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damit dich dort oben nicht alle Welt examiniert; dann kleidest du dich um und holst an der Abendtafel wieder ein, was du am Mittag versäumt hast. Auch bin ich selbst müde genug, um gern in diesem duftenden Schatten auszuruhen."

Sie setzten sich und hatten jetzt, abseits von der Landstrasse und ziemlich verborgen, die Aussicht auf diese, sowie auf das Schloss. "Du wirst es mir nicht ausreden", fing Elsheim wieder an, "dass dir heute nicht etwas Ausserordentliches begegnet wäre, denn so ganz träumerisch und verstimmt habe ich dich noch niemals gesehen. Du willst mich aber nicht zu deinem Vertrauten machen. Und vielleicht wäre es doch gut, und möglich, dass es dir manchen Kampf ersparte."

"Du quälst mich, Freund", rief Leonhard aus, "und ganz ohne Not, denn mir ist wahrlich nichts widerfahren, das nur des Erwähnens würdig wäre."

"Verschlossenheit, und gegen den Freund", sagte Elsheim wieder, "ist himmelweit von Diskretion verschieden. Ich habe viel in dieser Zeit über deine weise Teorie nachdenken müssen, die du mir so schön unterweges entwickeltest, von der geraden und krummen Linie. Die Sache verdient gewiss bedacht zu werden. Suche nur die krumme Linie künstlich wieder zurechtzuführen, wenn auch freilich so mancher Schnörkel und willkürliche Ausbeugung und Schwankung sich nicht in Regel und Zahlenverhältnis auflösen lässt."

Leonhard wollte verdrüsslich werden, und in seiner sonderbaren Stimmung erschien es ihm fast, als wenn sein Freund Händel an ihm suche. Er wollte antworten, aber seine Aufmerksamkeit, sowie die des Freundes, wurde auf das grosse und ansehnliche Gastaus des Dorfes gelenkt, vor welchem jetzt ein eleganter Reisewagen hielt, aus welchem zwei Männer stiegen. Sie sprachen mit dem Kutscher und dem Wirt der Schenke, schüttelten lachend ihre Kleider zurecht, und kamen dann Arm in Arm die breite Landstrasse herauf, anscheinend um das Schloss in der Dämmerung, welche bereits einbrach, in Augenschein zu nehmen. Als sie näher kamen, hörten die Freunde, wie einer von beiden mit überaus wohlklingender voller stimme sagte: "Ja wohl ist es besser, sich nach dem langen Fahren erst die Füsse etwas zu vertreten, als gleich dort in der Schenke Platz zu nehmen, die freilich für eine Dorfherberge reputierlich genug aussieht."

"Aber halt!" rief der andere, indem sie jetzt der Bank unter der Linde ganz nahe gekommen waren, "– sieh, Freund, von hier nimmt sich das Schloss am besten aus. Es kann nicht so ganz neu sein, denn es ist noch in einem guten Stil gebaut."

"Ja wohl", sagte der erste, "es ist so vollständig, solide und würdig. Das Verhältnis der Fenster zu den Mauern grenzt noch nicht an unsere Treib- und Sommerhäuser."

"Und der Giebel", rief der zweite, "so stark und vorragend, die beiden viereckigen Türme an den beiden Seiten, die gewiss auch zu Treppen dienen, der grosse breite Eingang, in dem die Tür doch nicht zu hoch ist: alles sieht so sicher aus. Das Tor für die Einfahrt der Equipagen ist gewiss auf der andern Seite, im eigentlichen hof."

'Und mit diesem', fuhr der erste fort, "muss dann unmittelbar der Garten verbunden sein, wenn Verstand in der Sache sein soll."

"Nein", sagte jener, "sieh, noch verständiger ist der Eingang zum Garten gleich rechts vom haus, wenn mein scharfes Auge mich nicht trügt. Das Wichtigste aber, Kamerad, ist, dass das ganze Haus mit seinem Apparat so aussieht, als wenn dort hinter den Fenstern und Mauern etwas recht Wunderbares, Apartes und Närrisches vorgehen müsste; nicht wahr, Freund?"

"Du hast recht, Bruder", sagte der erste lachend; "wie habe ich das nur übersehen können? Es quillt ja aus allen Wänden und duftet in der ganzen Atmosphäre hier so, als wäre der Steinklumpen bloss deswegen so hübsch und reputierlich ausgeführt worden, damit Schnurren, poetische Schwänke, Albertäten, Konfusionen und Liebesgeschichten dort ausgesponnen würden. Ja wohl flüstern die schönen Linden dort am Schloss nicht vergeblich den Fenstern zu. Und wenn die verteufelten Nachtigallen erst so rechts und links schlagen, um alle ihre zackigen und kugligen Passagen abzuorgeln, so muss die Verrückteit dort hinter den Mauern, wenn nur irgend junges Blut in den Stuben wohnt, nicht zum Aushalten, viel weniger zum Haushalten sein."

Elsheim hatte die beiden Schwätzer schon erkannt und ging jetzt lachend auf sie zu. "Sein Sie mir gegrüsst, meine Herren Musiker; erinnern Sie sich meiner noch aus jener kleinen Stadt, in welcher Sie sich aus Mutwillen arretieren liessen, statt ein Konzert zu geben?"

"Ei, Baron!" riefen die Fremden, und umarmten lachend den schnell Wiedererkannten. "Dies Haus ist mein", fuhr Elsheim fort, "und passt es irgend zu Ihrem Geschäft und Ihrer Reiseabsicht, mir ein paar Tage zu schenken, so werden Sie mich sehr glücklich machen."

"Wir sind so frei jetzt, wie die Fliege in der Luft", sagte der Sänger, "wir kriechen also gern bei Ihnen unter."

"So werde ich Ordre geben", sagte Elsheim, "dass Ihre Koffer nebst Ihrem Wagen bei mir untergebracht werden; nur ist mein Haus sehr überfüllt und es frägt sich daher, ob es Ihnen nicht zuwider sei, beide ein einziges grosses