und hin und wieder sprach man davon, dass vielleicht in kurzem ein zweites Stück würde aufgeführt werden. Da das Teater einmal errichtet war, und man Dekorationen gemalt, sowie mancherlei Kleidung und andere Dinge zu dieser Ergötzlichkeit mit bedeutenden Kosten angeschafft hatte, so war es an sich nicht unwahrscheinlich, dass diejenigen, welche sich Talent zutrauten, auch wohl Lust haben könnten, den Scherz weiter fortzuführen. Man war daher auf etwas; Ähnliches vorbereitet, als der Professor Emmrich schon am folgenden Tage alle Bewohner des Schlosses in den Gesellschaftssaal beschied, um ihnen etwas vorzutragen. Mannlich, der zu Pferde wieder von seinem Gute eingetroffen war, befand sich auch zugegen.
"Meine Damen und Herren", – fing der Professor Emmrich mit einiger Feierlichkeit an, die seiner Laune sehr gut stand, ohne eigentlich in das Komische zu fallen – "das Leben ist kurz, der Sommer noch kürzer, wir sind beisammen, das Teater ist errichtet, wir sind meist jung, keiner veraltet und morose: was hindert uns, den Spass weiter fortzutreiben? Baron Mannlich und Elsheim waren gleichsam die Direktoren und Anstifter der vorigen Aufführung; ich wage mit Zuversicht auf Ihrer aller Freundschaft die einfache Frage, ob Sie sich für die zweite Darstellung meiner Leitung, aber freilich unbedingt, anvertrauen wollen?"
Die Redlichen und Frohherzigen gaben sogleich ihre Zustimmung, und, um nicht aufzufallen, musste Baron Mannlich dasselbe tun, ob er sich gleich durch diese Einleitung, da er sich für den ersten Kenner hielt, verletzt fühlte. "Sind wir darüber einig", fuhr der Professor fort, "so wollen wir einmal einen andern Versuch machen, der dem vorigen gewissermassen ganz entgegengesetzt ist. Denn, meine verehrten Freunde, wie gross Goete auch als Dichter sei (und wie sehr ich ihn verehre, brauche ich nicht zu wiederholen), so ist er doch keinesweges teatralisch. Dieses erste und in einem gewissen Sinne grösste und herrlichste Werk des Genius gab der Jüngling damals hin, ganz unbekümmert um seine wirkung und noch viel weniger darüber, wie es auf unserm deutschen Teater zur wirklichen Erscheinung gebracht werden könnte. Er, der die Bühne liebte, hat sie doch eigentlich niemals geachtet und noch weniger studiert. Sein Götz, welcher im Widerspruch gegen alle Gesinnung seiner Zeit war, ein Krieg gegen moderne Altklugheit und das Verkennen einer grossherzigen Vorzeit, hänselte gleichsam das bestehende Teater der Nation, auf welchem man mit puritanischer Ängstlichkeit und zugleich oft roher Ungeschicklichkeit Zeit und Raum nach den überkommenen französischen Regeln beobachten wollte. Der frohe Übermut spielte mit den sogenannten Verwandlungen legte auch in diese Überschriften Poesie und zwang diese Zufälligkeit, in seinem heroischen Werke mitzuspielen und durch das Hin und Her Eile und Verwirrung auszudrücken. Ein solches Werk, welches ganz aus Liebe hervorgegangen ist, ist durch sich selbst vollendet, denn diese echte Begeisterung irrt niemals und erschafft sich selbst ihre Regel. In diesem Gedicht stehen wir also nicht vor dem Teater, wir sehen keine Dekoration; sondern, indem wir lesen, sind wir selber mit im Gedicht, wir fühlen den Duft des Bergwaldes, wir kommen aus der Mühle im Tal, wir hören das Geklirr des wirklichen Fensters, welches Götz in kräftigem Unwillen zuwirft, und so gehört uns und unserm Empfinden eine jede dieser Überschriften von Schenke, Feld und Lager. Sehen wir nun Kulissen und die Veränderungen unserer Bühne, so wird uns statt der Wahrheit eine hergebrachte künstliche und konventionelle Täuschung untergeschoben. Dadurch allein schon erlahmt das Werk; sein Organismus aber wird völlig zerstört, wenn wir Szenen auslassen, zwei oder drei in eine zusammenziehen und jener Bühne, an welche der Dichter bei der Komposition in keinem Augenblicke dachte, zu Gefallen leben, uns vor ihr neigen und demütigen und darüber das Gedicht in Grund und Boden verderben. Denn nicht eine Zeile, nicht ein Wort, auch nicht jene Ungezogenheiten lassen sich diesem wunderbaren Werke abhandeln, ohne seinem innersten Leben zu nahe zu tun. Sie müssen dies bei der Aufführung alle selbst, mehr oder minder, empfunden haben. Teatralisch, nach unsern Begriffen, ist also dieses Kunstwerk gewiss nicht. Soll ich sagen, dass dieser Vorwurf selbst zu gross, dass er ungerecht sei? Ungern! denn weder das echte poetische Teater, noch unser konventionelles hat unser Dichter jemals finden können, auch nachher nicht, als er es suchte und sich darum bemühte. Nehmen wir also diesen Götz, so wie er eben da ist, als ein kanonisches Werk, in dem keine Zeile geändert oder gekürzt werden darf. Eine untergehende edle Zeit malt sich in diesem Gedicht, welche neueren Bestrebungen weichen muss. Der Repräsentant der alten Freiheit ist grossherzig, bieder und rüstig, aber wir sehen keine Tat von ihm, die ihn eigentlich zum Helden eines Schauspiels stempelt. Zustände, Situationen, Verhältnisse, Weisheit in Scherz und Ernst vernehmen wir; unser Gemüt ist bewegt, unsere Aufmerksamkeit rege, Bild drängt sich auf Bild; aber kein Drama, keine Handlung eines Schauspiels bereitet sich vor und entwickelt sich. Die grosse Begebenheit des Bauernkrieges erscheint nur als Episode; die noch grössere der Reformation wird kaum angedeutet. Der Kaiser ist eine Nebenfigur des Hintergrundes – und so geschichtlich alles behandelt ist, so wird die Historie der Zeit doch gleichsam verschwiegen. Und dennoch bleibt dieses Werk für uns Deutsche, wie für den Ausländer, ein einziges, mit welchem sich kein anderes messen kann, selbst nicht der Egmont desselben Autors. sonderbar, dass Goete selbst sich die überflüssige Mühe gegeben hat, seinen Götz für die