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, dabei nicht ohne natur, wie sie denn überhaupt ein Naturkind ist. Über alles Lob erhaben war Charlotte. In ihr sah man doch einmal eine Dame, und wie verführerisch, wie reizend! Ich habe es wohl bemerkt, dass sie dich mehr als einmal in Verlegenheit setzte, denn sie ist wirklich gar zu liebenswürdig. Der Graf Bitterfeld zeigte sich als ein denkender Schauspieler, er wird nichts, was er unternimmt, ganz verderbenaber der Schulmeister! und der Cadet! Es ist doch nichts unerträglicher, als wenn Menschen, die gar keine Anlage haben, sich in einem Talent zeigen wollen, was ihnen so ganz und völlig versagt. Diese Szenen waren unleidlich. Dann störte es auch die Illusion zu sehr, dass du zuletzt noch als Zigeuner wiederkamst. Du hattest dich zwar wundervoll entstellt und verkleidet, es half dir aber nichts, denn ich kannte dich doch wieder."

Viele von der Gesellschaft waren auf Spaziergängen zerstreut; die freundliche Dorotea war bei Albertinen, die sich unwohl fühlte und welche von der Kleinen liebkosend gepflegt und getröstet wurde. "Liebchen", sagte sie jetzt eben, "lass nur die Tante nichts von diesen deinen Empfindungen merken, denn so gut sie ist, so würde es dir doch Verdruss machen und nicht ohne Beschämung abgehen können."

"Du irrst dich", sagte Albertine eifrig, "du irrst dich völlig. Mir ist überhaupt nicht wohl, und das Spiel gestern hat mich übermässig angegriffen. Das Gedicht selbst ist ja von einer Kraft und so herzzerreissender Wehmut, dass diese Worte schneidend durch Mark und Gebein gehen. Ich begreife die andern nicht, die nachher noch heiter, ja lustig sein können. Unsern Elsheim verstehe ich gar nicht, denn ich hatte ihm diesen Leichtsinn nicht zugetraut. Selbst in den Zwischenszenen konnte er mit Charlotten lachen und scherzen. Sie freilich, die niemals fühlt, die mit dem ganzen Leben und mit allen Empfindungen nur ein Spielwerk treibt, sie hat ihre Freude daran, nur alle zu ärgern und zu kränken. Ihre Gefallsucht ist so unersättlich, dass sie jeden Mann durch ihre Künste in ihr Netz zieht; selbst den Knaben, meinen Bruder, verschmäht sie nicht. Hast du es nicht bemerkt, wie sie sogar den Stelzfuss, den alten Schulmeister, freundlich anlacht?"

"Sei nicht bitter, Kindchen", erwiderte Dorotea freundlich; "du weisst ja, wie über diese wunderlichen Launen selbst die Tante niemals etwas vermocht hat. Es ist doch eine poetische und fast wieder unschuldige Koketterie, wenn diese Charlotte allen Männern ohne Ausnahme gefallen will, und wenn es ihr Spass macht, jeden, indem sie seine Schwächen kennt und benutze, auf eine Zeitlang zu ihren Füssen zu sehen. So war sie immer, und sie wird sich jetzt nicht ändern. Du bist ihr böse, weil sie auch schon unsern Leonhard verblendet hat. Es ist nur zu sichtlich, wie schmachtend er an ihren schönen Augen hängt."

"Auch Leonhard, meinst du?" erwiderte Albertine, "das hatte ich bis jetzt noch nicht bemerkt; mir schien es, die habe es in diesen Tagen allein auf unsern Elsheim angelegt. Mag sie doch, was kümmert es mich! Und mögen alle Männer dieser gleissenden Herzlosen folgen und sie vergöttern, ist es doch einmal das Schicksal der Besseren, immerdar verkannt zu werden." – Sie weinte von neuem, trocknete dann in heftiger Eile die Augen und warf sich an Doroteens Busen.

Auch die stets heitere Dorotea weinte jetzt. "O dass dich diese leidenschaft hat ergreifen müssen, du armes Kind", sagte sie dann, "gerade zu diesem fremden mann, der uns allen unbekannt ist! Es richtet dich zugrunde, denn er scheint dir weniger als den andern zugetan; er ist wahrscheinlich längst vermählt, hat Kinder und wohnt weit von hier, ist ein Bürgerlicher, schwerlich reich, sowenig als wir. Was kommt da alles zusammen, um dich zu quälen, um dein Leben durch und durch zu vergiften! Und immer noch willst du mir diese Liebe ableugnen, du zwingst dich zur Verstellung, und dennoch muss ich fürchten, dass schon mancher andere deine leidenschaft bemerkt und erkannt hat, denn du kannst deinen Gram, besonders in seiner Nähe, zu wenig bemeistern."

"Du machst, dass ich wider Willen lächeln muss", antwortete Albertine; "dein Misstrauen und deine Teilnahme irren, durchaus irren sie; mein Herz ist frei, und mein Gemüt wird von ganz anderm Kummer gedrückt. Aber dieser Leonhard! Es wäre doch schade um ihn, wenn er sich auch von den Augen Charlottens bestricken liesse. Dieses treue, redliche braune Auge, aus welchem ein edles weiches Gemüt so zuversichtlich schaut, dass der bessere Mensch ihm vertrauen und ihn lieben muss. Ja, lieben, aber nicht, wie du es irrig meinst. Hast du wohl recht auf sein Spiel geachtet? Wie edel er alles vortrug und doch so einfach, ganz dem Charakter angemessen. Vielleicht hätte er den Weislingen besser als der Vetter dargestellt, und doch sprach der Leichtsinnige auch manches Wort so, dass es aus dem Herzen zu kommen schien. Wie hat er mich gerührt mit diesen weichen, einschmeichelnden Tönen! Ich fragte mich dann: Ist es möglich, dass man so sprechen kann, ohne wirklich zu empfinden? Das ist das Sonderbare und Fürchterliche, dass es der Lüge möglich ist, so ganz den Schein der Wahrheit anzunehmen."

"Närrisches Mädchen