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an bis zu unserem Wieland und Clavigo und der Stella, ist immer die weiche, liebe, interessante Verführbarkeit des Mannes der Gegenstand der schönsten Gemälde und anziehendsten Verwicklungen. Jene festen, unerschütterlichen, dem Reiz und der Schönheit unzugänglichen sind eben keine echten Männer, sondern nur Larven und widerwärtige, wenigstens gleichgültige Gespenster."

Leonhard war während dieser Rede nach und nach ernstaft geworden. "Nicht wahr", fuhr sie fort, "wer gar nicht, gar nicht wanken könnte, den dürfte man doch eigentlich auch nicht treu nennen? Seine natur ohne weiteres wäre einmal so eingerichtet, und Schönheit und Reiz und mit ihnen Versuchung fänden keinen Eingang bei einem solchen. Liebeso sprechen die Menschenund was ist sie denn? Ist sie denn nicht auch Talent? Und wenn das, erfordert sie nicht Übung, Erfahrung? Und wenn sie ein Lebendiges ist, eine Wirklichkeit, kein totes Wort, muss sie sich nicht in jedem Wesen anders gestalten? Die Leute schelten jetzt auf die Stella, aber das ist es, was Goete so deutlich empfunden und dargestellt hat. Kann Ferdinand die ältere Gattin so lieben, ja auch früher so geliebt haben, wie jene wunderbare Stella, die ihn mit ihren tiefen Empfindungen an sich gerissen hat? Und dieses Gedicht der Treulosigkeit nannte unser Goete damals beim erscheinen: ein Schauspiel für Liebende. Und mit Recht; denn nur derjenige, der die Liebe empfunden und erlebt hat, kann es wissen, wie das Herz wohl so gestimmt sein kann, dass es die neue, höhere Liebe nur fühlt und rein in ihr lebt, wenn eine andere, auch echte Zärtlichkeit ihr fast schwesterlich Gesellschaft leistet. Ich spreche von Männern, denn bei Frauen äussert sich das geheimnisvolle Leben dieser Gefühle gewiss auf verschiedene Weise."

Sie traten jetzt wieder in jene abgelegene kühle Laube, deren grüner duftender Schatten sie zum Sitzen einlud. "Darin", fuhr sie fort, als sich beide gesetzt hatten, "ist auch Goete so gross und einzig, dass bei ihm jedes Verhältnis der Liebe so etwas Eigenes und Individuelles hat, wie bei keinem andern Dichter, und diese Verhältnisse, die er schildert, sind wieder unter sich so abgesondert und eigen gehalten, dass man jegliches selbst mitzuerleben glaubt. Der Frühling ist freilich immer und allentalben schön, er ist stets Frühling, aber er blüht mir doch anders am Genfersee als in der Mark entgegen, und so muss Liebe, obgleich sie innere Bezauberung bleibt, doch in jedem andern Wesen mit eigener Süssigkeit und Frische in ganz verschiedenen Traumgestalten sich aussingen und dichten. Und das, lieber Leonhard, sollte nicht zur sogenannten Untreue verlocken? sollte diese nicht selbst zu einem höchst poetischen Gewerbe machen?"

Sie sah ihn fragend mit den schönen dunkeln Augen an. Er reichte ihr die Hand und sagte nur ganz kurz: "Ich muss Ihnen recht geben." Sie drückte seine Hand mit inniger Zärtlichkeit und sagte seufzend: "O du! Du Lieber!" – Sie neigten sich zueinander, und ein heftiger langer Kuss brannte auf ihren vollen Lippen, den sie erwiderte. Dann sahen sie sich an, Hand in Hand, ohne zu sprechen; bloss ganz leise sagte Leonhard: "Lottchen! Du! Süsse!" Als sie nach einer Weile aufsahen, stand Elsheim vor ihnen, welcher sagte: "Ich suche Sie allentalben, denn es ist Tischzeit." – "So? schon?" sagte sie ganz gleichgültig und stand auf, Elsheims angebotenen Arm anzunehmen. Leonhard war hastig und in grosser Verlegenheit aufgesprungen. Er wusste nicht, wie lange der Freund schon zugegen gewesen, ob er den Kuss bemerkt habe, was er denken möchte. Alle diese Vorstellungen ängstigten ihn, und er folgte den beiden fast träumend. Es war ihm lieb, als sie Albertinen und Dorotea im Garten trafen. Indem sie über eine brücke gingen, nahm Albertine, die jetzt sehr heiter und freundlich schien, Leonhards Arm, um sich auf ihn zu stützen. Sie sah ihn dabei so hell und fast zärtlich an, dass er sich einbildete, sie drücke im Gehen seinen Arm, und er konnte sich nicht erwehren, durch einen Gegendruck diese Freundlichkeit zu erwidern. Dorotea, welche voranlief, stand plötzlich still und sah sich bedeutsam nach ihnen beiden um. Es war auffallend, dass Albertine in diesem Augenblick errötete, und Leonhard musste in seinem Gemüt die auffallende Schönheit seiner Begleiterin, sowie ihr holdseliges Wesen erwägen. In sich selbst sah er wie in eine dunkle Tiefe hinein, und die Frage drängte sich ihm lästig auf: Was will ich denn? Bin ich von jener gefangen und soll hier auch an dieser Schönheit stranden? Welcher Unterschied zwischen den beiden reizenden Wesen! Wie zwei verschiedene Welten! Ja wohl ist unser Herz unersättlich, und es fordert Kraft und Tugend, diesem Durst zu widerstehen; doch matt ist unser Gefühl, indem wir unsere Stärke üben. Und was erfolgt, wenn dies nicht geschieht? Bitteres Erwachen aus süssen Träumen!

Sie traten jetzt in den Saal, und auch Elsheim schien zerstreut, fast übellaunig, bis Wein und Speise und mannigfaltige laute gespräche alle in den Strom der geselligen Heiterkeit hineinzogen. Elsheim sass neben Charlotten und sprach sehr eifrig mit ihr; Leonhard hatte neben Albertinen Platz gefunden, und diese blieb während der Mahlzeit heiter.

Auch den Dienstleuten hatte Elsheim an diesem Tage ein kleines fest gegeben. Die Schulzen waren zugegen, sowie alle diejenigen, die als Knappen, Knechte,