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Alexander von Ungern-Sternberg

Die Zerrissenen

Dem Freiherrn

Otto Magnus von Stackelberg

gewidmet

vom Verfasser

Verehrter Landsmann und Freund!

Nicht als eine Gabe, deren Gehalt Ihrem geist und Ihren Vorzügen schmeichelt, vielmehr als ein geringes Zeichen meiner hohen achtung und Liebe für Ihre person empfangen Sie dieses Buch, das sich mit Ihrem Namen schmückt. Stets unvergesslich wird mir der Winter bleiben, wo es mir vergönnt war, in Ihrer Nähe zu leben, und der Schätze teilhaftig zu werden, die Sie in erleuchteter Wissenschaft und Kunst während eines so reichen Lebens gesammelt haben; möchte ich mich auch fernerhin Ihres Andenkens freuen dürfen, und ein Wohlwollen mich beglücken, das ich stets als den schönsten Erfolg meiner Bestrebungen ansehen werde.

M a n n h e i m , im Frühling 1831.

A. Baron Sternberg.

Es war ein kühler Herbstabend, als der Herzog Lotar seine Geliebte, die in der Vorstadt ein kleines Häuschen besass, zu besuchen ging. Er schritt stillschweigend durch die öden Gassen in Gesellschaft eines Mannes, der unter dem Mantel eine Ziter trug, auf der er manchmal einzelne Töne anschlug und selbst dazu vor sich hinlachte, als überdenke er eine komische geschichte. Als der Torwächter sie anrief und um ihre Namen fragte, rief er laut und zänkisch: "Wer denn anders, als der Herzog Lotar und Massiello sein Musiker!" Der Soldat lachte und sagte: "Ja doch, Ihr seid auch der rechte Herzog! wohl mögt Ihr zwei lustige Vögel sein, die in die nächste Schenke schleichennun immerhin, ich komme Euch nach, wenn meine Stunde um ist." – "Tor, der Du bist," brummte der Herzog, "wer hiess Dich meinen Namen nennen? Du weisst, dass mich Niemand kennen soll." "Nun," entgegnete der lachende Begleiter, "Ihr seht ja, gerade die Wahrheit hat uns am trefflichsten durchgeholfen; dass ich dem Soldaten offen gestanden, wer wir sind, das hat ihn gerade am sichersten überzeugt, dass wir es nicht sein können."

Sie kamen jetzt an die lezten Häuser, meistenteils elende, halbverfallene Hütten, die von Fischern und Strandbauern bewohnt wurden; vor einer derselben, die ein wenig besser aussah, als die übrigen, standen die Beiden und klopften an. Eine alte Magd öffnete leise und leuchtete vorsichtig mit der Laterne in die Nacht hinaus; als sie den Herzog erkannte, wich sie demütig zurück, die Beiden traten gebückt hinein und hinter ihnen schloss sich die kleine tür wieder. Im inneren des ärmlichen Hüttchens öffnete sich wider Erwarten eine Reihe, wenn auch nicht prachtvoller, doch auf das zierlichste ausgestatteter Zimmer, die auf eine kluge Weise nach der Strasse dem Auge verdeckt lagen und sich nur gegen den einsamen Hof, der sorgfältig verschlossen gehalten wurde, ausdehnten. Helle, glänzend gefärbte Wände prangten in reizenden pariser Wandgemälden, die tropischen Gewächse einer heissen Zone darstellend, nebst Badescenen, wo schwarze afrikanische Schönen sich in silberhelle Gewässer tauchten. Ein mit Gold und Ketten geschmückter Armleuchter schwebte von der Decke nieder und strömte das klare Licht von schlanken Wachskerzen auf die purpurnen Sammetsessel und Divans, welche längs den Wänden in orientalischem Luxus aufgestellt waren. Grosse, üppige Rosen und Astern hingen aus blitzenden Kristallschaalen, passend verteilt, ihre Blumenhäupter nieder, und über dem eleganten Pianoforte hing ein süsses Bild von Carlo Dolce, einen schönen Heiligen darstellend, dessen weichen Jünglingskörper blutige Märtyrwunden mehr schmückten als entstellten.

Der Fuss dess Herzogs schritt leicht und siegreich über die feinen, persischen Teppiche hin; er war eben im Begriff, die Reihe der schönen Gemächer zu durcheilen, um den Gegenstand seines Wunsches zu suchen, als dieser ihm schon aus einer Seitentüre mehr entgegen flog als trat. Ein helles, lächelndes Mädchen, das goldne Haar kunstlos auf den Nacken niederflatternd, das strahlende, grosse Auge mit einer Freudenträne gefüllt, warf sich mit entzückter Hast an die breite Brust des Geliebten; hinter ihr trat eine Dienerin ein, die sich mit dem spasshaften Musiker auf das ceremoniöseste begrüsste. Das fräulein hatte sich geschmückt, denn sie hatte um diese Stunde den Herzog erwartet, doch ihr Putz bestand darin, ungeputzt zu scheinen. Das Köpfchen, das sich an die Schulter des Freundes lehnte, trug weder Perlen noch Gold, sondern nur ein blasses Rosenknöspchen, das kaum bemerkbar in dem hellgelben Haar sich verbarg, der Schnitt des seidenen Gewandes lief ohne Garnitur von Spitzen oder Blumen um die Fülle des weissen Nackens und Halses herum, und nur um den weichen Marmorglanz des leztern zu heben, schmiegte sich ein Halsband von schwarzem Sammet, mit einem Demant fest gehalten, um die schöne Form. –

Wer das freundliche, liebliche Mädchen sah, den leichten Schmuck der Gemächer, und damit den unfreundlichen Eingang von aussen in eine niedre Fischerhütte verglich, der mochte wohl an Zauberei denken, wenigstens an die natürliche Zauberei, die ein grosser Herr sich mit dem Gegenstand seiner heimlichen Neigung zu bereiten sucht, um dem Gefühl seines Herzens die Beimischung des Wunderbaren und Hochpoetischen zu geben, welches bei den alltäglich ihn umgebenden Dingen, in der gewohnten Folge der fürstlichen Gemächer und Livréen-Gesichter gänzlich zu fehlen pflegt. Doch Jokonde schien diese Gesinsinnung nicht zu teilen, sie war ein gewöhnliches Mädchen, das gerne ihren Putz und ihren Liebhaber, so wenig Ehre das Dasein eines solchen ihr eigentlich machte, der Welt zeigen wollte. Es war ihrem mutwilligen Wesen etwas höchst langweiliges, sich in der einsamen wohnung den ganzen Tag über eingesperrt zu erhalten,