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Nussbaum, die Bretter, meinen Magister und unser alltägliches Treibenwie unbehaglich, beklemmend, nüchtern und fast niedrig alles. Und doch, selbst in diesem prosaisch niedergedrückten Gefühlwelche paradiesische Heimseligkeit!

So verschwammen Gegenwart und Vergangenheit, Freude, Lust und Schmerz in seinem Gemüt; er suchte in seinem inneren und konnte nirgend die geistige Kraft entdecken, alles dies mit einem kühnen Entschluss zu durchreissen und wieder der alte zu werden.

So war die Zeit vergangen, er wusste nicht wieviel. Er stand auf und war so betäubt, dass er sich nicht erinnern konnte, nach welcher Gegend er gehen sollte, um wieder aus dem wald zu finden. Indem er sich durch Bäume und Gebüsche drängte, fiel er wieder in den Zulauf und das Getümmel seiner Gedanken und Vorstellungen. Diese feine, geistige sehnsucht, diese Fülle von Erscheinungen, sagte er wieder zu sich, dies Ahnden und die Entzückungen, alles dies, auf unser Irdisches geimpft und durch dessen Kraft so herrlich blühendes muss sich also in jene Vernichtung stürzen, wie es die höchste Befriedigung sucht, und der Mensch muss mit dem Tiere am meisten in Verwandtschaft treten, wenn er sich am sichersten zum Engel berufen glaubt? – O vieldeutiges Rätsel unsers Lebens! Wie steht die Sphinx mit lauernden, lüsternen Augen vor uns und droht, uns zu verschlingen, wenn wir uns keck an die Auflösung wagen.

Er konnte wirklich den Weg aus dem wald nicht wiederfinden, und verstrickte sich immer mehr in den Gebüschen. Ihm schien nach dem stand der Sonne, als wenn Mittag längst vorüber sein müsse, und nachdem er noch länger, ohne Erfolg, durch die verwachsene Wildnis gestrebt hatte, fühlte er sich matt und erschöpft. Als er sich ermüdet an den dicken Stamm einer alten Eiche lehnte, glaubte er in einiger Entfernung menschliche Stimmen zu vernehmen. Er ging der Richtung nach und schrie laut; man antwortete, und nach einigen Minuten schimmerten sich bewegende Gestalten aus dem Grün der Bäume hervor. Nun drängte er sich durch und gelangte auf einen kleinen freien Waldplatz, wo er den Förster antraf, der seinen Gehülfen einige Bäume zum Fällen anwies. Der Alte war sehr verwundert, den Gast seines Herrn dort und fast mit zerrissenen Kleidern zu finden; denn Leonhard hatte, besonders zuletzt, auf die Hemmungen der Gesträuche und Dornen nicht geachtet, indem er sie durchbrechend seinen Weg verfolgte.

Der alte Förster ging jetzt mit ihm, indem er sagte: "Ei ei! Herr Leonhard, Sie sind hier wenigstens andertalb Stunden vom schloss entfernt. Ich will Sie begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren, auch habe ich dem Herrn Baron einen notwendigen Rapport abzustatten."

Sie gingen den Waldweg hinunter, und als sie in das Freie kamen, sah Leonhard, dass er im Wald die ganz falsche Richtung eingeschlagen und sich immer weiter vom schloss entfernt hatte. "Sie sind", fing der Alte nach manchem andern gespräche an, "ein recht tüchtiger Komödienspieler, und ich wundere mich nur darüber, wo Sie das alles, sowie auch unser junger Baron, gelernt haben können, denn auf den schulen wird einem dergleichen doch wohl nicht beigebracht. Von dem Herrn Professor Emmrich ist es nicht zu verwundern, denn der soll schon einmal Komödiant gewesen sein und ein Direktor dazu; auch von den Weibsleuten nicht, denn denen ist dergleichen angeboren. Ich tauge nicht dazu, weil ich vielleicht zu redlich und aufrichtig bin; denn, um was recht Grosses in dem Wesen zu leisten, muss man gewiss schon recht früh ein Tausendsasa gewesen sein."

Auf dem feld begegnete ihnen der junge Baron, der, von einem Diener begleitet, spazierengeritten war. Er stieg ab und liess den Reitknecht die Pferde nach haus bringen, um mit dem Förster zu sprechen, der ihm Geschäftliches zu melden hatte. Nachdem dies erledigt war, und der Förster sich dann entfernt hatte, nahm der Baron seinen ermüdeten Freund unter dem Arm, um ihn so nach dem schloss zu führen. "Ei! ei!" sagte er im Gehen, "welche Abenteuer hast du denn zu bestehen, dass du sogar das Mittagessen versäumst? und wie siehst du aus! Matt, erschöpft, das Halstuch zerrissen, Kleid und Weste voll Moos und Dornen! Wir ängstigten uns schon alle an der Tafel, die Weiber am meisten. Alles forschte nach dir. Bediente wurden ausgeschickt, um dich zu suchen. Hat dich eine Fee entführt? Bist du unter Räubern gewesen? Hast du eine geraubte Prinzessin verteidigt und erlöst? Denn, bei Gott, du siehst so der Alltäglichkeit entrückt, so völlig verabenteuert aus, dass dir durchaus etwas höchst Seltsames muss begegnet sein."

Leonhard war ziemlich verlegen, und sein lachen, mit welchem er diese fragen beantwortete, hatte etwas Erzwungenes. Er war noch immer zerstreut, sammelte sich aber und erzählte dem Freunde, dass er sich auf einem einfachen Spaziergange im wald verirrt, dort ermüdet einige Zeit geschlafen habe, nachher ganz betäubt in eine falsche Richtung geraten und von Dornen und Gestrüpp so zerkratzt und zerrissen worden sei. Sie standen jetzt vor dem Eingange am Dorf, der Seite gegenüber, wo der Garten lag; man hatte von hier den blick auf die Hauptfaçade des Schlosses. Der Baron sah seinen Freund mit scharf prüfendem fast misstrauischem Blicke an, den Leonhard nicht zu ertragen vermochte. "Setze dich hier in den Schatten dieser Linde" sagte Elsheim dann, "wir wollen es noch dämmernder werden lassen