begeisternden Musik und schwingen uns harmonisch in ihrem wilden Rhytmus; wollten wir dasselbe mit nüchternem Bewusstsein tun, es würde uns ewig nicht gelingen."
Sie bogen in einen Fusssteig, der durch das hohe Korn führte. "Dort am Saum des Buchenwaldes", sagte sie, "wohnt die Schwiegertochter des alten Försters; ihr Mann ist im vorigen Jahr gestorben, und ich habe mich mit dem artigen jungen Weibchen befreundet. Dort wollen wir ausruhen."
Die einsame Hütte war reinlich und anmutig, die frische Kühle, die vom wald hereinwehte, war erquickend. Die junge Frau kam der reizenden Besucherin freundlich entgegen, und sie begrüssten sich als Bekannte. Sie stellte auf den Tisch von Nussbaumholz zwei Gläser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich dann, dass sie nicht unbedeutender Geschäfte halber zu ihrem alten Vater hinüber müsse. So sassen die beiden in der kühlen Dämmerung, und es schien, als könne keines von beiden das erste Wort finden, um ein Gespräch in den gang zu bringen. Leonhard blickte sinnend umher, und es schien ihm, als wenn das Eintreten in das kleine Haus, sowie die Entfernung der jungen Frau, etwas Abgeredetes sei, welches der Zufall nicht so herbeigeführt haben könne. Warum ihn dieser Argwohn, oder diese Entdeckung, statt ihn fröhlich zu machen, schwermütig stimme, begriff er selber nicht. Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster; dann setzte sie sich wieder zu ihm und näher als zuvor, sah ihn mit ihrem süssen, verführerischen Lächeln an, und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe: "Nun?"
"Wie glücklich bin ich", sagte er nach einer kleinen Pause "mich so an Ihrer Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden!"
"So?" sagte sie, indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug; "warum sind denn diese Augen so leuchtend und schön, warum ist denn diese Stirn so sinnend und gedankenreich, wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen wissen – in einer Minute, auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe? O du Böser, Abscheulicher! Wie klang neulich das vertrauliche Du so süss von deinen Lippen!"
Sie stand auf, umschlang ihn mit ihren Armen und küsste ihn lebhaft. "Ist es dir so recht, Anmassender? Dankst du es mir nun, dass ich dich so unendlich liebhabe? dass ich dich anbeten muss? O nein, du bist nicht wie die andern Männer."
"O Lottchen!" rief Leonhard begeistert aus, "wie habe ich dich hier finden müssen, dich, du einziges Wesen! Die Sinne vergehen mir, und die Welt verschwindet, wenn ich dich so in meinen Armen halte."
Die zärtlichsten Küsse unterbrachen und hemmten das Gespräch. Sie duldete seine Liebkosungen und freute sich der entzückten Worte, die er im Taumel über ihre Schönheit aussprach. "Ist das nicht ein Leben?" rief sie endlich, "doch wohl besser, als euer einfältiges Komödiespielen! So hin und her schlendern, so stammeln in Empfindungen, die auswendig gelernt sind, Worte die sich selber nicht verstehen! Nicht wahr, ein Händedruck, ein blick aus dem innersten Auge, und gar ein Kuss, ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblüht, das ist ganz etwas anderes?"
"Geliebteste", sagte Leonhard, "freilich ist alles vergänglich und muss es sein, aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf."
"O wie kann man, wie kann man ohne Liebe leben?" erwiderte sie "sie ist das Licht und die Sonne unseres Daseins. An jedem Morgen denke ich zuerst an dich, ich warte auf dein Auge; treten wir in den Saal, so suche ich dich unter den anderen; ich hasse den, der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt. Dann hör ich deine stimme – und was ist mir Musik gegen diese Töne, aus denen deine ganze Seele spricht? Du erzählst, du streitest mit andern, dein blick trifft den meinigen, der dich schon lange gesucht hat; du redest mich an – mein Herz zittert; du lächelst – das fällt in meine Brust, wie der Frühlingsregen in die Blumen; du gehst – alles ist Schatten. Es wird Nacht. Ich sehe dich vor mir, ich halte dich in meinen Armen, ich träume von dir. Und nun der neue Morgen – und mit jedem Tage, mit jeder Stunde kommt man sich näher, man wird sich unentbehrlicher, Gemüt, Launen, Blicke, Akzente versteht man inniger – o mein Teurer, den Tod nachher, wenn das vorüber ist; denn wozu noch leben? O Himmel, wie dürr, wie elend war mein Gemüt und Herz, ehe ich dich kennenlernte! Mit dir, in dir bin ich erst geworden! Kannst du mich denn lieben, du Treuer, Einziger?"
"In diesem Kusse", erwiderte er, "in dieser Umarmung musst du es fühlen. Wer bin ich, dass du dich meiner so angenommen hast – was kann ich dir sein, dir, die du so reich begabt bist?"
"Schlage den hellen blick nicht so nieder", lispelte sie. "Du warst mir fremd, und doch liebe ich dich; du wirst uns wieder verlassen müssen, und ich werde nicht aufhören, dich zu lieben. Ich weiss von dir nichts weiter, will nichts wissen, als dass du mein bist.