"mit den Kindern will es unserm Leonhard nicht so, wie mit anderen Dingen gelingen."
"So! So!" antwortete der Magister, "ist aber sehr schön, dass sich Dieselben ganz als Eltern gerieren, höchst erbaulich und wahrhaft christlich, an den Kleinen so viel zu wenden, der auch ein gutes Ingenium verspüren lässt."
"Der kleine Franz", sagte die Frau "ist das Vermächtnis einer Nachbarin, die arm starb und nicht wusste, wo sie die Waise unterbringen sollte; auf dem Todbette habe ich ihr versprochen, mich seiner anzunehmen. Ich bin erst seit andertalb Jahren verheiratet. Nicht wahr, Leonhard, jetzt werden es achtzehn Monate sein?"
"Du bist eine genaue Rechnerin", sagte der Mann, "mit dem gestrigen Tage war dieser Zeitraum verflossen."
Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus; dann sagte er: "Da kommt mir ein Gedanke, der zweifelsohne ein richtiger ist. Es werden jetzt acht Monate sein, dass ich sehr schwer krank darnieder lag; in meiner Armut war keine Hilfe, aber ich erhielt täglich gesunde Brühe, stärkenden Wein und Geflügel, auch Arznei, die ich nötig hatte, und kein Mensch wollte sich melden, mir die Wohltat erzeigt zu haben; aber gestehen Dieselben nur, dass Sie es gewesen sind."
"Lieber Herr Magister", sagte die Frau, "Sie sind ja unser Freund; mein Mann wünschte Sie wieder gesund zu sehen; sind wir das nicht alle unserm nächsten schuldig?"
"Ei! Ei!" fuhr der Magister gerührt fort, "nun auf Dero Wohlsein!" indem er anstiess und ein neues Glas ausleerte; "das hätte ich mir damals nicht träumen lassen! Hab ich nicht der krummen gnädigen Frau drüben auf der andern Gasse so viele Danksagungen deshalb abgestattet, die sie auch alle angenommen hat; denn ich meinte durchaus eine so edle Unterstützung müsse aus vornehmen Händen erfolgen, und ich hätte mir doch damals schon sagen können, dass Sie, Frau Leonhard, ein Engel von Frau sind."
Leonhard, der die Verlegenheit und Rührung des Magisters sah, wollte gern dem Gespräch eine andere Wendung geben; er fing an zu erzählen, wie ihn sein Vater in früher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe, und wie er selber lange geglaubt, diesen Trieb in sich zu spüren. "Nur zweierlei verdarb mir die Lust daran" fuhr er fort, "unser oberster Lehrer auf der Schule, der es nie müde werden konnte, uns lateinische Aufsätze schreiben zu lassen, weil er selber ein guter Lateiner war. Nun hatte ich zwar Sinn für die Sprachen und las die Autoren gern, aber es war mir unmöglich, in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden, und diese in die gehörigen Worte und Wendungen zu kleiden, auch merkte ich bald, dass diejenigen meiner Mitschüler, die sich in diesen Übungen auszeichneten, nur mit bekannten Phrasen spielten, die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten, und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fügen mussten."
"Richtig!" rief der Magister, "das ist der Weg, den wir Gelehrten alle im Anfange haben gehen müssen; man muss wohl in jeglicher fremden Sprache so beginnen, wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will."
"Dazu aber", antwortete Leonhard, "habe ich mich nie entschliessen können, denn es schien mir fast wie Lüge. Die zweite Störung meines Studiums war die Betrachtung, dass ich auf diesem Wege meiner leidenschaft zu reisen vielleicht nie Genüge tun könne, und doch war mir der Gedanke, wenigstens nicht mein Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen, unerträglich. Dazu kam noch, dass ich an allem Mechanischen, an eigentlicher Arbeit und Zusammensetzung ein unendliches Vergnügen fand. Wie erstaunte daher mein Vater, als ich ihm einmal plötzlich ein kunstreiches Kästchen mit vielen Schubfächern und sauber gearbeiteten Abteilungen, das ich heimlich in vielen Abendstunden verfertigt, und das jedem Tischler Ehre gemacht hätte, überreichte, und ihm dabei fest erklärte: dass ich gesonnen sei, seine Hantierung fortzusetzen. Nun fühlte ich mich im Abmessen, Zirkeln, Sägen, Einfugen und Ausrechnen aller Teile in meinem Elemente, wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die vielen Verse, die mir waren geläufig worden, nicht vergessen werden durften; und so danke ich es meinen Schulstudien, dass ich noch jetzt den Homer auf meine Art im Original lesen kann."
"Vielleicht lesen Sie auch", fragte der Magister lebhaft, "die Mutter aller Sprachen, die hebräische?"
"Angefangen habe ich es wohl", versetzte der junge Meister, "bin aber nie über die ersten Anfangsgründe hinübergekommen."
"Schadet nichts", rief der eifernde Gelehrte, "ich bin und bleibe darum doch ein Monstrum horrendum, ein widerwärtiger, erbärmlicher Mensch!" indem er sich heftig vor die Stirn schlug; "ja ja, du hochmütiger, unwissender, eitler, törichter Block du! gib nur der Wahrheit die Ehre, und gestehe laut, von welcher grege du bist, Abgeschmacktester!"
"Was fehlt Ihnen, Magisterchen?" sagte teilnehmend der kleine Freund, "sind Sie krank?"
"Ja, an der Seele", fuhr jener erhitzt fort, "am Herzen, an allen Eingeweiden. Könnt ihr's mir glauben, meine verehrten Freunde, dass ich es erst höchlich übelnahm, als mir ein Bekannter den Antrag tat