1836_Ungern_Sternberg_133_15.txt

, die Prinzessin Braut sei nur wenige Stunden von der Residenz entfernt, und wünsche und erwarte ihren hohen Geliebten zu sehen. über Jokondens Antlitz zuckte es wie ein Schmerz, sie hing in einem langen Kusse an der Lippe ihres Freundes, dann sank sie in die Polster zurück, und die Wellen ihrer Atlasrobe rauschten über sie zusammen. –

Der Herzog ging, die Gäste zerstreuten sich und Eduard stand unschlüssig in seinen Mantel gehüllt vor der tür der Hütte. Der Sturm wehte, die Wolken flogen auf der Himmelsbühne wie wimmernde Schatten durcheinander, ziemlich hoher Schnee lag auf den niedern Dächern wie auf der Gasse, hier und da leuchtete ein dünnes Lichtlein, an dem ein altes Fischerweib die schadhaft gewordenen Netze besserte. Jetzt näherten sich zwei Männergestalten dem haus, ohne Eduard zu bemerken. "Er ist fort," rief eine stimme, die Roberten angehörte, "kommen Sie, er darf, er wird heute nicht wiederkehren." Eduard trat hervor und Robert eilte auf ihn zu. "Bist Du es? Schön, komme mit uns, Du Jugendlicher, ich will Dich mit einem hübschen Menschen bekannt machen; komm, das Wetter ist kalt, wir trinken ein Glas Punsch." Eduard folgte und bemerkte jetzt, dass ein bildschöner, erhitzter Jüngling, in einen engen Ueberrock geknüpft, mit ihm zur tür sich eindrängte. Ein heisser Atem berührte seine Wange, und ein offener Mund mit zwei vollen Lippen kam ihm so nahe, dass eine elektrische Bewegung ihn durchzuckte. Es ist ein Mädchen, rief es in ihm, das mystische geheimnis der Form, die im Gedränge und in der Hitze seine Hüften berührte, jagte sein Blut in Bewegung. Als der Fremde eingetreten war, nahm er den Hut von einem schwarzen Lockenkopf, und blieb verlegen und befangen an der tür stehen. Jokonde begrüsste Robert mit einem Freudenruf, und im Entzücken duldete sie seinen Kuss auf ihren weichen Oberarm. Der Abt und Massiello betrachteten den vollen Jüngling an der tür durch ihre Gläser und winkten sich einander zu; der schöne Page Enzio ordnete mit Jokondens, Mädchen den Tisch, und beide schütteten wie übermütige Frühlingsgötter den ganzen Raum voll Früchte, Blumen und Zuckerwerk, zwischendurch schwankte das schwere goldne und purpurne Nass der köstlichsten Weine in Krystallvasen. Jetzt riss Robert den Fremden rasch zu sich nieder auf den Teppich, und beide knieten vor Jokonden, die erstaunt und fast kindisch verlegen aufsah. "Glänzende Leere, liebenswürdige Unbedeutenheit," rief Robert zu ihr hinauf, "erlaube, dass ich Dir hier meinen Freund vorstelle, oder wie Du willst, eine Freundin, oder noch besser, einen geschlechtslosen Engel, der nicht freit und sich nicht freien lässt, mit Einem Worte, die Gräfin Eva. Sie hat in Göttingen studirt, in Bonn sich geschlagen, in London wettgerannt, in Spanien gebetet, für die Polen Charpie gezupft und in Rom einen dicken Abbate in die Tiber gestürzt; sie ist eine Katolikin und man sagt, sie werde den Papst heiraten und im zweispännigen Wienerwagen gegen Himmel fahren."

Jokonde empfing das wunderliche Mädchen in ihren Armen, und Massiello machte seitwärts die Bemerkung, dass wenn ein Weib das andere umarme, eine gewisse diplomatische Feinheit und Kälte herrsche, die auch die täuschendste Maske der leidenschaft durchbreche, indess wenn Mann dem mann an die Brust falle, eine trockene, unendlich biedere, langweilige Ehrlichkeit sich zeige, und ein Männerkuss gleichsam eine Travestie des wahren männlich-weiblichengleichsam nur ein fruchtloses Lippenhaut-Rauschen und künstliches Zungenschnalzen, oft nur ein mühsames Erwärmen der kaltgewordenen Wangen und Lippen sei. – Die Gräfin sprang vor den Spiegel und ordnete ihre Halsbinde, sie warf den Ueberrock weg, und stand in einer kleinen engen Husaren-Jacke da, die sie mit verliebter kindisch-zärtlicher Hast zu verdecken strebte und noch lange mit dem Ueberrock spielte, ehe er ihr ganz entfiel, und sie in der Nackteit der enganschliessenden Bubenkleidung dastand. Enzio stand von fern, und ein errötendes Erstaunen lief seine vollen Wangen hinauf bis zur Stirne, Massiello neigte sich, andächtig die hände faltend, und rief halb singend: "O du Adam, Eva und Schlange zugleich!" Der Abt schlug vor, sich auf die Polster um den Tisch niederzulassen, um doch endlich Ruhe und Elegie in die bunte Posse zu bringen. "Ihr werdet sonst nimmermehr bekannt und der schöne Wein verduftet." Die beiden Mädchen liessen sich auf den Divan nieder und Romeo, so wollte die Gräfin während ihres Exils in's Männerreich heissen, umschloss mit kecker Umarmung die lachende frischerrötende Jokonde; Robert warf beiden eine Handvoll buntes Zuckerwerk in den Schooss. "Schön," rief Romeo, "der Einfall ist trefflich, diese ganz gemeinen und wohlbekannten Dinge will ich mir von Neuem erklären lassen, doch wer falsch oder langweilig erklärt, hört es Unsterbliche! der verfällt in Strafe. Da, was ist das?" Sie hielt ein Zettelchen empor, auf dem ein Pärchen gemalt war, welches sich vor dem Priester die hände gab. Der Abt ergriff es und rief: "O, das sind Eheleute!" "Was sind aber Eheleute, törichter Vater!" riefen beide Mädchen. "Ach," sagte der Abt, "es sind zwei Geschöpfe, denen in Gastäusern immer nur Ein Bett angewiesen wird, die gemeinschaftlich eine Quarantaine der Treue aushalten müssen, und die alle Dinge mit einander teilen, ausgenommen das Herz und denSarg." "Gut, trefflich!