Bühne völlig umzuarbeiten; ich war kürzlich in Weimar und sah diese Erscheinung, auf welche man, als auf eine Neuigkeit, gespannt war. Jener zufälligen Bühne, für welche sein Werk nicht passt, hat er nun die grössten Schönheiten aufgeopfert, und doch ist das Gedicht ohne alle dramatische wirkung, einige Szenen abgerechnet, in welchen er einen beinahe melodramatischen Effekt beabsichtigt hat. Dazu wird der Tod der Adelheid benutzt; eine Mummerei tritt ein, der Hauptmann der Reichstruppen ist Karikatur, Franz spricht epigrammatische Reime, und Carlchen, welches fast an unsern Kotzebue erinnert, will Weislingen, den Gefangenen, recht rührend mit dem Vater versöhnen. Selten habe ich, wie damals, mit so widrigen Empfindungen das Teater verlassen, und ich kann das durchaus Störende nicht beschreiben, wie meine Kritik mit meiner Liebe zu dem mann, der meine unbegrenzte Verehrung hat, in Hader geriet. Dort in dem Wohnsitz der Kunst durfte ich meine Empfindungen nicht laut werden lassen."
" Ich habe mir diese Darstellung", fiel Elsheim ein, "von Freunden des Dichters schildern lassen und muss sie nach diesen Berichten auch für eine merkwürdige Verirrung halten."
"Unser Teater", fuhr Emmrich fort, "hat diesem Dichter, und darin hatte er wohl recht, niemals genügt; aber er, der so viel Zeit mit Einstudieren und Einrichten so mancher unbedeutenden Stücke zubringt oder verliert, hat doch niemals die Bühne selbst reformieren oder revolutionieren wollen, sondern er meint, mit Mässigung, richtiger Deklamation, Deutlichkeit und dergleichen auch löblichen Dingen sei alles getan. Prüfen wir alle dramatischen Werke Goetes, so werden wir finden, dass ihnen jene wirkung mangelt, die auch der feinsinnigste Kunstkenner, der sich nicht durch den Stoff bestechen lässt, verlangen muss. So stehen in dem herrlichen Egmont alle an sich trefflichen Szenen still; die dramatische Strömung, die alles in Bewegung setzt, fehlt."
"Früh", sagte Elsheim, "hatte sich der Dichter daran gewöhnt jede Frage, kritische wie moralische, in Dialog zu denken und zu setzen. Diese scheinbare Verwandlung eines jeden Gegenstandes in einen dramatischen hat wohl sein Auge irregeführt. Denn nicht alles Interessante und Wichtige eignet sich zum Drama, sowenig wie jede geschichte eine historische Malerei werden kann. Dass man den Roman schon früh in die Bühnendarstellung hat ziehen wollen, scheint mir einer der grössten Missgriffe und hat die schlimmsten Verwirrungen herbeigeführt."
"Also denn, meine verehrten Freunde, wollen wir auf meinen Rat diese Bahn verlassen und unter meiner Leitung eine neue versuchen und einschlagen. Baron Elsheim und Mannlich haben ihr Gelüst an dem Lieblingswerk ihrer Jugend befriedigt, und ich werde jetzt die Gesellschaft in Anspruch nehmen, meiner Krankheit denselben Dienst zu leisten, um durch diese Bemühung vielleicht geheilt zu werden. Seit lange habe ich nämlich darüber gedacht, wie man das Gedicht von Shakespeare: den 'drei-Königs-Abend' oder 'Was ihr wollt' durch eine Aufführung ganz klarmachen und in das gehörige Licht stellen könne. Ich setze voraus, Ihnen allen ist das Gedicht bekannt: sollte ich mich aber irren, so bitte ich diejenigen, welchen es fremd ist, diesen Halbkreis zu verlassen und sich dort in die Gegend des Sofas zu begeben."
"Wem wird dies Meisterstück fremd sein!" rief Mannlich aus, aber er brach ab, indem er sah, dass sich Graf Bitterfeld still nach jenem Sofa verfügte.
"Und die Rollen?" fragte Elsheim.
"Ich glaube, ja ich bin fast überzeugt, dass wir mit diesen Mitgliedern die poetische Komödie vortrefflich ausführen können. Auch kann sich hier das Talent viel sicherer entfalten, und es wird sich zeigen, ob wir was mehr als Naturalisten sind, da wir den Götz doch mehr oder minder als Dilettanten gespielt haben."
"Sehr wahr", sagte Mannlich, und sah jeden im Kreise mit festem Auge an.
"Diese ganz dichterische Komödie", fuhr Emmrich fort, "zwingt uns, wenn wir sie nicht ganz verderben wollen, aus uns herauszutreten, und doch fordert die Zarteit und der rasche Wechsel, indem der Dichter nirgend schwerfällig verweilt, dass der Darsteller ebenfalls rasch sein muss und gehalten, nirgend Karikatur und stillstehende Grimasse. Die Aufgabe wird nun sein, dass das Wichtige auf die rechte Art hervortritt, und jede person, wie es die gelegenheit fordert, auch wieder in den Hintergrund tritt, um nicht den Sinn des Gedichtes zu stören oder selbst zu vernichten. Diese notwendige Kunst, sich zur rechten Zeit zurückzuziehen und unbemerkt zu bleiben, fehlt oft den besten Schauspielern vom Metier, die sich nur zu leicht verwöhnen, das ganze Stück und alle Szenen immerdar beherrschen zu wollen. Alle Töne klingen in diesem einzigen Werke an, Posse und Spass werden nicht verschmäht, das Niedrige selbst berührt und angedeutet, aber ebenso das Poetische, die sehnsucht, die Töne der Liebe, und dabei so viel dichterischer Eigensinn, Tollheit, Weisheit, feiner Scherz und tiefsinnige Gedanken in der Gaukelei, dass das Poem wie ein grosser vielfarbiger Schmetterling durch reine blaue Luft flattert, der Sonne und den buntfarbigen Blumen seinen goldenen Glanz entgegenspiegelt, und wer ihn haschen will, um ihn näher zu betrachten, hüte sich nur, vom leichten Duft des zartesten Blütenstaubes etwas abzustreifen, weil der kleinste Verlust die wie in Luft hingehauchte Schönheit schon verdirbt."
"Das ist es", fiel Elsheim ein, "warum so wenige Leser, die sonst den grossen Dichter zu verstehen glauben und ihn wenigstens