öffentlichen Beschimpfung, der er nur zu nahe war, mit Mühe entrissen habe, und Undank ist stets mein Lohn gewesen. So gefährlich, mein Freund, sind die glänzenden Eigenschaften, die unser Auge bestechen und das Herz zugleich einer schmerzlichen Enttäuschung entgegen führen. Hier lesen Sie einen Zettel, in dem er beiläufig auch sein Urteil über Sie ausgesprochen hat."

Eduard empfing das Papier und steckte es zerstreut zu sich; er war durch all das Gehörte und Gesehene so befangen gemacht, dass ihm kaum Achtsamkeit genug übrig blieb, um die Baronesse und das fräulein, die eben eintraten, zu begrüssen. Der Fürst ging auf die Eintretenden zu und beugte sich über Magdalenens Hand, diese lispelte aber: "Keinen Kuss, Prinz, Sie wissen, dass ich solches nicht liebe, ein Händedruck genügt mir, wovon Sie schon heute in –" "Sie schauen in meine Seele, wunderbares Mädchen," sagte der Fürst leise, "brauche ich noch zu antworten?" – Das fräulein schüttelte wie zürnend das Haupt, dann weilten aber ihre grossen blauen Augen fragend auf dem Jüngling, der, immer noch heftige Röte im Gesicht, stumm vor sich hinsah. Der Fürst fasste ihn an der Hand und stellte ihn nochmals den beiden Damen vor; es wurden einige gleichgültige Worte gewechselt, und Eduard fühlte sich wieder leicht, als er, die Treppe herabsteigend, die Gasse betrat. Sein Busen war zu voll, er musste die Einsamkeit suchen, um mit der Welt zu grollen. Vor allen war ihm der Fürst ordentlich recht verhasst. Kann man, rief er bei sich, wohl den Glauben und die erkenntnis wie eine Schlafmütze über die Ohren ziehen, wenn einem der durch Jugendsünden nackt gewordene Scheitel zu frieren anfängt? Fratze über Fratze! Und was soll der Vorwurf rücksichtlich Emilienshat sie über mich geklagt oder hat es der Vater getan? Wie schwächlich und elend, wie kleinbürgerlich und alttugendhaft; will man mich durch Ruten an die Schulbank zurückzwängen? Freiheit und Selbstständigkeit sind die atemholenden Lungen des geistigen Lebens, soll ich mit Schwindsüchtigen umgehen, um selbst schwindsüchtig zu werden?

Aus diesen Gedunken schreckte ihn plötzlich ein Gelächter, das neben ihm erscholl; er hörte, dass über seinen Regenschirm gespottet wurde, und eine stimme rief: "geben Sie Acht, wenn diese tropfende Glokkenhaube sich hebt, so schaut gewiss das sehr ehrwürdige Antlitz des Vikar von Wakefield uns entgegen." Eduard glaubte die stimme zu erkennen, hob seinen allerdings etwas baufälligen Schirm, und erblickte an dem halbgeöffneten Fensterchen die Gräfin Eva mit Jokonden. über die beiden Mädchen sah Massiello's lächelndes Antlitz hervor. "O, ein guter Freund!" riefen jetzt die drei Stimmen, und Eduard musste sich selbst fragen, wie er denn an das einsame Fischerhäuschen gekommen sei. Träumerisch, wie er den ganzen Weg gemacht, kehrte er auch jetzt ein, und wurde von den Dreien mit herzlichem jubel empfangen. Jokonde war schöner wie jemals, das Gefühl ihrer verlassenen Lage warf über ihre kindische Heiterkeit einen leichten Schleier von Melancholie, der die Seele ersetzte, und sie unendlich liebenswürdig kleidete. Beide Freundinnen hatten auf Anstiften Eva's sich streng bereitete Fastenspeisen zurichten lassen; für die Ungläubigen oder Schwergläubigen stand ein zweites Tischchen bereit mit leckern speisen von allerlei Art, und Massiello hatte schon Platz daran genommen und bereits einige Flaschen entsiegelt. Wegen Eduard entstand der Streit, zu welchem Tisch er gehöre. Die Mädchen wollten ihn durchaus auf ihrer Seite und auf Seite der Religion haben, Massiello zeigte dagegen nur auf die Flaschen und öffnete mit kluger Weltlockung die Schüssel mit einer dampfenden Pastete. Jokonde stand auf, und präsentirte in unendlich anmutiger Haltung als Herodias den Kopf ihres ungewöhnlich grossen Fastenhechts, Gräfin Eva versicherte aber vollen Ernstes, dass hier durchaus nicht zu spassen sei, und sie wolle Eduarden nimmermehr freundlich ansehen, wenn er zu der Pastete überliefe. Dieses entschied und der Jüngling wurde von den mutwilligen Mädchen im Triumph zu der Fischtafel gebracht. In dem Augenblicke ging die tür leise auf und ein volles rotes Gesicht ward hineingesteckt. "Aha, ha! ha! schrieen alle, Signore Abbato, carissimo padrebona seria, bona seria!" – Der Abt war jetzt mit einer geschwinden Bewegung im Gemach, und seine Lippen ruhten zu gleicher Zeit auf beiden zarten Händchen der Mädchen. drei schimmernde Astrallampen wurden hereingebracht, und die kleine Gesellschaft trieb sich in glänzender Helle unter Küssen und lachen bunt durcheinander. Den Abt gaben beide Mädchen sogleich für die Sache der Religion verloren, er erhielt einen Stuhl neben Massiello, und Eva versicherte ihm, dass er zu ihrem Vereine eben so wenig gehöre, wie ein gebratener Kapaunflügel in ein Bouquet weisser Rosen. – Massiello hatte den Kapaunflügel gefasst und ihn drohend erhoben, ein teil des Tischtuches floss über seine Gestalt wie ein Mantel nieder, indem er den Stuhl bestiegen hatte und mit donnernder stimme seine Fastenpredigt anhub: "O ihr Gottlosen, ist's nicht genug, dass eure Passionszeit dauert, so lange ihr jung und hübsch seid, wollt ihr nicht zuweilen im Alter noch Passionen haben, die Niemand erwiedern kann? Wohl nehmt ihr euer Kreuz auf euch und schleppt es, aber nur, wenn es modern gefasst ist, à quatre couleurs, und wenn es schwer von Gold ist. O Himmel