die heilige Mutter zu St. Marco weiss am besten, wenn die Mädchen sich einen Buben ins Herz schliessen; Lucia ist noch nie in St. Marco gewesen. – Er ging und liess mich allein. Ein Unmut befiel mein Herz, ich war zu stolz, um mir zu gestehen, dass ich Lucia liebe, und doch kränkte mich ihre übermütige Kälte; ich suchte sie 'zu vergessen, allein in meinen Liedern lebte das braune, wunderliche Mädchen wieder auf. Freunde aus Rom kamen, ich gab mich ihnen hin, sie sollten mich zerstreuen; doch auch sie sprachen von Lucia und ihrer Schönheit. jetzt schloss ich mich ein und wählte die sehnsucht zu meiner Gesellschafterin. Schlaflos brachte ich die kurzen italienischen Nächte auf dem Lager zu; ach! es stiess dicht an Lucias Bette, nur durch eine Wand geschieden. Ich schrieb Briefe, schenkte Heiligenbilder und gab Matteo mündliche Aufträge, die er richtig besorgte; Lucia nahm nichts, beantwortete nichts, sie tat, als wenn ich nicht auf der Welt wäre. Ich durchlief alle Künste der wagenden Liebespolitik, ich erprobte sie alle, und sah jeden Pfeil abgleiten, machtlos zu Boden sinken. Wahrlich, Lucia ist kein Mädchen, hinter diesen braungelben Wangen fliesst kein Blut! sie ist dem Belvedere entsprungen, ein kalter, griechischer, marmorner Traum, eine lebendig gewordene Demeter, die ihre herbe Keuschheit unter den üppigen Leib einer achtzehnjährigen Albaneserin verbirgt. – Auf seiner Wanderung ins Gebirgskloster von St. Geovanni pflegte ein korpulenter Barfüssler mich zu besuchen, ein Fallstaff unter den Mönchen, eine Figur voll Wunderlaune und behaglicher Unwissenheit. An seinem stämmigen roten Halse hing ein grotesker Rosenkranz und an diesem zahllose Bündelchen, Abbildungen heiliger Leute und ihrer Geschichten. Fra Bartolo handelte mit diesen und hatte mir mit heiserer, erstickter stimme alle jene schaurigen Legenden erzählt, welche Lucia aus meinem mund wieder erfuhr. Jetzt kam er, liess sich keuchend nieder und auf seine fragen musste ich ihm nun begreiflich machen, dass ich verliebt sei. Er sah mich an, zog ein sehr ernstes Gesicht, brachte die Augenbraunen dem struppigen Haarkranze fast nahe, schlüpfte mit dem Kinn in die Kutte hinein, hob sich dann langsam und gravitätisch, so weit es der rote dicke Hals erlaubte, und sagte – nichts. Wir sassen lange Zeit stumm bei einander und tranken eine Flasche Orvieto leer, dann ging er ins Gebirge, indem er versprach, nach zwei Tagen wieder zu kommen, um mir seinen Rat zu erteilen. Er kam auch wirklich und sein Rat war eben so neu als seltsam. Don Roberto, sagte er, geht auf euer Lager, stellt euch an, als wäret ihr krank; lasset der Lucia sagen, die heilige Teresia sei euch im Traume erschienen und habe euch angedeutet, dass euer Tod nahe sei, wenn ihr nicht drei Oliven auf einer Schaale von der Hand der Signora Lucia erhieltet. Bruder Bartolo, rief ich, ihr habt die Absicht, ein lustiger Vogel zu werden; so sagt denn, wozu sollen mir die drei Oliven nützen? Bartolo lächelte in den Bart: Die nicht, rief er, die nützen dir nichts, Söhnchen, sie sind nur da, um Lucien zu bewegen, dich zu sehen! Bedenke nun aber, welchen Eindruck das auf ihr Herz machen wird, wenn sie dich, den sie bis jetzt stark und vielleicht nur zu übermütig gesehen hat, nun schwach und ihrer hülfe bedürftig erblickt; o, Bruder Bartolo kennt auch das Herz der Weiber. Er suchte jetzt in seinem Bettelsack und zog ein Büchelchen hervor, das er aufschlug und mir hinhielt. Es war das alte Testament und die bezeichnete Stelle beschrieb die List, die Amnon, der Sohn Davids, ausübte, um seine Stiefschwester Tamar zu gewinnen. Ich umarmte meinen dicken Freund; nicht wahr, rief er mit schalkhaft blinzelnden Augen zu mir hinauf, nicht wahr, Söhnchen, du bist eben so schön und listig als Amnon, und Lucia ist ein Mädchen wie Tamar? Er holte drei Feigen hervor und sagte: soviel Dublonen gibst du deinem guten Bruder, wenn er wahr geredet. Er ging und ich brachte eine unruhige Nacht zu, in der ich die heilige Teresia zu erblicken glaubte, wie sie ihre Hand auf meine heisse Stirne legte, so dass augenblicklich ein böses Fieber in mir aufkochte. Ich sah mich im geist todtkrank auf dem Lager, die tür öffnete sich und Lucia schwankte hinein; die Sonne brannte hinter den niedergelassenen Vorhängen, eine dumpfe, heisse, sehnsüchtig süsse Stille herrschte im Gemach. Das erschreckte Mädchen zitterte vor der Glut, die meine halbgeöffneten fieberheissen Lippen atmeten, ihr blick, schamhast gesenkt, verirrte sich auf eine entblöste Schulter, die ein warmer Pulsschlag mit einem erhitzten durchsichtigen Rot färbte; kaum vermag es ihre Hand, mir die Oliven zu reichen, ihr Arm bebt, ich komme ihr zu hülfe und meine Berührung jagt die wahnsinnige Glut des Fiebers auch in ihre Adern. Sie sieht mir ins Auge und die rührendste Bitte klagt in dem halbgebrochenen Strahl, es ist die Seele selbst, die für den armen, in ungeheurem Verlangen dahinsterbenden Körper fleht. Ist es möglich, da zu widerstehen? wer kann dies süsse Auge, diese weichen Lippen erkalten sehen zum tod, da ein Kuss sie retten kann, ein einziger Kuss! Sie beugt sich nieder, Lippe auf Lippe wurzelt fest, ein Busen, in dem die Glut des Aetna kocht, pocht an dem ihrigen! – arme Lucia!