1836_Ungern_Sternberg_133_11.txt

Sprünge des Alten schnell mit einem hellen Lichtakkord abschnitt, der plötzlich ernst lieblich in einen vollen, mit andächtigen Menschen und singenden Priestern angefüllten Morgengottesdienst im Schiffe einer kühnen gotischen Katedrale fiel und das Allerheiligste drinnen sanft beleuchtete. Nun war alles Friede und hohe Duldung, sanfter Ernst und heilige Bedeutsamkeit. Die tiefen Brustseufzer der Orgel hörte man nur die menschliche Sünde tönen, Engel wehten mit azurnen Fittigen kühle Frühlingsluft der Vergebung, der Busse herab, in den Beichtstühlen lagen auf den rotsammetnen Kissen schöner Mädchenlippen kostbare Festungsschlüssel, die die festesten Plätze dem Himmel offen gaben.

Der Herzog lächelte bei dieser Stelle sanft in sich hinein, er legte sich über, als zöge er mit dem mund die Töne in sich und seine Lippen sammt dem warmen wehenden Atem drängten sich an Jokondens Wange, die davon befangen wurde und stockte. Als sich Jokonde zum Kuss neigte, warf sich der Herzog lachend zurück, und das gekränkte Mädchen spielte mit zwei brennenden Zorn- und Schaamröten weiter, indem ihre hände wie in geknickten Blumen wühlten. –

Die Freunde hatten sich beim alten Fleakwout versammelt, um in später Nacht zu helfen und zu ratschlagen, denn der Alte war durch die halbgelungene Ausführung eines seltsamen Versuches dem tod nahe gebracht worden. Massiello, der gekommen war, ihn zu besuchen, hatte ihn in seinem Armstuhl ohnmächtig, und mit Blut bespritzt gefunden, in der herabgesunkenen Rechten ein Pistol eingeklemmt. Die alte Haushälterin war, durch einen Schuss herbeigerufen, erschreckt in's Zimmer gestürzt, wo sie dann vor einer halben Stunde schon den Herrn in dem bedaurungswerten Zustand entdeckte. Ein Arzt, den die Freunde herbeigerufen, erklärte jedoch die starke Verwundung am haupt nicht für tödtlich; es wurden sogleich Umschläge besorgt, Arzneimittel eingerührt, und als der Kranke mit den Zeichen eines dumpfen Bewusstseins das Auge öffnete, ward er auf's Bett gebracht und der Ruhe überlassen, indess der Doktor und die Freunde sich in das abgeschlossene Seitenzimmer begaben, um über den wunderlichen Vorfall sich zu verständigen.

"Ich kenne den alten, halb wahnsinnigen Freund," sagte der Doktor, "so viel derlei finstere Charaktere sich erkennen und durchschauen lassen, und so habe ich schon lange eine Ahnung gehegt, er werde sein Leben nicht auf dem natürlichen Wege beschliessen. Besonders hat mir das Pistolenstückchen, wie er es zu nennen pflegte, immer, wenn er davon sprach, Grausen und Entsetzen eingejagt. Es liegt in dem Gedanken etwas ganz Fürchterliches, den letzten Lebenreiz noch in einem Spiel mit dem tod zu finden."

"Wie meinen Sie das?" fragte Eduard, "was ist es mit jenem Pistolenstückchen?"

Der Arzt fuhr in seiner Rede fort. "In einer zwanzigjährigen Bekanntschaft bin ich oft Zeuge der finstersten und drohendsten Anfälle der Melancholie des Alten gewesen. So traf ich ihn eines Abends allein im Gemach, eine kleine Lampe brannte vor ihm, sein bleiches Haupt war auf beide arme gestützt, und den vor ihm liegenden Raum des Tisches nahm eine Pistole ein, die er mit weitgeöffneten, starren Augen betrachtete. Er bemerkte mein Eintreten nicht, obgleich die Flamme des Lämpchens im zug der geöffneten tür aufloderte, und mein Schattenbild riesiggross an der gegenüberstehenden Wand hinauffuhr." Als ich nun dicht hinter ihm stand, vernahm ich mit Entsetzen, wie er folgende Worte leise, doch deutlich vor sich hinsprach: "Die Ladung ist drin, aber auf der Pfanne kein Pulver, – richte ich nun den Lauf gegen meine Stirne und drücke los, so erfolgt wohl kein Schussdoches kann sich ja fügenein Körnchen von der schwarzen grässlichen Masse blieb irgendwo in einem Ritzchen des Schlosses hängen, es springt ein Funke hinzudie Ladung entzündet sich und – – – O wie süss und lieblichwahrlich, den Witz muss ich loben! Welch ein Kitzel von Wollust liegt in der kurzen unbedeutenden Frage: Wird es zünden, wird's nicht? Wie süss und zärtlich umarmt sich Tod und Leben in dem kurzen, flüchtigen Zeitpunkt einer Sekunde. O der herrlichen Spannung, des markdurchrieselnden Schauers. Der gekrümmte Finger klopft an die Pforten der Ewigkeit und horcht, ob ein 'Herein!' ertöne oder nicht."

"Wahrhaft grässlich!" rief Robert und rieb sich die hände, "ich hätte den Alten doch nicht für so originell gehalten." Eduard fühlte diese Worte wie einen Stich in seine warme Brust; es stöhnte im Nebenzimmer und die Freunde stürzten hin. Der Alte war erwacht und hatte sich vollkommen auf seinem Lager angerichtet. Als er die bekannten Gesichter gemustert hatte, sagte er verdrüsslich: "Also noch immer die alte Waare, nichts Neues, nichts Besseresund da hat man mir etwas um den Kopf gebunden, einen neuen Reif um das alte baufällige Fass. Gebt Acht, Freunde, der Wein, der drinnen gährt, ist so böser natur, dass er die morsche Tonne wohl noch einmal ganz zersprengen wird." – Massiello trat dem angeschossenen Silberhaupte nahe, schob die greisen ehrwürdigen Lokken vom Ohr und rief leise hinein: "Das war Selbstmord, was Ihr versucht habt, Alter, schämt Euch!" "Warum," war die Antwort, "ein Jeglicher hat sein Steckenpferd, ich zum Beispiel liebe nun den Selbstmord." "Alter, Alter," rief Robert, "wenn Du gesund wirst, so geh in die Kirche, da wird man Dir gute Sitten lehren." – "Kirche?" entgegnete der Greis,