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Du bist vielleicht in deiner Heimat versprochen, wohl gar vermähltkann sein; damals war dir mein Herz noch nicht zugewendet, du kanntest mich noch nicht. Diese Stunden hier gehören uns und sollen uns heilig sein. Du weisst ja auch nicht, ob mein Herz nicht schon früher einmal verloren war; welch Recht hast du, darnach zu forschen? Nur die Gegenwart ist unser."

Es gibt Momente im Leben, in welchen ein Glück, selbst ein begehrtes, ängstigt und quält. Das Herz ist dann in seinen Gefühlen zerrissen und zerspalten; der Geist und Wille können sich nicht aneignen, was doch schon ihr Eigentum ist. In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt, so Wunderbares erlebte er in diesen Stunden. An diesem schönen Busen, von diesen reizenden Armen umschlossen, so herzlich geküsst und mit sehnsucht der Liebe angeblickt, fühlte er sich von einzigem Glücke, von hoher Wonne so mächtig umrauscht, dass seine Geister, auf jeden Atemzug lauschend, gleichsam betäubt wurden. Er wünschte, diese Momente der Seligkeit schon überlebt zu haben, um sich nur wieder besinnen zu können.

Es war, als wenn sie in seiner Seele läse, denn sie schmollte mit ihm und sagte aufgeregt: "Aber nicht eifersüchtig, eifersüchtig lass mich nicht werden; dies Gefühl ist das unerträglichste, welches der Mensch erleben kann. Du blickst Albertinen stets so freundlich, so lächelnd an; du lauschest auf jedes ihrer Worte: oh, Liebster, quäle mich damit nicht; denn dieses Wesen, so nahe sie mir verwandt ist, so verhasst ist sie mir in allem, was sie tut und treibt. Sie hat es ganz verlernt, natürlich zu sein, sie denkt immer nur an sich und kann niemand lieben. Diese Prüderie und Selbstsucht ist meinem Gefühl unerträglich. Sei du aber auch nicht eifersüchtig, wenn ich einmal diesem oder jenem freundlich bin, wie ich es doch nicht vermeiden kann."

Die hölzerne Uhr an der Wand hatte schon wiederholentlich geschlagen; jetzt schien Charlotte bedenklich zu werden, sie wand sich aus den Armen Leonhards, stand schnell auf, drückte ihm noch einen eiligen Kuss auf den Mund und ging vor den Spiegel, um Hut und Locken zu ordnen. "Die junge Frau wird mich draussen erwarten", sagte sie dann, "sie begleitet mich zurück; bleibe du aber noch hier, oder nimm einen andern Weg nach dem schloss zurück, damit niemand auf den Argwohn fällt, als ob wir so lange beisammen gewesen wären."

Sie nahmen Abschied, und Leonhard sah der schönen Gestalt nach, wie sie leichten Schrittes mit der jungen Frau dahinwandelte, beide in lebhaftem Gespräch. Er verliess nun das Haus und eilte sogleich in den nahen Wald, sprang über den Graben, der an der Strasse hinlief, und vertiefte sich weit hinein, wo die Bäume am dichtesten standen, wo kein Fusssteig hinführte, und wo er hoffen durfte, von keinem menschlichen Wesen aufgefunden und gestört zu werden. Er warf sich nieder und verbarg sein Haupt in das Gras, ein Tränenstrom floss aus seinen Augen, und sein Herz klopfte so ungestüm, als wenn es ihm die Brust zersprengen wollte. Wer bin ich? dachte er in diesen aufgeregten Schmerzen; was will ich? – Bin ich denn glücklich, oder in ein tiefes, tiefes Elend versunken? – Noch niemals, niemals hat mein gieriges, trunkenes Auge solche Schönheit gesehen. – Seine Einbildung wiederholte ihm in Glut und Leben alles Reizende, alles Verführerische seiner Geliebten. – Schon in meiner Jugend, dachte er dann weiter, dort und hie, in Städten und auf dem land, war mir manche Schöne freundlich, manche reiche Witwe kam mir fragend entgegen; – ich entzog mich allen, ich verlor mein Herz nicht, und muss jetzt, nach Jahren, im reifen Alter, so knabenhaft untergehen? Sie ist mir Adelheid, und ich bin fast der betörte Franz. – Lieb ich sie denn? Könnt ich denn wünschen, dass sie meine Gattin sein dürfte? – Nein, beim Himmel nicht! Wenn ich an Friederiken denkewie bin ich beschäme! – Wie erscheine mir Kunigunde wie ein grosses mächtiges Heiligenbild, von einem alten Künstler auf Goldgrund gemalt! – Jetzt verstehe ich die alten wunderlichen Märchen, die ich wohl vormals habe erzählen hören, wie ein Mensch in den Venusberg gerät und dort für immer verloren ist, von bösen Geistern festgehalten, die ihn in der Gestalt blendender Reize und verlokkender Lüste umgeben. Die alte Fabel von den Sirenen hat einen tiefen Sinn. – Ja, lieben, vergöttern muss man sie, man kann in leidenschaft ihr Blut und Leben opfern, aber man kann ihr nicht vertrauen. Und ist jene Ehrfurcht, die ich hier nicht fühlen kann, nicht vielleicht das, welches das goldene Gespinst zerreisst, in welchem uns diese echte lüsterne Liebe gefangenhält? – Wozu jene achtung und Verehrung, die fast an Freundschaft für die Matrone grenzt? – Und wagst du es, Elender, Undankbarer, dies ausgelassene, üppige Mädchen, diese köstlichste Frucht der natur, die zum Schwelgen einlädt, nicht zu achten, weil sie vielleicht niemals die Talente einer Hausfrau und ehrbaren Gattin entwickeln wird? So schön, so vornehm, so edel erzogen und mir so entgegenkommend! – Das, du Eitler, ist auch ein teil des Zaubers, der dich bestrickt! – – Wenn ich jetzt an meine Arbeit zu haus dort denke, an unsere kühle Wohnstube, den alten