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", sagte Dorotea lachend, "es war ja auch nur eine Komödie, welche er spielte."

Hier wurden sie unterbrochen, denn die Tante trat in ihr Zimmer. –

Leonhard hatte sich in den nahe gelegenen schönen Buchenwald begeben und kam jetzt durch den Garten von seinem langen Spaziergange zurück. Sowie er durch die Pforte in die Lindenallee trat, stand Charlotte im ganzen Reiz ihrer Schönheit vor ihm, lächelnd ihm entgegentretend, als wenn sie ihn erwartet hätte. "Sie werden uns ungetreu", sagte sie dann, "wenn uns die Komödie nicht vereinigte, so würden Sie immer in Feld und Wald umstreifen."

"konnte ich glauben", erwiderte er, "dass man mich vermissen möchte? und dass gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen würden?"

"Artige Worte", erwiderte sie lachend, "der ewige Text, um den sich die Unterhaltung der Gesellschaften dreht; die Auslegung ganz willkürlich, so oder so, und meist ohne Ernst und Wahrheit; Gespräch, um zu sprechen, so wie oft Noten zu Dichtern entstehen, bloss um Noten zu machen. – Aber wie waren Sie mit der gestrigen Darstellung zufrieden?"

"Von Ihnen will ich nicht sprechen", antwortete Leonhard, "denn Sie würden mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzückt ist, ist man nicht gerade in der Stimmung, um ein Urteil zu fällen. Aber haben Sie nicht auch die Darstellung Emmrichs bewundert? Er war unter uns Männern doch eigentlich allein nur der Meister. Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne Anstrengung! jede Szene so gegeben, als könnte es eben nicht anderes sein! so dass jeder Zuschauer der Meinung sein musste, er selbst würde es gerade eben auch so und nicht anders gemacht haben."

"Ein Spiel", sagte Charlotte, "so wie Sie es beschreiben, ist gewiss der Triumph der Schauspielkunst. Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders, als der Baron Mannlich. Indessen wollte ich doch, man hätte ein anderes Stück gewählt."

"Das wünschen gerade Sie?" sagte Leonhard mit einigem Erstaunen, "wo möchten Sie einen Charakter antreffen, in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit, des Reizes, der Verführung und des feinen Anstandes entwickeln könnten?"

"Sie geraten doch in jene Schmeichelei", bemerkte sie, "der Sie ausweichen wollten. Das Stück aber hat auf keine Weise meinen Beifall. Der Götz geht zu schmählich unter, und man begreift nicht, weshalb; die innere notwendigkeit tritt nicht deutlich genug hervor."

"Wie?" sagte Leonhard, "fühlen wir diese nicht in jedem Wort? Sehen wir sie nicht in jeder Szene? Die bessere Zeit geht unter, und mit ihr der brave Götz, ihr Repräsentant; sie wird verdrängt oder erdrückt von einer anderen, die uns als die der List und Verstellung, der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt; ihre Repräsentanten, Adelheid und Weislingen, gehen aber ebenfalls in dem Sturm der begebenheiten zugrunde, den sie erregt haben, den sie aber nicht bewältigen können."

"Und dann", sagte Charlotte, "tritt ein anderes Zeitalter auf, das für uns jetzt Lebende auch schon ein längst veraltetes ist; dieses verspielt sich wieder an einem einbrechenden, welches als das schwächere und schlechtere erscheint; und so geht es immer fort, und das ist die Täuschung der geschichte, die, so vorgetragen, vielleicht kein wahres Wort entält."

Leonhard ward nachdenklich und sagte dann: "Die Zeitalter wechseln wohl in Güte und Schlechtigkeit; bald tritt diese, bald jene Vortrefflichkeit mehr und deutlicher hervor, und die Aufgabe ist, an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen."

"Gut", sagte sie, "mögen das die Gelehrten und Denker tun; unsereins versteht nur das, was ewig wiederkehrt, nie wandelt, weil es selbst der Wandel ist."

"Und das wäre?" –

"Ei nun, jene Schwäche der menschlichen natur, die auch den rührenden und interessanten teil unseres Schauspiels bildet; dieser Weislingen, der so meisterhaft geschildert ist, in welchem sich die menschliche natur selbst und das eigentliche Wesen der Männer so unvergleichlich präsentiert."

"Sie meinen also –"

"Jawohl", fiel sie schnell ein, "der Weislingen ist der Mann selbst, das heisst, der wirkliche, der interessante, von dem es sich zu sprechen lohnt. Denn was wäre die Welt, wenn alle Männer so bieder, treu, unerschütterlich wären, wie dieser alte Freibeuter, der Berlichingen? Und was würde in aller Welt das Stück selbst für eine triste Physiognomie haben, wenn Weislingen und Adelheid nicht Leben und Frische hineinbrächten? Und so war es gewiss immer und zu allen zeiten. Und Götz selbst! fällt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab, um der Anführer der rebellischen Bauern zu werden? Dies Gelüst war seine neue Geliebte, die ihn zur Treulosigkeit verführte, und er muss, wie Weislingen, nur seinen eigenen Fehler büssen. Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit! aber herrschten sie allein in der Welt, so gäbe es wenigstens keine Poesie."

Leonhard musste über diese Ketzerei lachen und wusste doch im Augenblick dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen. "Können Sie mir unrecht geben?" fuhr sie nach einiger Zeit fort; "in der römischen geschichte stehen Antonius und seine Kleopatra ebenso glänzend und unglücklich da, und wo sich mein Auge hinwendet, schon von der Iliade