1836_Tieck_097_88.txt

Bein verlor, und bringen Sie so, verehrter Herr Professor, mir und der Komödie zuliebe einen alten, tüchtigen, tapferen und welterfahrenen Mann in das Stück, der wieder, wie Selbitz, einen Stelzfuss haben kann und muss. Begreifen Sie nur, Herr Professor, dass es überhaupt in dem Stück an einem verständigen mann fehlt, denn die meisten sind wirkliche Narren. Dieser Oheim kann also klüger sein, als alle, er kann gewissermassen die Politik des Herzogs lenken; er ist auch gegen das Heiratsprojekt mit der abenteuerlichen Olivia, er möchte überhaupt gern Ruhe und Ordnung an dem verwirrten hof herstellen, und nur die phantastischen Launen des jungen Fürsten arbeiten ihm immer entgegen. Wie er seinen ehemaligen Feind, den biederherzigen Antonio, wiederfindet, ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt, den alten Groll aufgibt und sich mit ihm versöhnt; – welche herrliche, rührende Szene könnte das geben! Wie edler fiele das Ganze aus, wenn sich die schwärmerische Viola gleich von Anfang diesem biedern Alten vertraute, und er, da er ein persönlicher Freund ihres Vaters gewesen ist, ihr mit Rat und Tat beistände, so die Entwicklung und den Schluss viel vernünftiger machte und ihm einen teil des Abenteuerlichen nähme, welches so gehäuft ist, dass es den Gebildeten verletzen muss. Werter Herr Professor, dichten Sie diese Szenen hinzu und schieben Sie sie ein, und Sie werden sehen, was das Ganze dadurch gewinnen wird. Ich aber bleibe Ihnen ewig dankbar, denn Sie haben mir eine herrliche Rolle erschaffen."

Emmrich konnte es nicht unterlassen, Leonhard schalkhaft lächelnd anzusehen, worauf er sich aber gleich mit der grössten Ernstaftigkeit zum Stelzfuss wandte, indem er sagte: "Lieber Mann, es ist mir nicht möglich, Ihnen in der Kürze deutlich zu machen, wie Ihr abenteuerlicher Vorschlag auf keine Weise anzunehmen ist, weil auf diese Weise das ganze Gedicht zerstört würde. Sie scheinen es ganz vergessen zu haben, dass wir uns auch beim Götz dergleichen gewaltsame Zusätze nicht erlaubten, ja, wenn man so freibeuten wollte, könnte man auch recht bequem den Selbitz und Sickingen zu einer person vereinigen. Nein, mein Freund, bei diesem Stück können wir durchaus Ihre Unterstützung nicht brauchen."

"Nun meinetalben!" rief der Schulmeister erbost, "Sie mögen es also haben mit Ihrer Aufführung eines barbarischen Werks! Das ist nun also mein Dank, dass ich mir vorher die Mühe gegeben und zweimal als Selbitz so allgemeinen Beifall eingeerntet habe? Auch die höchsten und allerhöchsten Herrschaften haben mein Spiel gelobt und sehr gelobt, ich habe es wohl wieder erfahren und bin dadurch ausserordentlich aufgemuntert worden. Ja, ja! aber Neid, Missgunst! Wo sich einmal Talent bei einem armen, sonst unbemerkten mann zeigt, da ist es gleich diesem und jenem nicht recht, da fürchtet gleich der und der, er leide Schaden dabei, er werde verdunkelt, man könne den armen, ungelehrten, bürgerlichen Kauz wohl gar ihm vorziehen; der ist gut genug, das Vieh zu hüten und die ungezogene Dorfjugend zu prügeln. Und dass nun mein Stelzfuss zum Vorwand dienen muss, mein abgenommenes Bein, das ich vor dem Feinde und im Dienst des Vaterlandes verloren habe, das ist allzu hart, das möchte den Stein in der Erde erbarmen, das ist – –"

Er war in ein heftiges Weinen geraten, und schluchzte jetzt so stark, dass er nicht weitersprechen konnte. Emmrich war verstimmt, verdrüsslich und dennoch beinahe über diese Torheit und leidenschaft des alten Mannes etwas gerührt. "geben Sie sich zufrieden", sagte er dann, und legte ihm die Hand auf die Schulter; "wenn Sie mir eins versprechen und Ihr Wort halten können, so will ich Ihnen eine Rolle, wenn auch keine grosse, anvertrauen."

Der Schulmeister trocknete schnell seine Augen, und seine trübselige Miene ging in ein heiteres lachen über. "Sie haben", fuhr Emmrich fort, "Ihren Selbitz recht brav und mit Einsicht gespielt, nur drängte er sich zuviel vor, und Sie sprachen jedes Wort, auch das unbedeutendste, zu laut und gewichtig. Wollen Sie also meiner Anweisung folgen und sich gehörig mässigen, ganz natürlich und einfach sprechen, so sollen Sie den Fabio oder Fabian spielen, zwar keine grosse Rolle, aber einen von den wenigen verständigen Menschen im Stück, den der Dichter sich für die letzte Hälfte aufbewahrt hat. Er kann von mittlerem Alter sein, und der Stelzfuss wird nicht sehr hindern."

Der Schulmeister küsste im Rausche der Dankbarkeit und Freude die Hand des Professors, und eilte in Begeisterung fort, um sogleich seine Rolle abzuschreiben und sie auswendig zu lernen. "Über die beiden so verschiedenen Narren!" sagte Elsheim; "der eine weinte neulich, weil er mitspielen sollte, und dieser heult, weil man ihm eine Rolle verweigert. Aber schlimm, lieber Professor, haben Sie sich gebettet, denn nach Ihrer Anordnung kommt nun der Graf Bitterfeld in unmittelbare Berührung mit diesem Schulmeister und dem Verwalter."

"Wie schwer ist es", sagte Emmrich, "das Regiment zu führen, und wie verwickelt sind alle Regierungsverhältnisse!"

Die neue Einrichtung des Teaters war, da man eilte und die Gehülfen fleissig waren, in wenigen Tagen beendigt. Emmrich sagte zu Elsheim: "Da nun, wie Sie mir mitteilten, Ihre Mutter bald zurückkommt, und gleich nachher ihr Geburtstag einfällt, so denke ich, feiern wir diesen mit der Aufführung unseres Stücks, und Sie erlauben mir wohl, einen kleinen Epilog