1836_Ungern_Sternberg_133_13.txt

Jahrestag oder eigentlich die Jahresnacht zu feiern, wo der Herzog das schöne Kind von der Hand der Verschwiegenheit und Liebe sich antrauen liess. Er war damals als ein junger, unbedeutender Mensch in's Haus ihrer Eltern getreten, ermüdet durch eine Fussreise in die Alpen und fast bis zum tod ermattet, dazu ohne Geld und mit einem angenommenen Bauernnamen, so dass Jokonde dem armen Burschen seiner schönen Augen wegen einen, dem Vater abgezwungenen Kronentaler in's Ränzchen steckte und ihn heimlich fragte: Wie heisst Er denn, mein Freund? Da hatte der Fürst sich lächelnd umgewendet und im Styl eines altgriechischen Göttermytos höchst patetisch gerufen: Lotar, Erbprinz von –. Den Kronentaler hatte das hübsche Mädchen bald wieder, und die Reise des armen Burschen in das Gebirge war für sie eine Reise auf's Gebirge der Hoheit und des Erdenglücks geworden. Als der Herzog sich jene ersten Liebesmomente vergegenwärtigte, sah er seine Jokonde mit einem so innigen blick an, dass diese vor der Fülle von Seele erschrack, die in einer Männerbrust liegen kann; sie konnte nichts dagegen geben, als die gewöhnliche DekorationSonnenschein, blauer Himmel, Lächeln, rechts im Vorgrunde ein Grübchen; der Soufleur ihres kleinen Herzchens lispelte die alten verbrauchten Worte hinauf. Der Herzog führte seine geputzte Schöne durch den Kreis der Gäste in jene bis jetzt verschlossenen Gemächer. Strahlende Helle goss aus bunten Krystalltulpen und weissen Lilien ihr Feuermeer in ein zierliches Zelt, das von der Liebesgöttin geordnet und hier und da mit einzelnen goldenen Pfeilen festgesteckt war. Es zeigte sich eine kleine Bühne und vor derselben sass Massiello mit zwei Musikern und blies eine sonderbare Musik ab deren Composition lachen erregte, aber zugleich auch Verdruss und Aerger. Jokonde freute sich kindisch, sie war über alle Beschreibung reizend: ein Brautkleid von weisser Seide umspannte den süssen Leib, goldene Schnüre hielten unten einige volle Myrtenbouquets gefesselt, in ihren gelben weichen Locken lag ein Kranz, dessen klares Diamantenband auf der hohen weissen Stirne festschloss. Sie blickte nun nach Robert, doch er war nicht da, indem endigte die Musik, und Massiello stieg mit einem langen Schritt auf die Bühne hinauf, deren Vorhang sich gehoben hatte.

Man erblickte eine zauberhelle, prächtige Blumenlaube, wie sie so seltsam und herrlich nur aus der Phantasie aufblühen mag. Aus dem Boden empor flammten dunkle Feuerlilien in dichter Ueppigkeit und bildeten gleichsam den Grund, hochgefärbte Rosenkelche schlossen sich an sie, und immer heller und geläuterter erschien die Glut, bis sie in stets blasser werdende Rosen, und endlich in weisse Centifolien endete, deren letzte Sprosse hinauf silberhelle Sternblumen und weisse Frühlingsglocken bildeten. Ein mächtiges Blumenaroma überströmte das Gemach beim Aufrollen des Vorhangs. Die Landschaft hinter der Laube zeigte ferne Bläue, eine einsame Pinie stützte sich, wie in Gedanken verloren, auf die Schultern einer breiten Eiche, ein Paradiesvogel zog schweren, langsamen Flugs fern und immer ferner in die Landschaft hinein. Jetzt flog ein schöner, geflügelter Knabe auf die Bühne, er trug eine Lyra im Arm, und senkte sich wie im jauchzenden Entzücken der Jugend tief in die roten Blumen und schwankenden Rosenkelche hinein; dann begann er ein wunderlich feuriges Lied, das eine abenteuerliche, aber liebliche Sage behandelte: es war die geschichte der Liebe. – "Gott liebte einst, liebte menschlich, liebte ein Weib, aber ein Götterweib, wie er ein Gott. Ihr Lächeln schuf den ersten Frühlingskeim und nach ihren Träumen bildete Gott die Blumen; sie aber liebte einen Raum im flutenden Meere der Schöpfung besonders und bat einst den Ewigen: Schaffe mir hierher ein Gestirn und schenke es mir, hier muss es köstlich sein zu wohnen, mild flammt das Licht des nächsten Firsterns herüber und süss fliesst der Strom der Lüfte dahin. Sie hatte den Wunsch kaum ausgesprochen, als in dem Momente die neugeschasfene Erde ihre Bahn dahinrolltedie kleine Erde, und der höchste Geist sprach mit Lächeln: da ist sie! nimm sie, schasse sie zu einem Paradiese um, sie sei dein Brautgeschenk, schalte mit ihr, wie es deiner Laune gefällt. Da sah die Gottgeliebte auf die kleine Erde mit rührender Freundlichkeit nieder, und dachte über Pläne nach, wie sie sie am zierlichsten schmücken solle. Endlich schuf sie ein sonderbares Wesen mit einem Barte, einem krausen Lockenkopf und in der Brust mit einem rotenklopfenden Herzen, und ihm zur Seite, nach ihrem eigenen Bilde, ein süsses kränkliches Püppchen, voll sehnsucht und Tränen und voll Lächeln und Narrenspossen. Diese Beiden, sagte sie, sollen sich nun gegenseitig freuen und betrüben, beides bis zum tod; es soll eines die Lippen des andern suchen und nicht wissen, was es tun will, und so entstehe der erste Kuss; sie sollen viel tolles, einfältiges Zeug sprechen und über die albernsten Dinge zusammen weinen; sie sollen in den Mond blicken und lachen und weinen, und weinen und lachen durcheinander. Er soll fluchen und zürnen, wenn sie geht, sie aber soll tanzen, wenn er sich ärgerlich fortschleicht, lachen, wenn er weint, innerlich aber ersticken wollen an zurückgehaltenen Tränen, und all der neckende Unmut, das weinende Entzücken der Liebe soll bei ihnen wohnen und Hütten bauen in ihren Herzen. – Sie sprach es, und die ersten Menschenherzen fingen ihr unruhiges Geklopfe an. Ein schöner Garten war erbaut, mit düstern heimlichen Gängen, wie der quälende Dämon der Liebe es verlangt, und die Gottgeliebte freute sich der Genüsse und Qualen ihrer lieben Puppen. Aber ach, sie selbst musste untergehen,