1836_Ungern_Sternberg_133_12.txt

und sein zahnloser Mund lachte, "was ist das? Trifft man da lustige Gesellen, gute Unterhaltung? Fast muss ich's glauben, Söhnchen, da Du es mir anrätst. Ja, ja Freundchen, lass uns einmal um Mitternacht hingehen, ich nehme das abgeschossene Stückchen Schädel mit, und wir spielen damit Fangball, Freund Massiello lässt sich auf der Orgel hören! – Hu, hu, das schmerzt ordentlich! ich glaube, einige alte wunderliche Gedanken haben schon etwas reden hören vom Einsturz des Leibes und wollen nur gradeswegs in die Unsterblichkeit schlüpfen! Zu früh, zu früh! – binden Sie wieder fester, liebster Doktor, lassen Sie durchaus nichts von meiner Persönlichkeit eschappiren." – Robert hatte sich auf das Bett gesetzt und sah mit seinen grossen schönen Augen dem Alten in's Gesicht. "Ich könnte," sagte dieser, "jetzt als ein Sterbender, denn hoffentlich bin ich doch ein solcher, recht viele schöne Worte zu Euch, Freunde, sprechen, ja es wäre gar nicht unmöglich, dass ich sogar rührend würde und Euren ganz unwürdigen Wandel zu etwas recht Würdigem umkehrte, doch ich weiss schon, Du, Robert, denkst nun schon daran, wie sich meine beschädigte person in einem Trauerspiel ausnehmen würde; Ihr Poeten liebt die Sünde und ohne sie könntet Ihr nichts machen; das allereinfachste Schüsselchen würde unschmackhaft werden; wenn der spanische Pfeffer der Hölle fehlte, suche nur von Zeit zu Zeit etwas weniger zu spielen, etwas schwächeren Punsch zu trinken, etwas weniger Leute um ihren ehrlichen Namen zu bringen, und jährlich ein hundert Mädchen weniger zu verführen, so wächst Dir allmählich etwas Christentum an. Es kann nicht schaden, ich habe es mit allen Dingen im Leben versucht, und alle haben, so lang sie neu sind, etwas Ergötzlichesdoch, Freunde, das grösste Elend, der entsetzlichste Jammer, dem Ihr nicht entgeht mit allen Grübeleien des Verstandesdas ist die notwendigkeit, alle Morgen euren Rock anzuziehen, alle Abend ihn abzustreifen. O fürchterliches Elend, Marter über Marter!" – Er sank in seine Kissen zurück und seine Lippen wurden bleich. – "O Himmel," stammelte er, "welche Seligkeit, da meldet sich etwas bei meiner Seele, ein Gefühl, das mir ganz neu ist, ich sage Euch, ganz neu. Etwas so Kaltes, Lachendes, Spitzes! Sollte es vielleicht der Tod sein? – Nein, o nein, doch nicht, es ist ein altes bekanntes Etwas, ich glaube, es ist die Reue, doch freilich tritt sie diessmal besonders kräftig auf; nun immerhin, ich werde mich auch von ihr etwas durchkitzeln lassen." – Der Arzt trat jetzt an's Lager und verbat das weitere Sprechen, die Freunde entfernten sich still in's Nebenzimmer, und der Alte blieb allein, indem man ihn von Zeit zu Zeit murmeln und lachen hörte.

Massiello warf sich weinend an Eduards Brust: "Lass uns umkehren, schöner, reicher Knabe," rief er, "umkehren zu der einfachen, hölzernen, läppischen Jugend. O, über das Gift der heutigen Poesie und aller Poesie! Der Alte hat Recht. Ein Menschenkind, das seinen Gott liebt, das einen Kalender hat, wo der Mond und die Sonne rot gemalt drin stehen, und ein Weib, das nach diesem Kalender sieht, wenn Butter geschlagen und Leinwand gebleicht werden soll, ist solch ein Kind nicht glücklich?" Er trat an das Fenster und sang in die Nacht hinaus. Die Turmuhr schlug drei Uhr Morgens. Der Abt hatte sich davongemacht, um den Morgenschlummer, so wie den Morgenkaffee nicht zu versäumen. Robert sprach finster vor sich hin: "Der arme Fürst, seine Lage ist wahrhaft schrecklich; er liebt seine Braut nicht, kann sie nicht lieben und sieht nun ihrer Ankunft und der Verbindung, die ihn ewig in Fesseln schlagen soll, stündlich entgegen. Sein Herz, mit allen Genüssen schon frühe überhäuft, fühlt eine kalte Leere, die Flamme der Sinnlichkeit befriedigt und erwärmt es nicht, und diese Jokonde, Himmel! diese duftlose, schöne Tulpe, kann sie geben, was sie nicht hat? – Er sucht einen Freund und geht herum, mit bebendem Finger an jede Brust klopfend, die ihm verwandt scheint, und auch hier findet er nicht, was er sucht. Mit einem gewissen coquetten Stolz will er bei mir durchdringen, und weiss doch, dass jede Pretension mich unleidlich bindet und zwingtda zürnt er, da verzweifelt er und sinkt kraftlos in sich selbst zusammen; doch so geht's dem geist, der sich nicht selbst zu genügen weiss." – Eduard fühlte sich so bitter gestimmt, dass er hierauf nichts erwidern wollte und konnte; er entfernte sich, als er hörte, dass der Kranke in einen ruhigen Schlaf verfallen sei, und schlich am haus Emiliens vorbei, ohne zu ihren Fenstern aufzublicken. Der Herzog hatte mehrere Gäste zu seiner schönen Jokonde geladen. Baumeister, Tapezierer und Maler waren in der Stille versammelt gewesen, um das kleine Fischerhäuschen in der einsamen Gasse mit einem neuen versteckten Anbau zu versehen, der der Bewohnerin verborgen blieb, so sehr die Neugierde das schöne Mädchen plagte, zu erfahren, was im Werke sei. Robert, Massiello, Eduard und der Herzog hatten gedichtet, componirt, gemalt und Pläne entworfen zu dem Feste, dessen eingentlicher Grund ein Erröten auf Jokondens Wangen lockte, denn es galt den