1836_Ungern_Sternberg_133_25.txt

eben vernommen; er hätte gerne noch diesen Abend den Fürsten gesehen. Als beide auf die Strasse kamen, tritt ihnen ein fürstlicher Läufer nach, und als er Eduarden erkennt, bringt er diesem die Einladung, sich sogleich in's Schloss zu verfügen. Was konnte Erwünschteres kommen; schleunig flog er nach haus, wechselte seinen Anzug, und stieg, die breite Marmortreppe zu den Gemächern des Fürsten hinauf. Auf dem Portale sah ihm die wohlbekannte Statue der badenden Venus entgegen: "Also Du stehst noch hier, griechisches Göttermädchen," rief er leise bei sich, "hat man dir nicht den Abschied gegeben, und weisst du nichts von dem, was drinnen geschieht?" – Er schritt leise über den Vorsaal und öffnete eine der hohen Türen, sie ging geräuschlos auf, und die Teppiche, auf welche sein Fuss trat, liessen seine Gegenwart von den im Gemache befindlichen Personen durchaus nicht bemerken. Eine hohe Frauengestalt, die Eduard sogleich für die Fürstin erkannte, stand, den rücken gegen ihn gekehrt, im gespräche mit dem alten Gottold vor einem Bilde. "Nein, nein," rief die Prinzessin fast heftig, "ich begreife Sie durchaus nicht! Anfangs bei unserer Bekanntschaft schien es mir, als wenn Sie meine Ansicht teilten, und für die wahre erkenntnis kein Uebel für so gefährlich hielten, als jene dumpfe blinde Frömmelei, die ich wahrhaft abgöttisch nennen möchte, weil sie den Menschen verführt, statt der klaren vernünftigen idee vom göttlichen Wesen das trübe Abbild seines eigenen verfinsterten, durch Irrtum und Sinnlichkeit besteckten inneren zu halten. Wir sehen, in welche tiefe Verirrungen die Gemeine versank nach dem tod des Grafen, wie sie, die die reine Lehre Luters noch geistiger und lebendiger auszubilden gedachte, dem niedrigsten geist der Erde anheimfiel! und nun höre ich mit Schreck, Sie reden und streiten in denselben grundsätzen, die ich bis zum tod verabscheuen werde." – "Nicht also, Gnädigste," rief der Maler, "Sie sind zu hart; wenn Sie mich zu den Frömmlern und Pietisten oder zu den Anhängern jener, mir ehrenwerten sekte rechnen, so sind Sie im Irrtum; dass ich aber zu der absoluten Verstandeskälte, in der Sie atmen, Gnädigste, nicht hinaufreichen kann und will, das gestehe ich gerne. Lieber will ich verführt werden durch ein Uebermaass von Liebe, als durch gänzlichen Mangel derselben von jeder Möglichkeit des Falls geschützt dastehen." "Mann!" rief die Fürstin mit einer unendlich weichen stimme, "wer sagt Ihnen, dass ich nicht liebe; aber er, den ich liebe, ist ja die ewige Reinheit und klarheit selbst, meine Liebe ist das schwache, aber unermüdliche Ringen, klar, hell und rein zu sein nach seinem Bilde; aber wohl mag sie kalt erscheinen, diese Liebe, weil keine Erdenliebe sich zu ihr gesellt, denn was ich irdisch und sinnlich geliebt habe, hat sich mir als unwürdig ausgewiesen." Sie schwieg und schien eine Rührung zu verbergen, dann fuhr sie fort, indem sie den Arm des Malers mit Heftigkeit fasste: "Stehen Sie mir bei, verlassen Sie mich nicht, teurer Mann! retten wir den unglücklichen Prinzen, noch ist's möglichbald könnte es zu spät sein." Der Greis sah der hohen Frau ernst in's Antlitz: "Sie täuschen sich, Gnädigste! – Das fräuleindie Baronesse –" "Nichts von ihnen," rief die Fürstin heftiger. Eduard glaubte bei längerem Verweilen bemerkt zu werden und zog sich, nachdenkend über das Vernommene, leise zurück. Die Klingel des Herzogs rief ihn den Corridor entlang, und als er sich dem Gemach näherte, trat ihm der Prinz schon entgegen.

"Willkommen, Freund," rief der Gnädige freundlich – "mir ist's lieb, dass Sie auf dem land gewesen, und so die Quellen der Einfachheit und natur gesucht, vielleicht folge ich bald Ihrem Beispiel, – der Frühling naht mit grossen Schritten." Eduard bemerkte in des Fürsten Aeusserem eine Veränderung, die ihm auffiel, das Haar war schlichter gekämmt, die Kleidung einfacher, und an den Wänden des Gemachs fehlten einige Gemälde von Rubens und Jordone, statt dessen hing ein kleines Bildchen da, von dem man nicht sagen konnte, was es darstellte. Der Fürst bemerkte den fragenden blick des Jünglings und sagte flüchtig: "Die Gemälde habe ich fortgeschickt, weil jetzt häufig Damen meine Zimmer besuchen, und man dem schwachen, noch nicht genug künstlerisch gebildeten Geschlechte kein Aergerniss geben soll; – doch junger Mann," fuhr er fort, "was hab ich hören müssen, Sie haben eine Braut und vernachlässigen das MädchenSie sollen sogar, was ich nicht glauben will, der Gräfin Eva den Hof machen; teurer Freundwenn das wahr wäre! und Sie könnten auf diesem Wege uns verloren gehen, ich selbst würde mir die bittersten Vorwürfe machen, Sie nicht väterlich gewarnt und zum Heile zurückgewiesen zu haben." Eduard errötete vor Unwillen und Beschämung. "Sollte Robert vielleicht Eure Durchlaucht" – "Reden Sie mir nicht von diesem Unwürdigen," rief der Fürst und sein Auge blitzte zürnend; "sein Name, wie sein Fuss kommt nie wieder über diese Schwelle, er ist ein verlorener Mensch, hüten Sie sich vor seinem Umgange. Nicht allein, dass er auf das Gewissenloseste eine Menge armer betrogener Mädchen seinem Rausche geopfert, die Unglücklichen in zeitliches und ewiges Verderben gestürzt hat,