1836_Ungern_Sternberg_133_20.txt

Entschluss auf die letzte Minute, doch als diese schlug, war er am Fischerhäuschen, und beschwichtigte sein Herz mit dem Versprechen, nach ein paar Minuten sogleich zum Maler hinüber zu fliegen.

Von einer einsamen Lampe beleuchtet, in die Ecke des Sopha's gedrückt, sassGräfin Eva.

Mitternacht war vorüber, als Eduard über die dunkle Gasse zu seinem haus zurück schlich. In Emiliens wohnung war ein Fenster erhellt, der Vorhang war herabgelassen und dunkle Schatten glitten drüber hin. In dem Augenblick rief eine stimme: "Jesus Mariaso sind Sie da! – und wie hab' ich Sie gesucht!" Gottolds Diener stand vor Eduarden, doch dieser hatte sein Haupt in den Mantel gehüllt, lehnte an dem eisernen Geländer der Treppe und gab kein laut zur Antwort. "Was fehlt Euch, Herr!" rief der erschreckte; "Ihr seid ja taub und stumm, und Eure Hand, Gott, wie kalt! so kommt doch herauf, das fräulein wird sich sogleich erholen wenn, sie Euch wieder sieht; sie hat lange, lange auf Euch gewartet." Er lief in Eile die Treppe hinauf, als er mit dem alten Gottold zurückkehrte, war Eduard verschwunden, der schneidend kalte Nachtwind blies die Lichter aus, und ein dichtes Schneegestöber trieb vom Himmel herab.

Diese Nacht hatten die Freunde bestimmt, um die wunderlichen Gebote des alten Fleackwout zu erfüllen. Er war nämlich an den Folgen seiner Verwundung wirklich gestorben und Robert hatte erklärt, er wolle durch nichts von seiner Pflicht, den Alten an den Galgen zu schaffen, sich entbinden lassen. Massiello hatte der Polizei im Stillen Kenntniss von dem Vorhaben gegeben, und da ausser ihr Niemand als die Freunde um die wunderliche Feierlichkeit wussten, so war, als der Zug sich ordnete, die ganze Nachbarschaft im tiefsten Schlafe begraben, und Niemand sah es, wie sie im Schneegestöber und in der Nacht mit einer einzigen trüben Fackel hinauszogen. Als man mit der Leiche noch beschäftigt war, trat Eduard hinein, und Robert sah seinen leuchtenden Augen, seinen erhitzten Wangen an, von wo er kam. Er trat stürmisch auf ihn zu, drückte ihn an seine Brust und rief: "Du Seliger, wie beneide ich Dich um diesen göttlichen Contrast; eben den Becher der Lust von den Lippen gesetzt, und nun jener strengen, kalten Weltgerichts-Larve dort gegenüber. Ein bluterhitzter Frühlingsleib und hier ein schon verstäubender! Wahrlich, schnell muss die Traube deines Dichter-Genius sich zeitigen, wenn solche Sonnen sie bescheinen, solche schwüle Blitze sie umspielen." "Wahnsinniger," rief Eduard, "so kannst Du bei allem diesem nichts denken, als wie ein Verslein daraus entstehen mag? Dort Treubruch, hier Selbstmord und Du –" Robert lachte laut auf: "So alterire Dich doch nicht, schöner Bube, das ist ja eben der haut-goût des Lebens, so ein zerschossener Schädel ist das delikateste Wildpret für einen Poetenmagen. So lerne doch einmal den Humor verstehen, der da witzelt, wo er ohnmächtig zusammen brechen möchte vor ungeheurem Schmerz! O göttlich, wo der Blitz des Genies so riesenkräftig alle elende Verhecke der alten Mutter Tugend und Moral zusammensplittert. Ich denke mir nichts Süsseres, als einmal mit einem humoristischen Knalleffekt, unsterblich wie nur irgend ein grosser Geist, in den Himmel einzugehen, nämlich auf die Weise, dass ich, während die Pistole in meiner rechten Hand zum Selbstmorde bereit ruht, zu meinem Kammerdiener süss lächelnd spreche: o sein Sie so gut, teurer Dienender, und halten Sie mir gefälligst beide Ohren zu, damit ich nicht zu sehr erschrecke bei dem vielleicht etwas zu lauten Knall." – Am Ausgang fühlte sich Eduard von zwei stürmischen Armen umschlossen, es war Massiello. "Sie kommen doch, mein teurer Eduard, mit uns zum Galgen? Die Polizei erlaubt gütig, dass wir diesen frühern Bewohner von Alt-England hinausführen; hat er ein halbes Stündchen gehangen und meine Rede mit angehört, so sorge ich für ein gutes Begräbniss. Die Sache ist wirklich ein kleinwenig entsetzlich und ich will in meiner Rede die Kumpane, und besonders den Robert ermahnen, Religion anzunehmen, das heisst, etwas Solides zu treiben und an etwas Solides zu glauben." Er sprach noch weiter, doch der Wind verwehte seine Worte. Eduard bog um die Ecke, indess der Zug ein Seitengässchen einschlug und sich bald darauf in der Nacht verlor. Die TurmUhr schlug ein donnerndes Eins.

Vierzehn Tage waren vergangen, die Anstalten zu den Vermählungs-Feierlichkeiten beschäftigten die Stadt. Eduard hatte sich einen freiwilligen Arrest gegeben und sein einsames Zimmer nicht verlassen; die Freunde wussten nicht anders, als dass er krank sei, seine Seele war es auch wirklich. Während der Einsamkeit beschäftigte er sich, ein Bild zu componiren, welches den Zustand seines Gemüts ausdrücken sollte. Am fünfzehnten Tage öffnete sich leise die tür, und der Abt trat in's Zimmer, "Ich gehe, wie die Braut im hohen lied, herum," sagte er freundlich, "um meinen Freund zu suchen, denn der Weinstock gewinnt Knoten, die Granatblüte duftetwo weilst Du, schönster unter den Männern, meine Seele ist krank vor Liebe. O wer mir das herrliche Lied nur einmal malen könnte, aber bei leib nicht im streng dogmatischen Styl, wo Braut und Bräutigam in zwei symbolische Schnörkel sich auflösen, und das heisse duftende Aroma höchster Liebessehnsucht auf den simpeln Weihteller einer kleinen