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die Sachen nicht nehmen, das ist ja ein ganz falscher Gesichtspunkt. Der Dichter muss es am besten wissen, warum er den tüchtigen Stelzbein nicht wieder auftreten lässt. Dass wir ihn nicht wiedersehn, dass wir gar nichts weiter von ihm hören, als ganz zuletzt ein einziges Wort, scheint mir eben der grösste Fehler des Stücks zu sein. Er konnte, wie bei Weislingens Bund, den Götz vom Bauernkriege abraten; er konnte zum alten Kaiser reiten und dem die ganze Kabale aufdecken; er musste den versunkenen Karren wieder aus dem Schlamme ziehen und selber dem übermütigen Sickingen helfen. So ist es aber oft die Dichter legen einen Charakter gut und richtig an, sie wissen aber nicht den gehörigen Vorteil aus ihm zu ziehen, und so müssen sie ihn denn am Ende gar nolens volens ganz fallenlassen."

"Das ist immer ein schlechter Nolenz-Volenz", bemerkte der Schulz. "Hat Euch aber der Baron als Götz nicht viel besser gefallen, als gestern der Professor?"

"Ohne Frage!" rief der Schulmeister, und alle Genossen am Tische bekräftigten diesen Ausspruch. "Wie dieser fremde Professor kann eigentlich jeder Mensch spielen, denn es war, um es geradeheraus zu sagen, gar nicht gespielt. So schlicht weg alles, so schlank hin, gar nicht einmal wie auswendig gelerntwas ist denn darin für Kunst? Unser Baron nahm den Mund so hübsch voll, liess sich so recht Zeit zu allem, stampfte so gravitätisch umher, glotzte seine Mitsprechenden so künstlicher Weise an, und plötzlich, ohne dass es ein Mensch vermuten konnte, schrie er so laut und zerarbeitete sich so fürchterlich, dass man wirklich erschrak. Nein, so leicht wird dem mann das keiner wieder nachmachen. Ich habe in alten Büchern oft von den ungeheuern Effekten gelesen, die die Trauerspiele bei den Griechen auf die Zuschauer machten, so dass schwangere Weiber zu früh in die Wochen kamen, dass andere Krämpfe kriegten, und dergleichen mehr, was ich immer nicht glauben konnte, bis ich nun erlebte, dass durch den Baron Mannlich hier bei uns ganz dasselbe hervorgebracht ist."

"Effekte!" rief der Schulze, "was sind das für Dinger?"

"Man kann es auch Wirkungen nennen", belehrte der Schulmeister, "aber Effekt ist der eigentliche Ausdruck, der in der Kunst angewendet werden muss, wenn man sich verständlich machen will. Es ist nämlich der Eindruck, welchen die Zuschauer an sich verspüren, ob sie sich wohl, ob sie sich übel befinden, wie stark sie erschrecken, weinen, oder lachen, gespannt sind und sich verwundern; alles dies, was in der Seele des Zuschauers und Hörers so durcheinander vorgeht, nennen wir Gelehrten die Effekte. Nun also, Freunde, Kinder, Nachbaren, verständige Männer habt ihr es ja alle selbst gesehen und erlebt, wie auf ganz ähnliche Weise, wie im alten Aten, unser Baron Mannlich den ungeheuersten Effekt hervorbrachte. Zwar ist keine von den Damen plötzlich in die Wochen gekommen, denn dazu waren sie zu alt, aber Krämpfe hat es doch gegeben, Krämpfe aller Art, und gefährliche Ohnmacht, so dass das Stück nicht einmal zu Ende gespielt werden konnte. Es war auf jeden Fall ein grosser, ein merkwürdiger, ein erhabener Moment."

"Lari fari!" rief der Schulze, welcher verdrüsslich war, dass der Schulmeister so lange das Wort führte, "die Weibsen erschraken über die Grobheit, die dem Baron in der Bosheit aus dem mund fuhr. Effekte! Wenn ich mit einem Male dem Kaiser und Reich so ganz unscheniert dasselbe sagen wollte; wenn ich so zum Superintendenten spräche, oder dem Landrat das böte: mein Seel, so würde ich auch Effekte machen und hervorbringen, und das kann auch ein jeder, solange er diese seine vaterländische grobe Muttersprache spricht. Ich kriegte auch von dem lieben Effekt etwas ab, denn ich musste laut lachen, wie sich der Baron so vergessen konnte."

"Einfältiger Mensch!" rief der Schulmeister, "das anstössige Wort war ja kein Einfall von ihm, es stand ja die Redensart ganz so in seiner Rolle, ich kann es Euch gedruckt im buch zeigen. Und würde denn nach dem ordinären Wort, das wir ja auch zuweilen in unseren Dörfern hören, diese ungeheuere wirkung, der erhabene, einzige Effekt sich gezeigt haben, wenn die Gemüter durch das grossartige Spiel nicht schon längst darauf wären vorbereitet worden, diese Sentenz, wie sie nun einmal ist, so aufzunehmen, wie wir es alle gesehen haben? – Wie herrlich wäre es, wenn der Baron Elsheim sein Teater bestehen liesse, dass wir zum Unterricht und zur Besserung der Gemeine nur sechs oder siebenmal im Jahre so klassische patriotische Schauspiele aufführten! wir würden bald den Nutzen davon gewahr werden."

"Es war aber doch gut", sagte der Schulze, "dass gestern der Professor die anstössige Rede wegliess."

"Verdorben hat er den Text" sagte der Schulmeister eifernd. "'Er aber, er kann sich hängen lassen!' Wie matt, nichtssagend! Es wird immer schwer, wenn nicht unmöglich sein, einem grossen Dichter eine seiner Tiraden zu rauben und eine andere an die Stelle zu setzen."

Spät erhoben sich die Gesellschaften, sowohl diese bäuerliche als jene vornehmere, von der Tafel, denn man hatte sich an beiden so gut unterhalten, dass man den Verlauf der Stunden nicht bemerkte. Die Gesellschaft war in Bewegung,