Zimmer mit einem geräumigen Alkoven zu bewohnen?"
"Nicht im mindesten", antwortete der Klavierspieler, "denn das sind wir gewohnt. Wenn zwei vertraute Freunde im fremden haus beisammen sind, so ist das der Einsamkeit, die oft lästig werden kann, sehr vorzuziehen."
Die beiden Fremden begleiteten Elsheim und Leonhard sogleich in das Schloss. Dieser eilte auf sein Zimmer, kleidete sich schnell um, und kam dann zum Abendessen in den Saal zurück.
Hier waren die fremden Musiker schon wie einheimisch; sie sprachen mit jedem, am meisten jedoch mit Emmrich, dem sie schon seit früheren Jahren bekannt waren. Als man sich an der Tafel ordnete, gelang es Leonhard nicht, neben Charlotten seinen Platz zu finden; sie vermied ihn beinahe auffallend, und es schien ihm, als wenn sie überhaupt kalt und fremd gegen ihn sei. Er kam also in die Nähe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht, wie freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Sänger sprach. Dadurch verstimmt unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen, die ihn gern anzuhören schien.
Elsheim war sehr vergnügt über die eingefangenen Virtuosen und sagte zu Emmrich: "Erst jetzt fällt es mir bei, wie wenig ich bei meinen leidenschaftlichen Teaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Entusiasmus für die Musik gedachte. Wie wird sie sich freuen, wenn sie wiederkommt, und wir ihr Konzerte geben, vielleicht gar Belmont und Constanze teilweise oder ganz aufführen können. Dann erst wird sie mit unserm Teaterbau ganz zufrieden sein."
Man machte schon allerhand Projekte, und Leonhard stand zwar gesättigt und gestärkt vom Tische auf; dennoch fühlte er, dass er der Ruhe bedürfe, um im Schlaf, wo möglich, alles das zu vergessen, was er an diesem Tage erlebt hatte.
Fünfter Abschnitt
Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer, als es der Sohn erwartet hatte. Sie hatte in der Residenz fröhliche Tage verlebt, und ihre Begleiter und Verwandten mussten dort auch ihre Klagen über die eingebildete Beleidigung aufgeben, da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen, dass Goete ein vornehmer Mann und grosser Dichter sei. Sie nahm es also mit Heiterkeit auf, als ihr Sohn ihr sagte, dass er auf morgen, zu ihrem Geburtstage, ein Lustspiel von Shakspeare aufführen würde.
Emmrich hatte das Kostüm so angeordnet, dass es geschmackvoll war, ohne irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen. Er hatte sich schon früher ungefähr so geäussert: "Der Dichter hat diesmal nicht, wie so oft, die Szene nach Italien gelegt. Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur für ein Land der Poesie und Abenteuer. Die vielen kleinen sich ungleichen Staaten dort, die Welt von Novellen, die die Engländer sehr genau kannten, die vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz, Mailand, Venedig und Verona, sowie andere Städte und ihre Namen, sehr geläufig gemacht. In diesem poetischen Scherz von Zufällen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab in eine fast unbekannte Region verlegen. Wollten wir nun die Bücher nachschlagen, oder aus älteren Gemälden die Trachten jener Illyrier uns versinnlichen, so könnte man in Gefahr geraten, dass unser verliebter, feingebildeter Fürst unserem Auge als ein Spassmacher oder komischer Charakter erschiene, dessen Anzug uns zum lachen stimmte. Der dramatische Dichter, vorzüglich im Lustspiel, kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer täuschen und überzeugen, wenn er Anspielungen, Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt. Dies haben die Engländer, vorzüglich Shakespeare, immer beobachtet. Denn dem so ist, so könnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostüm im Widerspruch stehen und in Krieg geraten. Es ist also besser, eine allgemeine poetische Kleidung anzunehmen, die auf alle jene zeiten und Stücke passt, die sich in einem dichterischen Elemente bewegen."
Man hatte also die hergebrachte ältere italienische Tracht angenommen Der Herzog ging in weissen Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel; Malvolio schwarz, Tobias mit einem roten Mantel, und Andreas ledergelb. Viola ohne Mantel, in einem kurzen, himmelblauen, unter den Knieen zusammenschlagenden Überrock, Krause, sowie den Aufschlag an den Schultern weiss, einen roten Gütel eng um die Hüften, in welchem ein feiner Degen hing. Ebenso trug sich ihr Bruder. Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer, gegen das Ende des Stücks in rosafarbnem Atlas.
Der festliche Tag war nun erschienen. Für die Mutter des Gutsherrn war wieder ein eigener Sessel vorn, ziemlich nahe an die Bühne, hingestellt, welche etwa nur um drei Fuss erhöht war. Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder zugegen; auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen, sowie verschiedene Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden. Die Baronesse war anfangs überrascht, dass der Saal anders eingerichtet, und das Teater in die Länge verlegt war. Die Bühne selbst machte einen angenehmen und heitern Eindruck, und kündigte ersichtlich an, dass sie zu einer Festlichkeit bestimmt sei. Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Säulen getragen, deren ionische Kapitäler zierlich vergoldet waren. Unten war die kleinere Innenbühne mit rotseidenem Vorhang verdeckt. Auch die Treppen waren mit farbigen Decken verkleidet, so dass die Bühne an sich selbst sein konnte, was man wollte. Und wo spielt denn diese erste Szene im Original? Im Zimmer, Saal, Vorhof? Die Bühne, um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen, müsste eben fast immer nichts als die Bühne sein wollen, ohne dass ihr der Zuschauer die Rechenschaft abforderte, welchen